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RADSPORT »Einfach durchgeknallt«

Jan Ullrich hat die Einnahme eines Dopingmittels zugegeben. Ist damit eine Heldengeschichte des deutschen Sports zu Ende? Sponsor Telekom schließt einen Rückzug nicht mehr aus.
aus DER SPIEGEL 28/2002

Es war Krieg, und sein Kopf war stumpf geworden. Er war »kalt und gleichgültig und völlig interesselos« geworden, schrieb er einmal. Manchmal wünschte er sich, dass jemand von irgendwoher käme und ihn »kaltmacht«. Irgendwann fing er an, Pervitin zu nehmen. Immer wieder schrieb er Briefe an seine Familie und bat sie, ihm neues Pervitin zu schicken.

Pervitin half dem Schriftsteller Heinrich Böll, den Krieg zu überleben.

Pervitin war eine Schwester der Droge Amphetamin. Sie erregt das zentrale Nervensystem, sie hält wach und holt die Seele aus dem Keller. Amphetamin hilft Menschen in Extremsituationen. Jagdflieger brauchten es in der Luft und Nutten, um die Nacht zu überstehen.

Der Radprofi Jan Ullrich brauchte Amphetamin, weil er nicht mehr wusste, wie sein Leben weitergehen soll.

Er war in der Klinik »Medical Park St. Hubertus«, einem Rehabilitationszentrum am Tegernsee, als ein Mann von der Kontrollagentur PWC aus München kam und im Auftrag des Deutschen Sportbundes eine Urinprobe verlangte. Es war der 12. Juni. Seit Mitte letzter Woche ist das Ergebnis öffentlich: Jan Ullrich, der Held der Tour de France, hat gedopt.

Es kann sein, dass Ullrich mit Amphetamin für ein paar Momente glücklich gewesen ist. Es ist wahrscheinlich, dass seine Karriere einen Schaden genommen hat, der nicht mehr zu reparieren ist. Es ist sogar möglich, dass er niemals mehr aufs Fahrrad steigen wird.

Im Radsport gab es Razzien, es gab Prozesse, Geständnisse und Gefängnisstrafen, und an dem Deutschen war das alles vorbeigezogen. Jetzt hat es ihn erwischt. Und mit ihm geht vielleicht eine ganze Sportart in Deutschland dahin - Ullrichs Geldgeber, die Deutsche Telekom, hält es für möglich, sich aus der Branche zu verabschieden.

Der Vertrag mit der Radsportmannschaft Team Telekom läuft noch bis einschließlich 2003. Jürgen Kindervater, der Kommunikationschef des Bonner Unternehmens, fühlt sich an bestehende Verträge gebunden. »Wir schmeißen das Zeug jetzt nicht in die Ecke.« Einerseits.

Andererseits: »Der Imageschaden für den Radsport und die Telekom ist so groß, dass wir über alles nachdenken müssen.«

Letztes Wochenende begann in Luxemburg die Tour de France. Aber diese Tour war nicht das Thema bei denen, die vom Team Telekom übrig geblieben sind. Erik Zabel sagte: »Normalerweise wird diskutiert: Wer sind die Favoriten, wo kann man eine Etappe gewinnen? - und jetzt wissen wir gar nicht, was wir denken sollen.«

Es gibt Kollegen, die sind weniger berühmt und reich als Erik Zabel. Sie haben Angst um ihren Job. Der junge Danilo Hondo sagte: »Ich war schockiert über die Ereignisse.« Es gibt Kollegen aus anderen Rennställen, die ahnen, was dieser Fall für das Gesamtunternehmen Radsport bedeuten wird. Jens Voigt, deutscher Radprofi beim französischen Team Crédit Agricole, sagte: »Vom Image her können wir nicht mehr tiefer sinken.«

Jürgen Kindervater war in den vergangenen Jahren meistens bei seinen Fahrern, wenn die Tour losging. Am Freitag der vergangenen Woche machte er sich auf den Weg an einen Ort, der geheim gehalten wurde. Er traf sich mit dem Mann, den ganz Deutschland suchte. Kindervater ist immer ein großer Bewunderer von Jan Ullrich gewesen. Er hatte Mitleid mit dem Sportler. Er sagte: »Das ist eine tiefe, tiefe menschliche Tragödie, mit der wir es hier zu tun haben.«

Aber Kindervater ist irgendwie auch Ullrichs Chef. Ullrich hat einen Vertrag unterschrieben, und in dem steht: Wer dopt, fliegt raus.

Fliegt Ullrich raus? »Das ganze Ereignis ist gravierend und dramatisch. Im Moment kann ich gar nichts mehr ausschließen«, sagte Kindervater, bevor er sich mit Ullrich traf.

Die Frage war, wie lange Jürgen Kindervater noch Geduld hat mit seinen Fahrradfahrern. Es hat ja immer wieder Fälle gegeben, die ihn in Erklärungsnot brachten: Erik Zabel, der Sprinter, hatte sich mal eine Salbe auf den Hintern geschmiert, in der Anabolika enthalten waren, die nicht erlaubt sind; im Zimmer von Alberto Elli, dem Bergfahrer, hatten Dopingfahnder Wachstumshormone gefunden; Christian Henn, der Mitfahrer, war mit Testosteron im Körper aufgefallen, das auch verboten ist. Es seien Einzelfälle gewesen, sagt Jürgen Kindervater. Zabels Verschulden war gering, Elli und Henn verließen das Team. Irgendwann sind diese Geschichten vergessen.

Dass Jan Ullrich Amphetamine nahm, wird man nie vergessen.

Es war kurz vor fünf Uhr am vergangenen Freitagnachmittag, als Jürgen Kinder-

vater seinen liebsten Sportler fragte, warum in seinem Urin Amphetamine gefunden wurden. Ullrich sagte: Er sei am 11. Juni in einer Münchner Discothek gewesen. Er habe große Mengen Red Bull mit Wodka getrunken. Es sei weit nach Mitternacht gewesen. Dann habe ihm jemand eine Tablette angeboten. Der Mann habe gesagt: »Komm, jetzt machen wir uns high.« Er habe die Tablette genommen und runtergeschluckt. Er wisse, wer der Mann gewesen sei, sagte Ullrich, aber er wolle den Namen nicht nennen. Er wisse nicht, was für eine Tablette das war. Es sei ihm auch egal gewesen.

Ist Jan Ullrich einfach nur naiv?

Mit 13 Jahren kam der Junge aus Rostock auf die Kinder- und Jugendsportschule in Berlin. Seitdem bestand sein Leben aus Radfahren, er musste über nichts anderes mehr nachdenken. Erst bauten ihn Betreuer aus dem sozialistischen Sportsystem nach Plan auf, nach der Wende hielt ein Hamburger Gebrauchtwagenhändler umfassend seine Hand über den schnellen Mann aus dem Osten. Dann kam er in eine Mannschaft, die sich um ihre Sportler kümmert, als wären sie Kinder auf einer Grundschule.

Im Team Telekom war immer für alles gesorgt. Ullrich musste nur gut die Pedale treten, und er hätte für immer ausgesorgt. Irgendwann verdiente er rund vier Millionen Euro im Jahr. Er kaufte sich einen Porsche. Und am 1. Mai fuhr er den Porsche in Freiburg betrunken gegen einen Fahrradständer.

Jan Ullrich ist jetzt 28 Jahre alt. Manchmal wirkte er, als wäre er 10 Jahre jünger.

Glaubt Jürgen Kindervater ihm? »100 Prozent«, sagt er. Ullrich habe unter Druck gestanden wie noch nie in seinem Leben. Das Knie sei kaputt gewesen. Vielleicht müsse es noch einmal operiert werden. Vielleicht sei dann die Karriere zu Ende. Er habe das nicht ausgehalten. »Es war eine eklige, blöde Dummheit«, sagt Kindervater. »Er ist einfach durchgeknallt.«

Das könnte eine Erklärung sein. Für Kindervater ist sie nur ein Teil der Wahrheit. Und er glaubt nicht an Zufälle. Er sagt, es gebe in dieser Rehaklinik einen bedeutenden Mann, der womöglich finstere Absichten gehabt habe. Dieser Mann befinde sich in einem Rechtsstreit mit der Telekom. Vielleicht habe er Ullrich für seine Zwecke benutzt. Und: Es sei schon merkwürdig, dass Ullrich heute eine Pille angeboten bekomme, und morgen stünden die Leute von der Dopingfahndung vor der Klinikpforte.

Das klingt nach einer Verschwörungstheorie.

Der Mann, den Kindervater meint, heißt Ernst Freiberger, er ist 52 Jahre alt, Berliner Großinvestor und Besitzer der Hubertus-Klinik. »Er und Jan Ullrich mögen sich sehr gerne, sie sind gut befreundet«, sagt ein Kliniksprecher. Aber dass er mit Ullrich nächtliche Disco-Touren unternommen habe oder gar für dessen Drogenkonsum verantwortlich sei, lässt Freiberger kategorisch zurückweisen: Er habe Jan Ullrich lediglich am Tegernsee besucht - mehr nicht.

Von wem die Tablette kam, warum sie kam, und ob sie überhaupt von einem anderen kam, ist jetzt ein Fall für die Staatsanwaltschaft. Die Münchner Anklagebehörde hat Untersuchungen aufgenommen: Der Besitz von Amphetaminen ohne Verschreibung verstößt gegen das Gesetz.

Jan Ullrich wird jetzt vom Bund Deutscher Radfahrer wohl für ein halbes Jahr gesperrt werden. Er ist verletzt, er hätte sowieso in dieser Zeit kein Rennen gefahren. Die Sperre stört ihn nicht weiter.

Die Frage ist, ob er überhaupt noch mal ein Rennen fährt. Jürgen Kindervater sagt: »Ich könnte verstehen, wenn er ganz mit dem Radsport aufhört.« Wahrscheinlich kommt es darauf an, was sie mit ihm machen werden, Kindervater und die Telekom.

Wer dopt, fliegt raus.

Fliegt Ullrich raus? Nachdem sich Kindervater am vergangenen Freitag mit Ullrich unterhalten hat, sagt er: »Mir fehlte früher die Vorstellungskraft, dass jemand so ein persönliches Fehlverhalten an den Tag legen kann.«

Ullrich wird bleiben dürfen. »Er ist am Scheideweg, nicht nur an dem seiner Karriere, sondern an dem seines ganzen Lebens«, sagt Kindervater. Jan Ullrich kriegt noch eine Chance, seine letzte.

Er wird nie mehr so viel Geld verdienen wie früher. Er ist beurlaubt, bis zum Jahresende muss er von dem leben, was er hat. Danach muss er wieder Radrennen gewinnen. Wenn nicht, kann er gehen.

Vergangenen Freitag war in Freiburg eine Runde von Sportwissenschaftlern zusammengekommen. Es ging dabei um die Frage, wie lange die Sportwelt noch mit dem Thema Doping leben muss. Sehr schnell kam das Gespräch auf Jan Ullrich. »Was der jetzt braucht«, sagte der Kieler Professor Herbert Haag, »ist ein Resozialisierungsprogramm.«

Sie sprachen über Jan Ullrich wie über einen Straffälligen. Es wird schwer für ihn, noch einmal ein Held zu sein.

MATTHIAS GEYER, DETLEF HACKE, UDO LUDWIG

* Mareike Fell, Xenia Seeberg, Lilia Lehner, Florentine Lahmeam 17. Dezember 1997 auf Fuerteventura.

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