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»Einer muß das Maul aufreißen«

aus DER SPIEGEL 26/1992

SPIEGEL: Der Trainer Ernst Happel hat bei dieser Europameisterschaft »nichts Neues« gesehen und ist abgereist, Kritiker bejammern den Verfall der Spielkultur. Haben Sie früher besser gespielt?

BREITNER: Früher war es falsch, mir Fritz Walter als besten deutschen Fußballer verkaufen zu wollen. Heute den Fußball von 1992 mit dem von 1972 vergleichen zu wollen ist ebenso idiotisch.

SCHUMACHER: Wir haben früher genau so einen Scheiß gespielt.

BRIEGEL: Da spricht mal wieder der Torwart. Aber es stimmt schon, wir haben 1982 und auch 1986 genau so einen Mist gespielt. Bei einem Turnier kommt es nicht nur auf die Schönspielerei an, da muß man am Anfang auch mal taktieren. Wenn du zweimal vergeigst, bist du draußen.

BREITNER: Fußball spielt sich heute zehn Meter rechts und links von der Mittellinie ab. Da wird gespielt, gehackt, gekämpft - eben gearbeitet. Daraus zu schließen, der Fußball wäre schneller geworden, ist Schwachsinn. Dem heutigen Spiel fehlt die Geruhsamkeit des langen Passes, die das Spiel früher schön und ästhetisch gemacht hat.

BRIEGEL: Was ist schon ästhetisch?

SCHUMACHER: Wenn du auf dem Platz stehst, denkst du nicht darüber nach, den schönen Paß zu spielen, damit die Leute ihren Spaß haben, du denkst nur daran, zu gewinnen. Und da ist dir jedes Mittel recht.

SPIEGEL: Sie denken wie der Engländer David Platt, der meinte, wer Unterhaltung haben wolle, sei bei einer EM falsch?

SCHUMACHER: Dann müssen die eben ins Kino gehen.

BRIEGEL: Den Leuten geht es doch gar nicht um die Ästhetik. In Kaiserslautern wird sicher kein ästhetischer Fußball zelebriert. Aber alle sind begeistert, weil nach vorne gespielt wird.

SCHUMACHER: Wenn du immer verlierst, ist jede Ästhetik im Eimer.

SPIEGEL: Von diesem EM-Fußball geht nicht viel aus. Die Franzosen des Michel Platini stolperten über den Platz, und Platini behauptet: »0:0 - so ist eben Fußball heute«.

BREITNER: Der Platini sollte ganz ruhig sein. Der wollte doch gar keine Individualisten in seinem Team, sondern nur Kollektivspieler. Deshalb ist es in die Hose gegangen. Da fehlte einer, der mal ein bißchen ausflippt, dann wären die Franzosen nicht so leicht auszurechnen gewesen. Sie haben doch so gespielt, wie der große Platini es wollte.

BRIEGEL: Wenn jetzt die Dänen, die ja erst zehn Tage vor EM-Beginn erfahren haben, daß sie anstelle Jugoslawiens dabei sind, auch noch Europameister würden, wär'' doch alles über den Haufen geworfen . . .

SCHUMACHER: . . . alle Laktatwerte kannst du dann vergessen . . .

BRIEGEL: . . . die ganze intensive Vorbereitung der anderen wäre für die Katz gewesen, mit ihren fünf Masseuren und drei Zeugwarten.

BREITNER: Der Erfolg der Dänen ist eine schallende Ohrfeige für all diese Holzköpfe, die glauben, ein Profi müsse drei, vier Wochen eingesperrt werden, um sein Spiel zu verbessern. Hier wurde wunderbar demonstriert: Das ist Schwachsinn, war es immer und wird es immer sein. Die Dänen kamen aus dem Liegestuhl vom Strand, aus dem Bayerischen Wald - und sind marschiert.

SPIEGEL: Jetzt rechtfertigen Sie Ihre berüchtigten Eskapaden in den Trainingslagern 1974 in Malente oder 1982 am Schluchsee.

BREITNER: Da mal abzuhauen, mal bis in die Nacht einen zu trinken, war richtig. Wenn du 100 Spiele in dem Jahr gemacht hast, weißt du doch, wo du die Kugel hinspielen mußt. Wenn du trotzdem drei Wochen eingesperrt wirst, mußt du dich mit irgendwas am Überleben halten. Es muß auch Spaß machen, da darf es auch mal ein Uhr werden. Schließlich hast du ja nachmittags noch mal drei Stunden Bettruhe, da gibst du dir ja sonst die Kugel.

BRIEGEL: Man muß sich konzentrieren können, wenigstens ein paar Tage lang. Dann sollte auch nicht permanent die Frau in der Nähe sein. Da fragst du dich doch immer: Wo ist sie jetzt, was macht sie jetzt?

SCHUMACHER: Bitteschön, das muß jeder selber wissen. Wenn ich Trainer wäre und der Torjäger müßte immer bei seiner Frau schlafen, um im Spiel zu treffen, ja lieber Gott, dann soll er doch. Ich wollte früher lieber eingesperrt sein, nur so konnte ich mich vorbereiten. Und ich glaube auch nicht, daß die Dänen weitergekommen sind, weil sie lockerer waren. Die sind weitergekommen, weil Franzosen und Engländer so blind gespielt haben. Die Dänen waren nicht gut, die anderen waren nur noch schlechter.

SPIEGEL: Ist Ihnen denn ein Spieler aufgefallen, der Besonderes geleistet hat?

BREITNER: Keiner, allenfalls Papin, auch wenn der schon früh wieder heimfahren mußte. Wenn aber einer aus drei Chancen zwei Tore macht, ist das schon was. Über alle anderen müssen wir uns nicht unterhalten, es ist nichts da.

SPIEGEL: Bei den Deutschen wohl auch nicht?

BREITNER: Deren Suche vor der EM nach einer Spielerpersönlichkeit war weltfremd. Man kann nicht mit dem Finger schnippen und sagen: Du bist ab sofort eine Persönlichkeit, du hast ab sofort die Verantwortung, und du bist ab sofort das Sprachrohr der Mannschaft. Da muß einer von sich aus bereit sein, Risiko zu gehen, das Maul aufzureißen, va banque zu spielen - und das hat in dieser Mannschaft keiner getan.

SCHUMACHER: Das ist eine ziemlich brave Truppe. Hier in Schweden haben sie den Zaun ums Quartier nicht gezogen, damit keiner ausbüxt, sondern damit keiner reinkann.

BRIEGEL: Der Zaun ist wirklich übertrieben. Und wenn ich dann auch noch höre, die Spieler haben bis exakt 21 Uhr Ausgang. Da kann man ja noch nicht mal essen gehen.

SCHUMACHER: Zumindest mußt du aufs Dessert verzichten.

SPIEGEL: Hätten Sie sich gegen die Bevormundung gewehrt?

SCHUMACHER: Wir hätten einfach gemacht, was wir für richtig gehalten hätten. Dann wäre auch der Typ da, der jetzt fehlt. Einer, der fragt: »Trainer, hast du Probleme? Dann laß mich spielen, ich putze sie weg.«

BREITNER: Ein oder zwei Überflieger machen den Unterschied zwischen einer gut durchschnittlichen und einer überragenden Mannschaft aus - und wir haben eine durchschnittliche Mannschaft. Die Frage ist, inwieweit einer, der jedes Jahr gutes Geld verdient, sich dann auch noch das Maul verbrennen oder sich auf seine alten Fußballertage noch in den Vordergrund spielen will. Ich sehe keinen, der das symbolisiert, was wir unter Spielerpersönlichkeit verstehen.

SCHUMACHER: Wir waren erfindungsreicher. Als wir keine Kolumnen mehr schreiben durften, haben wir das einfach Tagebuch genannt. Das vermisse ich an den Jungs, die haben nichts Trickreiches. Ich habe immer das Gefühl, die verstecken sich alle hinter dem Bundestrainer.

SPIEGEL: Das haben sie bei Franz Beckenbauer gelernt.

BREITNER: Der Franz war der Übervater, da war es unmöglich, daß da ein anderer heranwächst. Wenn die Nationalelf auf Reisen ging, haben sich 95 Prozent aller Journalisten nur für den Franz interessiert. Die anderen hätten um sich schlagen können, sie wären nicht hochgekommen.

SCHUMACHER: Der Franz hat um sich gehauen. Wenn wir bei der WM in Mexiko gewollt hätten, wäre der Franz weg gewesen. Als er uns runtermachte, wir würden eh nur die Vorrunde überstehen, da hätten wir uns nur zusammensetzen und ihm sagen müssen: Wenn du das von deiner Mannschaft denkst, dann fahr nach Hause, wir machen das hier allein.

SPIEGEL: Aber Sie haben es nicht gemacht.

SCHUMACHER: Er hat uns erklärt, er habe uns nur provozieren wollen. Wir wußten ja auch, daß der Franz eine Begabung hatte, von einem Fettnäpfchen ins andere zu springen.

BREITNER: Aber von der Persönlichkeit her, von der Ausstrahlung gab es jahrelang nur einen, das war Franz.

SPIEGEL: Beckenbauer hat auch Lothar Matthäus zu einer dominanten Figur aufgebaut.

BREITNER: Das ist eine völlig falsche Interpretation. Hätte sich der Lothar in der 29. Minute des ersten WM-Spiels gegen Jugoslawien nicht gedreht und den Ball mit links reingehauen, wäre er der Lothar Matthäus geblieben, den wir vorher hatten: ein überragendes Talent, bei dem aber irgendwas nicht zusammenpaßt. _(* Nach dem WM-Sieg 1990 in Rom. ) Doch plötzlich kam der Knackpunkt. In dieser Sekunde ist alles gekippt, in dieser Sekunde sind wir Weltmeister geworden, in dieser Sekunde ist Lothar eine Persönlichkeit geworden, ohne daß er sich geändert hat. Aber man hat ihn plötzlich geachtet, er war der große Matthäus. Dabei hat er hinterher genausoviel geredet wie vorher.

SPIEGEL: Heute redet gar keiner mehr.

BRIEGEL: Heute hat jeder Angst, daß er rausfliegt, wenn er zuviel sagt.

SCHUMACHER: In den Vereinen kriegst du doch, wenn du was sagst, erst ''ne Abmahnung, dann zahlst du fünf Mille Geldstrafe. Und wenn du das ganze Jahr einen auf den Deckel kriegst, wie sollst du dann da in der Nationalmannschaft hingehen und was sagen?

SPIEGEL: Ist da nicht der Bundestrainer gefordert?

BREITNER: Die Nationalelf wäre jetzt in der glücklichen Situation, daß sich bis zur WM 1994 in aller Ruhe eine Persönlichkeit entwickeln könnte. Wer das erkennt, könnte in eine Lücke stoßen, die so groß ist wie nie zuvor, auch vom Geschäftlichen her. Das müßte Berti Vogts seinen jungen Typen wie Effenberg, Häßler, Möller oder Doll, der für mich ein absoluter Überflieger als Fußballer ist, darlegen.

BRIEGEL: Das ist absoluter Blödsinn.

SCHUMACHER: Stell dir mal vor, der Bundestrainer kommt zu dir und sagt: Peter, in zwei Jahren ist WM, da bist du ein ganzer Kerl . . .

BRIEGEL: Das geht entweder von selbst oder gar nicht. Das muß einem doch niemand sagen.

SCHUMACHER: Ein Bundestrainer muß wie ein guter Koch sein, einer, der die verschiedensten Fähigkeiten in einem Topf so umrührt, daß da eine bestimmte Atmosphäre entsteht.

BRIEGEL: Das Training ist zweit- oder sogar drittrangig. Ein Bundestrainer muß mehr repräsentieren.

BREITNER: Berti spielt aber gern den Fußballehrer. Noch einen Tag vor dem Schottenspiel hat er beim Training Figuren laufen lassen wie beim Eiskunstlauf - und alles nur, damit am Ende einer von rechts flankt und in der Mitte einer den Ball reinschießt.

SPIEGEL: Für Vogts sind das »Hausaufgaben« ebenso wie die vielen Videobänder, die er vorspielt.

SCHUMACHER: Das hat der Franz Beckenbauer auch gemacht, die Videos hingen uns zum Hals raus.

BRIEGEL: Der Unterschied ist der: Während die heute nur eine Halbzeit gucken, weil sie pünktlich ins Bett müssen, haben wir beim Franz beide Halbzeiten gesehen.

SCHUMACHER: Ich muß allerdings sagen, daß mir das geholfen hat, ich hab'' das gebraucht.

BRIEGEL: Ein Torwart vielleicht. Beim Feldspieler sieht das schon anders aus. Auf dem Video geht dein Gegenspieler vielleicht zu 90 Prozent rechts vorbei - aber im Spiel geht er dann zu 50 Prozent links vorbei.

SCHUMACHER: Vogts will sich einfach nicht den Vorwurf machen lassen, etwas versäumt zu haben. Er will sich sagen können: Ich habe Videos, ich habe Standbilder, ich habe Berichte darüber, wie stark dieser Spieler mit dem linken und jener mit dem rechten Fuß ist.

BREITNER: Er ist, wie viele Bundesligatrainer auch, zu sehr der Typ, der sagt: Ich habe gut gearbeitet, und wenn es dennoch danebengeht, na gut. Er müßte sich davon lösen, perfekt sein zu wollen. Er ist doch ein netter Kerl, der jedem seine Meinung läßt, auch wenn er eigene, sehr dezidierte Wertvorstellungen hat.

SCHUMACHER: Der Franz Beckenbauer hat vier, fünf Stunden vor dem Spiel auch nicht immer gewußt, wen er aufstellen soll. Aber diese Mannschaft hat einfach keine Typen, die auch mal einen Konflikt ausfechten wollen. Das hier sind Typen, die erklären glatt: Wenn der Trainer sagt, ich spiele links, dann spiele ich links, wenn er sagt, ich spiele rechts, dann spiele ich rechts, wenn er sagt, ich spiele vorn, dann spiele ich vorn. Und wenn er sagt, ich spiele gar nicht, dann spiele ich gar nicht. Ende, bumm.

BRIEGEL: Wir sind früher auch bei Freundschaftsspielen rausgegangen und haben gesagt: Die müssen wir weghauen. Heute heißt so was Testspiel und darf auch mal verloren werden.

SPIEGEL: Sie durften vor allem ungehindert Ihre Vertragsangelegenheiten regeln. Vogts verlangte von seinen _(* Nach dem 1:0 im Spiel gegen Frankreich ) _(am vergangenen Mittwoch. ) Spielern während der EM geschäftliche Abstinenz. Hätten Sie da mitgespielt?

SCHUMACHER: Ich hätte gar nicht erst großartig gefragt, sondern einfach gemacht.

BRIEGEL: Da ist Vogts einem großen Trugschluß aufgesessen. In Italien und Frankreich werden die Verträge doch erst im Juni abgeschlossen, also kriegt man so was nie ganz aus der Mannschaft raus. Ich habe zum Beispiel 1984 meinen Vertrag mit Verona im EM-Trainingslager unterschrieben. Das wäre heute wohl undenkbar.

SCHUMACHER: Die kämen heute mit ihrem Papier ja gar nicht durch den Zaun.

BREITNER: Dieser Zaun ist kindisch. Wenn sie mich dahinter eingesperrt hätten, wär'' ich hingegangen und hätte gefragt: Seid''s ihr deppert, wer soll uns denn was tun? Wenn einer an den Bus pinkeln will, na bitte.

SPIEGEL: Können Sie sich vorstellen, was die Profis da hinter dem Zaun machen?

SCHUMACHER: Ich war einmal da, weil ich vom Mannschaftsarzt am Knie punktiert werden mußte.

SPIEGEL: Und wie sieht es da aus?

SCHUMACHER: Dahinter ist noch weniger los als draußen.

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Paul Breitner, Hans-Peter Briegel und Harald Schumacher kommen auf insgesamt 196 Einsätze in der Nationalelf. Mittelfeldspieler Breitner, 40, wurde 1974 Weltmeister, während es Verteidiger Briegel, 36, und Torwart Schumacher, 38, zu zwei Vizeweltmeisterschaften (1982, 1986) brachten; gemeinsam wurden sie 1980 Europameister. Bei der EM in Schweden ist das Trio journalistisch tätig: der frühere Pädagogik-Student Breitner für die Bild-Zeitung, Buchautor Schumacher ("Anpfiff") für Sat 1 und der gelernte Maschinenbauer Briegel für den Kicker.

* Nach dem WM-Sieg 1990 in Rom.* Nach dem 1:0 im Spiel gegen Frankreich am vergangenen Mittwoch.

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