Deutschland verliert Halbfinale der Eishockey-WM Mit den Besten auf Augenhöhe

Gegen Titelverteidiger Finnland war das deutsche Eishockey-Nationalteam spielerisch überlegen. Dass es nicht zum WM-Finale reichte, lag an der fehlenden Abgezocktheit – und einem Riesen im finnischen Tor.
Kapitän Moritz Müller Auge in Auge mit Finnlands Saku Mäenalanen

Kapitän Moritz Müller Auge in Auge mit Finnlands Saku Mäenalanen

Foto: via www.imago-images.de / imago images/ActionPictures

Die Szene des Spiels: Keine Viertelstunde war gespielt in der Arena Riga, und auf dem Eis ereignete sich bis hierhin Erstaunliches. Sechs zu zwei Schüsse hatten die deutschen Außenseiter gegen Finnland nach zehn Minuten abgegeben, es folgte die erste Powerplay-Phase: Das WM-Finale schien greifbar. Doch kaum war der finnische Titelverteidiger wieder vollzählig, bot sich Anton Lundell erstmals richtig Platz. Das 19 Jahre alte Toptalent hatte das Auge für Iiro Pakarinen – und der wiederum die Chuzpe, den Puck dem deutschen Goalie Mathias Niederberger geradewegs durch die Hosenträger zu jagen.

Das Ergebnis: 1:2 (0:2, 1:0, 0:0) unterlag die deutsche Nationalmannschaft den Landsmännern von Bundestrainer Toni Söderholm. Hier geht es zur Spielmeldung.

Raus aus der Komfortzone: Das Resultat war der Zwilling der Vorrunden-Niederlage gegen Finnland. Schon die war knapp, doch Söderholm wollte knappe Niederlagen vorab partout nicht zum Anlass für große Hoffnungen nehmen. »Ich bin der Meinung, dass wir in unserer eigenen Komfortzone gespielt haben«, urteilte der Finne vor dem Rematch im WM-Halbfinale.

Bundestrainer Toni Söderholm coachte leidenschaftlich

Bundestrainer Toni Söderholm coachte leidenschaftlich

Foto: via www.imago-images.de / imago images/ActionPictures

Das erste Drittel: Auf dem Eis setzte seine Mannschaft die Vorgaben direkt um, überzeugte mit couragiertem Forechecking und hatte durch Markus Eisenschmid die Großchance auf die Führung (11. Minute). Doch die »Leijonat«, die finnischen Löwen, erwiesen sich als geschickte Lauerjäger: Nach Pakarinens Führungstreffer legte Hannes Björninen nach (19.), zuvor hatte Lukas Reichel den Puck ohne Not an Marko Anttila verloren. Der Favorit war früh auf Kurs.

Gesundes Selbstvertrauen: Noch störte das die deutschen Eishockeyspieler nicht. Schon im Viertelfinale gegen die Schweiz hatte man schließlich einen 0:2-Rückstand noch gedreht, und die rein spielerischen Kräfteverhältnisse ließen die Finnen zwar effizient und stabil, aber keinesfalls unschlagbar wirken. »Ich glaub auf jeden Fall, dass wir die bessere Mannschaft sind«, sagte Dominik Kahun im Pauseninterview. »Kann mir keiner erzählen, dass wir das nicht sind. Die Finnen hatten nix.« Nur die kleinen Fehler, die müsse man abstellen.

Das zweite Drittel: Und das tat man – allmählich. Zunächst demonstrierten die Finnen, dass sie sich nicht bloß hinten einigeln wollten: Durch Forechecking brachten sie das deutsche Spiel aus dem Rhythmus und kamen zu ein wenig Entlastung. Als dann auch noch Jonas Müller wegen Beinstellens für zwei Minuten vom Feld musste, warfen sich die verbliebenen DEB-Spieler in jeden Puck, um irgendwie im Spiel zu bleiben. Mit Erfolg: Die finnische Druckphase verebbte, die Deutschen gerieten ihrerseits in Überzahl. Dann zog Matthias Plachta ab – und schoss rechts oben zu seinem vierten Turniertreffer ein.

Krake versus Übermacht: Im zweiten Drittel hatte auch Goalie Niederberger sich rehabilitiert, den Finnen mit guten Reaktionen und starkem Stellungsspiel Paroli geboten. Der im Netz zuletzt als »Krake von Riga« gefeierte Schlussmann war jedoch nicht der einzige Spitzengoalie auf dem Eis: Juho »Jussi« Olkinuora im finnischen Tor wurde von Minute zu Minute mehr zum Spieler des Turniers. Schon im Viertelfinale gegen Tschechien hatte Olkinuora überragend gehalten, auch gegen die DEB-Auswahl wuchs der 1,88 Meter große Finne über sich hinaus. Schuss um Schuss parierte Olkinuora – und, noch beeindruckender: Er machte fast jeden Puck fest, ließ kaum Nachschusschancen zu.

Beinahe unüberwindlich: Juho »Jussi« Olkinuora

Beinahe unüberwindlich: Juho »Jussi« Olkinuora

Foto: GINTS IVUSKANS / AFP

Das dritte Drittel: Die Schlussoffensive hatte begonnen. Kahun (43.), Müller (45.), Moritz Seider (48.) – der finnischen Abwehr flogen die Pucks geradezu um die Ohren. Allein Marcel Noebels war zweimal ganz dicht dran am Ausgleich, verfehlte erst das lange Eck knapp (52.) und scheiterte dann aus kurzer Distanz am überragenden Olkinuora (56.). Sekunden vor Spielende provozierte Finnlands Atte Ohtamaa noch eine deutsche Zeitstrafe, nachdem er sich selbst mit dem Stock im Gesicht getroffen hatte und theatralisch zu Boden gegangen war – als das auffiel, musste Ohtamaa auch selbst auf die Strafbank.

Rematch im Finale: Im Endspiel kommt es nun zur Neuauflage der Finalbegegnung von 2019 gegen Kanada. Die Eishockeynation aus dem nördlichsten Amerika hatte sich im Halbfinale 4:2 gegen den Nachbarn USA durchgesetzt. Das nüchterne, finnische Defensiv-Eishockey gegen eine kanadische Auswahl ohne NHL-Stars – es dürfte ein Endspiel werden, das zwar Spannung verspricht, aber wohl nicht das größte Spektakel.

Noch kann es historisch werden: Die deutsche Mannschaft darf sich gemeinsam mit den USA gewissermaßen als Vorband der Finalteilnehmer betätigen, im Spiel um Platz drei geht es am Sonntag gegen die Amerikaner noch immer um die erste WM-Medaille seit Silber 1953. »Wir wollten Weltmeister werden«, sagte Kapitän Moritz Müller nach dem Spiel. Diese Chance ist vertan, die auf einen herausragenden Turnierabschluss aber nicht.

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