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FUSSBALL »Eine wahre Goldgrube«

Ein englischer Milliardär hat traditionsreiche Clubs als Spekulationsobjekte entdeckt. Die Uefa befürchtet »Mauscheleien und Absprachen«.
aus DER SPIEGEL 43/1997

Stundenlang feilschte Michalis Trohanas, 61, mit seinem Gegenüber. Dann ergriff der Hauptaktionär des Fußballclubs AEK Athen eine Papierserviette und kritzelte darauf: »Sie sind der unnachgiebigste Mensch, dem ich je begegnet bin. Ende.«

Trohanas, als Immobilien-Tycoon in harten Vertragspokern erfahren, zerknüllte die Notiz und warf sie seinem Verhandlungspartner Daniel Levy, 35, zu. Damit war die Übernahme des griechischen Traditionsvereins durch die English National Investment Company (Enic) besiegelt. Der Kaufpreis: 14 Millionen Mark.

Levy, Geschäftsführer des Londoner Investmenthauses, hat Routine in der Akquise von Fußballclubs. Anfang des Jahres schloß der Cambridge-Absolvent einen Deal mit den Glasgow Rangers ab: Für 114 Millionen Mark erwarb die Enic 25 Prozent der Anteile des schottischen Rekordmeisters. Im Sommer gelangte ein knappes Drittel des italienischen Erstligisten AC Vicenza für 6,8 Millionen Mark in britischen Besitz. Und Ende vorvergangener Woche investierte das Unternehmen 6,5 Millionen Mark in den tschechischen Pokalsieger Slavia Prag.

Die Tendenz von Großindustriellen, Medienkonzernen oder Sportartikelherstellern, sich in Clubs einzukaufen, hat mit der Enic-Offensive eine neue Qualität erreicht. Erstmals legt sich eine Firma ein europaweites Fußball-Portfolio zu.

Die Betroffenen sind nicht immer erfreut, im norditalienischen Vicenza geriet der Fall gar zum Politikum. Eindringlich warnte Bürgermeister Marino Quaresimin vor einer feindlichen Übernahme und appellierte an den Lokalpatriotismus der örtlichen Geschäftsleute.

Als keiner zu einem Gebot bereit war, drohte der Chef des Rathauses dem Club gar mit dem Entzug der stadteigenen Spielwiese. In London wurde die kommunale Aufregung nur kühl kommentiert. »Die neuen Herren sind wir«, entgegnete die Enic-Direktion knapp. Sollte das Stadion gesperrt werden, »bauen wir eben ein eigenes«.

Die Enic, das lernen die aufgekauften Clubs alsbald, handelt nicht aus Mäzenatengeist oder Liebhaberei zum Kicken. Die Company will Gewinne erzielen. »Fußball«, schwärmt Manager Levy, »ist eine wahre Goldgrube.« Die Beteiligung an den Glasgow Rangers hat Levy bereits recht gegeben. Kaum war die Transaktion an der Börse durchgesickert, schnellten die Kurse der Enic-Aktien um 36 Prozent in die Höhe.

Die Rangers, zuletzt neunmal in Folge Schottischer Meister, sind nach Manchester United das rentabelste britische Fußball-Unternehmen. Dieses Jahr wird der Umsatz 85 Millionen Mark übersteigen, 700 Fanclubs weltweit bekennen sich zu den Rangers. Von 46 000 Plätzen im Ibrox-Park sind 40 000 fest gebucht. Für einen Aufpreis von 1200 Mark vergibt die Geschäftsstelle Dauerkarten auch für die nächsten 25 Jahre - das Stadion soll schon bald ausgebaut und zusätzliche Vermarktungschancen damit genutzt werden.

Das sind wirtschaftliche Eckdaten, wie sie Joe Lewis gefallen. Der Mann mit dem Allerweltsnamen ist 49-Prozent-Eigner der Enic. Lewis, 60, gilt als der Brite mit dem größten Privatvermögen. Es wird auf acht Milliarden Mark geschätzt. Reich geworden ist Lewis in den sechziger und siebziger Jahren im Londoner West End mit einem Catering-Service. Steinreich geworden ist er in den achtziger und neunziger Jahren als Spekulant an den internationalen Aktienmärkten. Die letzte Milliarde hat er innerhalb eines Jahres gemacht.

Vor zwei Jahren erwarb er das Enic-Paket und beauftragte seinen Konfidenten Levy, in Fußballclubs zu investieren. Europaweit klappert der Bevollmächtigte seither den Markt nach guten Adressen ab.

Der Expansionsdrang der Investoren von der Insel ist auch nach den jüngsten Abschlüssen nicht gestillt: Dem FC Basel stellten die Enic-Unterhändler sechs Millionen Mark in Aussicht. Beim AC Turin wurden die Briten ebenso vorstellig wie bei den Grasshoppers Zürich und beim bulgarischen Spitzenclub Lewski Sofia.

Die allmähliche Umwandlung der Vereine in Aktiengesellschaften macht es möglich, daß sich branchenfremde Kapitalgeber wie Lewis in Zukunft ungehemmt an der Boomsportart Fußball bereichern können. Bisher nutzten Sponsoren und Mäzene das Treiben im Stadion lediglich als Vehikel für ihre wirtschaftlichen, politischen oder gesellschaftlichen Interessen. Sie schöpften die Gewinne nicht direkt ab, sondern profitierten auf Umwegen.

So finanziert der französische Fernsehsender Canal plus, landesweit der größte Pay-TV-Anbieter, die defizitäre, international aber erfolgreiche Mannschaft von Paris-St. Germain - im Gegenzug sichern sich die Programmanbieter den Quotenknüller Fußball.

Ähnlich verfuhr Canal plus mit Servette Genf: Weil der Pay-TV-Kanal zu den Eidgenossen drängt, lenkt das Unternehmen nun die Geschicke beim populärsten Club der Westschweiz.

Gesellschaftliche Anerkennung suchte der Medienmogul Silvio Berlusconi, als er vor elf Jahren den AC Mailand übernahm. Auch dank der Europapokaltriumphe der Mannschaft wurde Berlusconi so bekannt, daß ihn Italien 1994 sogar zum Ministerpräsidenten wählte. Ein teures Vergnügen: Sein TV-Firmenverbund mußte allein in der vergangenen Saison beim AC Mailand einen Verlust von 54 Millionen Mark ausgleichen.

Einen anderen Ansatz verfolgen die Sportartikelhersteller Adidas und Nike, wenn sie sich zu Teilhabern des Fußballs machen. So pumpt die Firma aus Herzogenaurach bis zum Jahr 2001 rund 50 Millionen Mark in die Kassen von Olympique Marseille. Nike hat sich bis zum Jahr 2006 für 400 Millionen Dollar alle Vermarktungsrechte am Weltmeister Brasilien abtreten lassen. Seitdem bestimmen Nike-Strategen, wo und gegen wen die südamerikanischen Ballkünstler vorspielen - es gilt, neue Märkte zu erschließen.

Enic-Chef Joe Lewis dagegen hat eine ganz simple Vision: Er will mit Fußballvereinen handeln wie mit Schweinebäuchen. Kaufen, bevor die Kurse steigen; verkaufen, bevor sie fallen.

Sein Reich verwaltet der »Cyber-Baron« ("Sunday Times") von den Bahamas aus. Auf der Insel New Providence hat er sich auf einem 400 Hektar großen Grundstück für 42 Millionen Mark ein Anwesen errichten lassen. Kokett nennt er es »Lewis' House«.

In der Bucht von Lyford Cay ankert seine Yacht »Joanna Alexandra«, eine schwimmende Gemäldegalerie. Die Wände der Kajüten zieren Picassos, Chagalls und Monets. Lewis hat kundige Geschmacksberater: Ihm gehören 28,7 Prozent des Londoner Auktionshauses Christie's.

Europas neuer Fußballzar, der noch nie auf der Tribüne seiner Glasgow Rangers gesichtet wurde, gilt als menschenscheu, in sich gekehrt, verschwiegen. Eine seiner Töchter beschreibt Lewis als »gereizt im Umgang mit anderen«. Weil ihm der versnobte Tennisclub von Lyford Cay die Aufnahme verweigerte, ließ Lewis eine identische Anlage auf seinem angrenzenden Stück Land bauen. Danach wurde er Mitglied.

Mit seinen Fußballclubs will der Multimilliardär »im Jahr 2000 in der europäischen Superliga mitspielen«, wie sein Adlatus Levy preisgibt, »fünf sollten es bis dahin schon sein«.

Ob die Lewis-Clubs für die Champions League taugen oder nicht: In eine heikle Situation können sie schon sehr bald geraten. Diese Woche spielen AEK Athen, Slavia Prag und AC Vicenza in der zweiten Runde des Europapokals der Pokalsieger. Sollten die Teams demnächst gegeneinander gelost werden, wäre eine Wettbewerbsverzerrung nicht auszuschließen: Dürfte Prag gegen Vicenza gewinnen, wo doch in Italien die höheren Renditen erzielt werden?

»Mauscheleien und Absprachen« befürchtet Gerhard Aigner, der Generalsekretär der Europäischen Fußball-Union (Uefa), sobald »mehrere Vereine eines Besitzers an einem Wettbewerb teilnehmen«. Eine Kontrolle über die Anteilsverhältnisse der Proficlubs haben die Statutenwächter der Uefa nicht. Zwar brütet eine »Kommission für Nicht-Amateurfußballer« darüber, wie dem Vereinsmonopoly zu begegnen sei - jedoch ohne Aussicht, Einschränkungen umzusetzen.

Derzeit besteht nicht einmal eine Meldepflicht für investitionswillige Finanziers. »Welcher Club in welche Hände kommt«, sagt Uefa-Manager Aigner, »erfahren wir erst aus der Presse.«

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