Duell der Toptalente Warum die U20-WM im Eishockey das wichtigste Turnier überhaupt ist

Sie gilt als Messe für Eishockey-Talente: Bei der gerade laufenden U20-WM spielen die Stars von morgen. Mit dabei ist der vielleicht stärkste Kader der deutschen Geschichte.
Nachwuchsspieler: Kanadas Quinton Byfield und der Schweizer Luca Hollenstein

Nachwuchsspieler: Kanadas Quinton Byfield und der Schweizer Luca Hollenstein

Foto: CTK Photo/ imago images

Am 2. Januar 1981 kam es im bayerischen Füssen zu einem weitreichenden Ereignis für das Welt-Eishockey. Vordergründig war es nur ein Spiel der U20-Weltmeisterschaft, aber weil Deutschland Kanada 7:6 schlug, hatte Murray Costello endgültig genug.

"Das ist nicht fair für Kanada. Wir müssen etwas tun", erinnert sich der damalige Verbandspräsident der Kanadier im Buch "Road to Gold". Denn im Gegensatz zu anderen Nationen schickte das Mutterland des Eishockeys nie seine besten Talente zur U20-WM; es entsandte stets eine Vereinsmannschaft, den aktuellen Meister aus der Juniorenliga.

Die Ausnahmespieler des Meisters waren da in der Regel aber längst in der NHL angekommen. Das war in etwa so, als schickte der Deutsche Fußball-Bund seinen A-Jugendmeister zur U20-WM - ohne die besten Spieler aus der Meistersaison. Entsprechend düster waren Kanadas Resultate.

Also wurde Costello bei Politikern sowie den Chefs der drei großen Juniorenligen vorstellig. Seine Forderung: Es brauche eine klubübergreifende U20-Auswahl, eine echte Nationalmannschaft, die Spieler dafür sollten erstmals über Sichtungscamps gefunden werden. Der Zeitpunkt war ideal: Das nächste Turnier würde daheim in Kanada stattfinden. Costello hatte Erfolg.

Wie eine Messe für Eishockey-Talente

Die U20-WM 1982 wurde zum Wendepunkt. Kanada, nun mit seinen besten Jugendspielern am Start, schlug Dauerweltmeister Sowjetunion 7:0 und gewann schließlich Gold, zum ersten Mal überhaupt. Und das vor Tausenden in den Hallen und Millionen vor den Fernsehern.

Spätestens seit dem Einstieg des TV-Senders TSN Anfang der Neunzigerjahre gilt das stets am 26. Dezember beginnende Turnier als nationales TV-Ereignis, als "Synonym für kanadische Weihnachten", wie es Reporterlegende Bob McKenzie einst ausdrückte. Auch diesmal starteten die Kanadier erfolgreich in den Wettbewerb, am Donnerstag siegten sie zum Auftakt 6:4 gegen die USA.

Wenn jedes Jahr im Mai die Herren-WM stattfindet, gilt das Zuschauerinteresse in Kanada und den USA den parallel steigenden NHL-Playoffs. Selbst Olympia 2018 fand wegen der Abwesenheit der NHL-Stars kaum Beachtung. Bei der U20-WM ist das ganz anders. Zwar läuft die NHL weiter, aber eben noch nicht die Playoffs. Zudem ist die U20-WM so etwas wie die Messe für Eishockey-Talente. Hier spielt die kommende Generation vor.

Manche Athleten wie der US-amerikanische Torjäger Cole Caufield sind bereits in einem vorherigen Draft unter den 31 NHL-Teams aufgeteilt worden; andere wie Kanadas Spielmacher Alexis Lafrenière stehen für den kommenden Sommer bereit. Entsprechend viele Teamvertreter, Talentspäher oder Berater sind vor Ort. In der Vergangenheit traten schließlich all jene Spieler bei der U20-WM auf, die später einmal ihren Sport prägen sollten: von Wayne Gretzky und Jaromír Jágr über Sidney Crosby und Alexander Ovechkin bis zu Connor McDavid.

"Ausnahmesituation mit Ausnahmespielern"

Aus den großen Eishockey-Nationen reisen Reporter und TV-Stationen an, sie bringen detaillierte Analysen über 17-Jährige, die noch kein Profispiel absolviert haben. Bereits die Sichtungscamps der Kanadier haben Titelsponsoren, selbst die Testspiele werden landesweit im Fernsehen übertragen. Entsprechend viel Geld ist im Umlauf.

Dieses Jahr werden die Blicke auch auf die deutschen Talente gerichtet sein. Der U20-Kader gilt als vielleicht stärkster der deutschen Geschichte. Eine "Ausnahmesituation mit Ausnahmespielern" sei das, sagt Bundestrainer Tobias Abstreiter.

Er hat nicht nur Verteidiger Moritz Seider und Stürmer Dominik Bokk, die jeweils in der ersten Runde des NHL-Drafts gezogen wurden und bereits im Ausland spielen; er hat auch drei 17 Jahre alte Toptalente aus der Deutschen Eishockey Liga im Kader: Tim Stützle (Mannheim), Lukas Reichel (Berlin) und John-Jason Peterka (München).

Tim Stützle: "Wir wollen uns alle zeigen"

Tim Stützle: "Wir wollen uns alle zeigen"

Foto: Nordphoto/ imago images

Besonders Stützle sorgt für Aufregung unter den NHL-Scouts. Seit Monaten findet man sie auf den Tribünen der DEL-Hallen. Der schnelle Techniker ist mit 23 Scorerpunkten in 25 Spielen einer der Leistungsträger beim Meister; dass er in der ersten Runde gedraftet wird, gilt als gewiss, manche sehen ihn sogar als Top-5-Pick. Er "genieße das", sagt Stützle, jetzt auf der Weltbühne vorspielen zu dürfen, sei ein "Extraansporn, wir wollen uns alle zeigen".

Einfach wird das nicht. "Es geht nur um den Klassenerhalt", sagt Stützle, schließlich lauten Deutschlands Gruppengegner am Abend USA (19 Uhr), Tschechien (28.12.), Kanada (30.12.) und Russland (31.12.; alle Spiele live bei Magentasport).

Als logischen Tabellenletzten, der gegen das Schlusslicht der Parallelgruppe um den Klassenerhalt spielt, sieht Stützle das Team dennoch nicht: "Wir können überraschen." Ein 7:6 gegen Kanada wie 1981 ist allerdings nicht zu erwarten.

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