Streit um Gehaltsverzicht im Eishockey Nur Verlierer auf dem Eis

Im Eishockey tobt nach dem Saisonabbruch ein Streit um Gehaltsverzicht. Spieler verweigern ihn, einige kündigen die Gründung einer Interessenvertretung an. Wie konnte der Konflikt so hochkochen?
Anfang März: Damals wurde noch Eishockey gespielt - hier Nürnberg gegen Düsseldorf

Anfang März: Damals wurde noch Eishockey gespielt - hier Nürnberg gegen Düsseldorf

Foto: Thomas Hahn/ imago images/Zink

Lothar Sigl ist der dienstälteste Funktionär im deutschen Eishockey. Im März 1987, kurz nach seiner Studentenzeit, stieg er ein beim Augsburger EV, der pleite gegangen war und seinen Konkursverwalter mit Mühe überzeugen konnte, ihn wenigstens in der dritten Liga weiterspielen zu lassen. Der Klub sanierte sich, Sigl wurde sein Hauptgesellschafter, seit 1994 gehören die Augsburger Panther ununterbrochen der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) an.

Sigl ist keiner, der öffentlich über den Etat spricht, doch kürzlich versammelte er die Mannschaft virtuell um sich: "Ich habe den Spielern ein Tortendiagramm mit unseren Zahlen gezeigt und ihnen erklärt, dass bei uns fast alle Einnahmen mit dem Spielbetrieb zusammenhängen", sagt Sigl im Gespräch mit dem SPIEGEL.

Er erzählte von der Vorsicht der Sponsoren und "dem Risiko, dass wir die nächste Saison gar nicht spielen können. Wo aber sollen dann die 3,5 bis 4 Millionen Euro herkommen, um 23 vollumfängliche Arbeitsverträge zu erfüllen?" Seine Überzeugungsarbeit fruchtete. Bei den nordamerikanischen Spielern, sagt Sigl, sei das Bewusstsein für die Gefahren der Covid-19-Pandemie noch stärker ausgeprägt: "Die haben bei sich zu Hause die Fernsehbilder gesehen, wie in New York die Leichen in Kühlhäuser gebracht wurden." Am Ende unterschrieb die gesamte Mannschaft: Ja zum vorläufigen Verzicht auf 25 Prozent des Gehalts, Einverständnis zur Kurzarbeit, falls sie notwendig sein sollte.

Zehn Klubs konnten ihre Spieler nicht zum Verzicht bewegen

Diese Unterlagen forderte die DEL für die Lizenzprüfung, bis 23.59 Uhr am vergangenen Sonntag mussten sie eingereicht sein. Doch lediglich vier der 14 Mitglieder der Liga konnten das geforderte komplette Paket vorlegen: Augsburg, die Fischtown Pinguins aus Bremerhaven, Iserlohn Roosters und Grizzlys Wolfsburg. Den anderen zehn Klubs wurden Nachfristen gesetzt. Sie haben ihre Spieler noch nicht zum großen Entgegenkommen bewegen können.

Die DEL hatte am 10. März als erste Profiliga in Deutschland die Saison abgebrochen - einen Tag, bevor die Playoffs begonnen hätten. Für ihre vorausschauende Entscheidung wurde sie allseits gelobt. Doch zweieinhalb Monate später hat das Image der Liga gelitten. Zwar hatte sie ihre Sparpläne für das Szenario einer Saison unter Corona-Bedingungen meinungsbildenden Spielern aus allen Vereinen in einer dreieinhalbstündigen Videokonferenz am 6. Mai vorgestellt. Doch die hatten bereits eine Vorwarnung erhalten, "dass es den verdienten deutschen Nationalspielern an den Kragen gehen soll", sagt einer, der in der Runde saß, aber nicht namentlich zitiert werden will.

Die Parteien stehen sich seitdem misstrauisch gegenüber. Anführer der Spielerseite sind die Olympia-Silbermedaillengewinner von 2018, Patrick Reimer (Nürnberg) und Moritz Müller (Köln). Sie wollen eine Spielergewerkschaft gründen, für die Corona-Zeit fordern sie "keine pauschalen, sondern individuelle Lösungen", schließlich seien auch die Verträge unterschiedlich ausgestaltet.

Üblich sind im Eishockey Netto-Vereinbarungen. Manche Klubs bezahlen zwölf Gehälter pro Jahr, andere acht größere während der Spielzeit von September bis April und in den Sommermonaten nur ein besseres Taschengeld. In der Regel kommen zum Gehalt noch Auto und Wohnung, die der Spieler gestellt bekommt, es gibt auch Profis, die sich ihr Haus selbst mieten oder eine Immobilie kaufen, wenn sie in einer Stadt sesshaft geworden sind.

Das Modell, dass alle erst einmal auf ein Viertel verzichten, hört sich solidarischer an, als es in der Realität ist. Was die Profis am stärksten besorgt, ist, dass sie notfalls ein ganzes Jahr mit einem auf um die 3000 Euro monatlich gedeckelten Kurzarbeitergeld ohne Aufstockung durch den Arbeitgeber auskommen sollen.

Es gibt Spitzenverdiener, aber auch Geringverdiener

"Die Öffentlichkeit stellt sich immer auf die Seite der Spieler, medial hat der Klub keine Chance", hat Vereinsfunktionär Sigl festgestellt. Er kann aus seiner Praxis und Erfahrung nur versichern, dass kein Verein sich bereichert, "weil Eishockey ein hochsubventionierter Sport ist". Der langjährige Eishockey-Manager Max Fedra (Landshut, München, Hamburg, Augsburg) brachte es mal auf den Punkt: "Jeder Gesellschafter steht irgendwann vor der Frage: Schießt er zu oder erschießt er sich?"

Einer, der beide Parteien im Blick hat, ist Rick Goldmann. Der frühere Nationalspieler erklärt seit zwölf Jahren den Fernsehzuschauern den Sport in allen Facetten. "Eishockey ist ein Dienstleistungsgewerbe, die Kosten für die Mitarbeiter, die diese erbringen, sind der größte Posten und die Schraube, an der man drehen kann", sagt Goldmann dem SPIEGEL. Doch er fordert auch Verständnis für die Spieler: "Sie verdienen nicht Millionen. Es geht nicht um Luxus, sondern darum, ob es Sinn ergibt, Profi zu sein." Das in der DEL gezahlte Durchschnittsjahresgehalt beträgt 75.000 Euro. Die Spitze verdient bis zu 200.000 Euro, doch es gibt auch junge Spieler mit Ausbildungsverträgen, die deutlich weniger bekommen.

"Einen Gewinner wird es in dieser Branche kaum geben", sagt Goldmann und rät der Liga, "die Spieler einzubeziehen. Vielleicht wird die Saison einen ganz anderen Spielplan erfordern, da wäre es gut, wenn die Spieler mit am Tisch säßen." Denn sie werden die Arbeit machen müssen. Oder wie der Kölner Moritz Müller sagt: "Die Spieler sind das Produkt."

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