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Einige von uns haben Angst

Nationalspieler Uli Hiemer über Eishockey in Deutschland Uli Hiemer, 22, war 1984 mit dem Kölner EC Deutscher Eishockeymeister. Seitdem spielt er als erster Deutscher in der amerikanischkanadischen Profi-Liga. *
aus DER SPIEGEL 19/1985

Super, bei der 50. Eishockey-Weltmeisterschaft in Prag kämpften wir Deutsche wiederum erfolgreich gegen den Abstieg. Unsere Funktionäre waren happy und sagten, wir hätten den Anschluß zur Weltspitze gesichert. Doch das Gerede vom Aufschwung ist Geschwätz.

Weltklasse sind die Russen, trotz ihrer Pleite in Prag. Die CSSR und Kanada können die Russen an guten Tagen besiegen. Wir Deutsche sind zweitklassig, mehr B-Klasse als Weltklasse.

Vor zehn Jahren waren wir genau so schlecht wie heute. Und in zehn Jahren werden wir immer noch so schlecht sein, wenn nicht bald was total geändert wird. Eishockey in Deutschland ist nicht professionell. Schuld an der Pleite sind die Vereine und die Funktionäre im Deutschen Eishockey-Bund. Die schreien noch Hurra, wenn nach fünf Toren gegen uns endlich mal eins für uns fällt.

Die Russen, die Tschechen, die Kanadier und die Amerikaner spielen Eishockey viel konsequenter. Nur wer Erfolg hat, verdient gut. Viele Spieler in der nordamerikanischen National-Liga kassieren jährlich 100 000 bis 150 000 Dollar, die Besten sogar eine Million.

In der Bundesliga kriegen etwa 20 Leute gutes Geld für mäßiges Spiel. Wenn sie dann in der Nationalmannschaft spielen, fühlt sich jeder als der Größte, keiner ordnet sich unter.

Der Dieter Hegen aus Kaufbeuren, einer unserer talentiertesten Spieler, kam mit fast fünf Kilo Übergewicht nach Prag.

Der Bundestrainer, der Kumpel Xaver Unsinn, haut viel zu selten mal einen in die Pfanne. Die Trainer der Spitzenmannschaften UdSSR, CSSR, USA und Kanada üben einen ungeheuren Druck auf ihre Spieler aus. Wer nicht spurt, guckt zu.

Der Bundestrainer frißt den Ärger in sich hinein und sagt nichts. Unser Xaver Unsinn hat die Entwicklung der letzten zehn Jahre verpaßt.

Die laxe Einstellung fängt bei uns schon in der Nachwuchsarbeit an. Es fehlt an Schulung und Drill. Wir können allenfalls gut den Schläger halten. Laufen, passen von Mann zu Mann und kämpfen wie die Kanadier oder Amerikaner können wir nicht. Einige von uns haben sogar Angst.

Unsere Jungs klagen immer, sie müßten zu viele Spiele bestreiten. In Kanada und in den USA gibt es für Eishockeyspieler nur zwei freie Tage in der Saison, Weihnachten und Silvester. Bei uns wird freitags und sonntags gespielt, drüben auch noch am Dienstag, an den anderen Tagen wird hart trainiert.

Trotzdem bin ich froh, bei den New Jersey Devils in der National Hockey League zu spielen. Das erste Jahr hat mich weiter gebracht als zehn Jahre auf deutschem Eis. Drüben kämpfen vor der Saison im Trainingscamp 70 Spieler um die 20 Plätze im Meisterschaftskader.

Das Unternehmen Deutscher Eishockey-Bund kann man vergessen. Solange es keine Profi-Liga gibt, läuft nichts. Unsere Funktionäre lehnen die Profi-Liga ab, weil sie Angst um ihre Posten haben. Vom Eishockey haben sie keine Ahnung, sie sind Laien.

Was in Deutschland fehlt, sind gutbezahlte Manager an der Spitze, möglichst Rechtsanwälte, die Verträge aushandeln können. Ein guter Manager bringt mehr als zehn Amateure, die nur beim Singen gut sind.

Auch wenn unsere Funktionäre jubeln, wenn wir mal die DDR oder Finnland besiegt haben oder wenn wir gegen Schweden nicht mehr hoch verlieren: Das zählt nicht. Unsere paar Siege waren Glückssache. Nicht wir sind besser geworden, sondern die Finnen und Schweden sind schlechter geworden. Das ist das ganze Geheimnis unseres angeblichen Erfolges.

Uli Hiemer
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