Zur Ausgabe
Artikel 76 / 120
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Tennis EINIGE WÜNSCHE FREI

Die Renaissance des Herrentennis lockt die Vermarkter wieder in Scharen. Solange Boris Becker und Andre Agassi noch siegen können, wollen die Makler am Boom teilhaben. Besonders auf dem lukrativen deutschen Markt wird erbittert um die Lizenzen gefeilscht: Intime Feinde versuchen, alte Rechnungen zu begleichen.
aus DER SPIEGEL 21/1995

Seit der Amerikaner Mark Miles nach Europa umgezogen und regelmäßig in Deutschland unterwegs ist, empfindet er seine Dienstreisen als Trip durch eine Fabelwelt.

Im Boris-Becker-Land fand der Direktor der Tennis-Profi-Organisation ATP wieder Spieler, die ihm »menschlich, attraktiv und fürsorglich« vorkamen und nicht maßlos und arrogant. Er beobachtete Kinder, die erst so groß waren wie ihre Tennisschläger und schon »so werden wollten wie Andre Agassi«.

Miles las in einer Studie, daß 26,34 Millionen Deutsche am weißen Sport interessiert seien. Und schließlich konnte der ATP-Chef einen Sponsorvertrag mit jenem Autobauer abschließen, der »global für allerbeste Qualität steht": Mercedes und das Profitennis gingen eine Zugewinngemeinschaft ein.

Das Zentrum alles Guten, glaubt Direktor Miles, 41, nun, sei Deutschland. Hier, hat der von einer weltweiten Krise seiner Branche getroffene Amerikaner erleichtert erkannt, »lebt der Markt«.

Tatsächlich schaukelt sich in den VIP-Logen und Spielerhotels in diesen Wochen ein beispielloser Kampf um Turnierlizenzen und Werberechte hoch. Das Spiel interessiere nicht, den Herren des Tennis gehe es in Wahrheit, so ein Funktionär des Deutschen Tennis Bundes (DTB), nur um eines: »Wer kriegt was, und wer ist der Loser?«

Als hätte es zur Wiederbelebung des scheinbar ausgereizten Geschäfts nur neuer Siege des lange formschwachen Becker bedurft, wollen plötzlich Fernsehrechte-Händler wie die Firmen ISPR und Ufa ganze Veranstaltungen kaufen; da versuchen Intimfeinde, der Rumäne Ion Tiriac und der Münchner Axel Meyer-Wölden, offene Rechnungen auf dem Tennisplatz zu begleichen; da will die Stadt Hannover, Gastgeberin der Weltausstellung Expo 2000, den Frankfurtern das ATP-Finale streitig machen. Und zwischen allen Beteiligten gibt es Querverbindungen, die aus jedem Vertrag eine kleine Zeitbombe machen.

Am Freitag der vorvergangenen Woche tauchten der ISPR-Geschäftsführer Daniel Beauvois und Meyer-Wölden, die graue Eminenz der Firma, in der Hamburger Zentrale des DTB auf. »Mit leicht spöttischem Unterton«, so Gesprächsteilnehmer, habe Meyer-Wölden seine Pläne dargelegt - dabei seien die Vorschläge nichts anderes als eine Kampfansage sowohl an die Makler-Konkurrenz als auch an die Verbandsfunktionäre, die der Münchner Anwalt ohnehin als Anachronismus empfindet.

ISPR, so erläuterte das Duo den Funktionären, wolle dem Verband für drei Jahre die Werbe- und Veranstaltungsrechte an den Davis-Cup-Heimspielen abkaufen. Der Pakt solle mit dem möglichen Davis-Cup-Finale der Deutschen Becker und Michael Stich gegen die Amerikaner Agassi und Pete Sampras im Dezember beginnen. Bei diesem Showdown, schätzt Tiriac, werden 15 Millionen Mark umgesetzt.

Was die harmlos vorgetragene Anfrage so brisant macht: Die ISPR ist ein Konkurrent der Bertelsmann-Tochter Ufa, die vom Verband bereits die TV-Rechte erstanden hat. Die Funktionäre schüttelte es beim Gedanken an den Deal ebenso wie die Konkurrenz: Ufa-Geschäftsführer Bernd Bauer denkt über eine Gegenofferte nach.

Da Meyer-Wölden jedoch auch Beckers Interessenvertreter ist und in dieser Funktion den DTB schon mehrfach mit der Andeutung eines Spielverzichts erschreckte, rätseln die Verbandsherren noch immer, ob das Angebot des selbstbewußten Juristen »nicht eigentlich eine Drohung« war. Spielt, so grübeln sie, Becker auch dann noch im Davis-Cup-Team mit, wenn sein väterlicher Freund vom DTB eine Abfuhr bekommt?

Herr Becker drohe nicht, sagt Meyer-Wölden, doch »ausreichend Fingerspitzengefühl« dürfe man ja wohl verlangen. Herr Becker hat nämlich einen Wunsch: Er möchte nicht seinem ehemaligen Manager Ion Tiriac als Davis-Cup-Vermarkter wiederbegegnen.

Beim großen Zocken um die künftige Inszenierung der Davis-Cup-Veranstaltungen war Tiriac allen anderen Bewerbern (auch IMG, die International Management Group, bietet noch mit) zunächst einen Schritt voraus. Die Firma World Sport Marketing (WSM) seines Adjutanten Dan Petrescu hatte als erste ein konkretes Angebot eingereicht.

Dabei schien Tiriac, vom Weltstar vor zwei Jahren verlassen, weil Becker sich bei Geschäften hintergangen fühlte, noch vor wenigen Monaten von den großen Geschäften ausgeschlossen zu sein. Doch dann glückte dem Rumänen ein dreifaches Comeback.

Über seine Tochterfirma WSM war Tiriac im Februar in Karlsruhe erstmals wieder für den DTB im Davis-Cup-Einsatz - gegen ein Honorar von etwa 70 000 Mark. Als dann die Veranstalter des Turniers von Antwerpen aufgeben mußten, stand Tiriac als Ersatzmann bereit: Vom Oktober an darf er nun, zunächst in Essen, ab 1996 in Stuttgart, das bestbesetzte deutsche Hallenturnier als eine der neun Top-Veranstaltungen der ATP organisieren.

Und auch im Wettstreit um die Vergabe des ATP-Finales liegt er vorn. Tiriac, Mercedes-Generalimporteur für Rumänien, macht bei der ATP »allen Einfluß, den ich habe«, für Hannover geltend. Aufsichtsratsvorsitzender der Expo GmbH, die sich die Weltmeisterschaft als Werbeplattform für die Weltausstellung ausgeguckt hat, ist Mercedes-Chef Helmut Werner - und der hat bei Miles »einige Wünsche frei«.

Die neue Macht des einst abgehalfterten Rumänen bringt den Verband wieder dorthin zurück, wo er in den letzten Jahren häufiger war - zwischen alle Stühle. DTB-Generalsekretär Günter Sanders besann sich in der Not auf die alte Verbandstaktik, das Zeitspiel. Er schickte die Tiriac-Offerte »zur Überarbeitung wirtschaftlicher Daten« zurück.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 76 / 120
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.