Checks, Prügel und andere Merkwürdigkeiten Wie ich versuchte, Eishockeyfan zu werden

Hilfe, ich kann den Puck nicht sehen! Eishockey ist zu schnell, zu rabiat, zu plump. Zumindest dachte ich das. Bis ich mir das Spiel von einem Fachmann erklären ließ – und den Zauber erkannte.
Kölner Haie gegen Düsseldorfer EG: Das erste Spiel beim Selbstversuch

Kölner Haie gegen Düsseldorfer EG: Das erste Spiel beim Selbstversuch

Foto: Lars Baron / Getty Images

An mein erstes Eishockeyspiel erinnere ich mich kaum. Ich weiß nur noch, dass es eine Enttäuschung war. Mein Vater hatte Freikarten für die Kölner Haie. Zum ersten Mal gingen wir gemeinsam in die Kölnarena, die damals wirklich noch Kölnarena hieß. Wir saßen unter dem Dach. Das Eis strahlte blendend weiß, den Puck sah ich von dort oben selten.

Die Haie gewannen 6:1 gegen die Hamburg Freezers, glaube ich mich zu erinnern. Jedenfalls gewannen die Haie hoch, aber aus Sicht meines zehnjährigen Ichs nicht hoch genug. Ich war in Erwartung eines 93:87 oder 100:92 angereist. Auf dem Heimweg erklärte mir mein Vater, dass ich in der Ergebnisspalte der Zeitung wohl immer NBA und NHL verwechselt hätte. Eishockey und ich, das war von Anfang an ein großes Missverständnis.

Hin und wieder war ich noch mal bei den Haien, hatte dann aber mehr Augen für Sharky, das breakdancende Maskottchen. Bei den Olympischen Spielen 2018 bin ich für das Endspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Russland morgens um 5 Uhr aufgestanden. Das war schon alles.

Ich werde Eishockeyfan

Eishockey war für mich wie ein Buch, das seit Jahren im Regal steht und gelesen werden will. Nie kam es dazu. Aber das hat jetzt ein Ende: Ich habe beschlossen, dass ich jetzt Eishockeyfan werde. Pünktlich zur neuen Saison der Deutschen Eishockey Liga, die seit dem 17. Dezember läuft, wollte ich beginnen. Ich brauchte nur noch jemanden, der mir den Sport erklärt.

Bei meiner Recherche entdeckte ich das Buch »Eiszeit – warum Eishockey der geilste Sport der Welt ist« von Rick Goldmann und Günter Klein. Den Titel fand ich großspurig, aber Goldmann ist ehemaliger Nationalspieler und heute Experte fürs Fernsehen. Der müsste Laien das Spiel doch erklären können, dachte ich mir. Ich schrieb ihm eine Nachricht bei Facebook. »Ich verstehe das Spiel nicht, ich sehe den Puck nicht, können Sie mir helfen.« So war die Kurzfassung. Goldmann rief mich an und fragte, wie groß mein Fernseher sei. Ich stutzte. »Ähm, normalgroß«, sagte ich.

Wenige Tage später verabredeten wir uns via Zoom. Und Goldmann machte mir meinen ungewöhnlichen Ansatz klar: »Normalerweise ist Eishockey eine Sportart, bei der die erste Begeisterung aus dem Stadion herauskommt«, sagte er. Wegen der guten Stimmung in den Arenen. Da gebe es eine einfache Reihenfolge: »Du nimmst jemanden ins Stadion mit, und danach wird er Fernsehzuschauer.«

Angesichts der Corona-bedingten Geisterspiele ist das nicht möglich. Aber liegt darin vielleicht auch eine Chance, das reine Spiel an sich besser zu verstehen? Eishockey wirkte auf mich immer ziemlich plump, ein Schuss auf der einen Seite, ein schneller Gegenangriff, wieder ein Schuss und zurück. Spielzüge, Taktik oder Strategie erkannte ich da nicht. Die harten Checks, sogar Schlägereien, die man hin und wieder sah, verstärkten den Eindruck einer sehr einfach gestrickten Sportart. Wie hatte ich mich getäuscht!

»Die Spieler stehen auf 30 Zentimeter langen Kufen, die ungefähr einen halben Zentimeter breit sind, und mit einer wahnsinnigen Geschwindigkeit müssen sie Checks ausweichen, gleichzeitig die Beine bewegen, den Kopf in eine Richtung strecken und die Scheibe mit den Händen kontrollieren«, erklärte Goldmann. Mit den Bewegungsabläufen wäre ich bereits überfordert. Wenn ich auf Schlittschuhen stehe, bin ich froh, wenn ich mich verletzungsfrei von Bande zu Bande bewegen kann.

Skaten, den Gegner fernhalten und gleichzeitig den Puck führen: Eishockey ist komplex

Skaten, den Gegner fernhalten und gleichzeitig den Puck führen: Eishockey ist komplex

Foto:

nph / Hafner / imago images/Nordphoto

Blieb aber noch die Frage nach Taktik und Strategie. Von Goldmann wollte ich gleich das große Ganze erklärt bekommen, Spielzüge auf einer Taktiktafel sehen, Fachbegriffe lernen. Gibt es einen abkippenden Center? Goldmann winkte ab: »Geh am Anfang rein und lass das Spiel wirken. Schau einfach auf den Puck.« Danke für nichts. Nur Abseits und die Zeitstrafenregel erklärte er mir.

Der erste Versuch: das Derby

Einfach das Spiel genießen – dafür erwischte ich dann aber wohl die perfekte Partie. Die Kölner Haie trafen zum Saisonauftakt auf die Düsseldorfer EG. Es ging hin und her: Köln ging in Führung, Düsseldorf glich aus, Düsseldorf ging in Führung und Köln glich aus. 13 Minuten vor Schluss führte die DEG 4:2. »Beim 4:2 würden im Fußball einige das Stadion verlassen, damit sie schneller beim Auto sind. Und im Eishockey fängst du da erst an, genauer hinzuschauen«, sagte Goldmann mir später. Ich sah, wie Köln erneut ausglich, Düsseldorf in der Verlängerung einen Penalty verschoss, dann aber im Penaltyschießen gewann .

Das Spiel hatte mich gepackt. Und ich hatte etwas gelernt: Ich kann den Puck sehen, zumindest meistens. Dabei hatte ich das Match bei magentasport , das die DEL überträgt, sogar nur auf dem Laptop geschaut. Und: Das Spiel war gar nicht so gewalttätig, wie ich es in Erinnerung hatte. »Der Sport hat in den vergangenen zehn oder 15 Jahren eine Riesenentwicklung genommen«, sagte Goldmann. Dank HD-Fernsehen ist der Puck besser zu erkennen. Aber bei vielen Leuten hätte sich das Klischee eingebrannt, Eishockey sei im Fernsehen schwer zu verfolgen, so Goldmann. Von den Schlägereien ganz zu schweigen. Die kommen nur noch sehr selten vor, meinte er. Die »Goon« oder »Enforcer« genannten Spielertypen, die nur für Prügeleien auf das Eis gehen, gibt es heute kaum noch. Klubs verzichten angesichts eines viel technischeren Eishockeys auf solche Spieler, sie würden nur einen Kaderplatz blockieren.

Ich war angefixt. Am nächsten Abend schaute ich das Spiel der Eisbären Berlin gegen die Fischtown Pinguins (was ein Name!), und am Wochenende die Partien der Topmannschaften Mannheim und München.

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Ich war beeindruckt von der Geschwindigkeit in allen Partien. Man kann das aus zwei Perspektiven sehen: Entweder Eishockey ist ein toller Sport für Millennials wie mich, deren Aufmerksamkeitsspanne durch Twitter und Instagram verstümmelt wurde. Denn dauernd passiert etwas auf dem Eis. Oder er ist das Gegenteil: Denn kaum schaut man kurz auf sein Handy, hat man schon zwei, drei Torchancen verpasst.

Die Taktikfrage trieb mich weiter um. Ich suchte nach Büchern dazu und stieß auf »Hockey – Plays and Strategies«. Auf etwa 400 Seiten geht es um Defensivtaktiken und Spielzüge, die vor das Tor führen. Alles bebildert mit kleinen Grafiken voller Spielerkreise und Laufwegpfeilen. Ich war erschlagen von Begriffen wie »Cycling« , »Dump-In Entries« oder »Activating Defense Into Offensive Zone Entries«. Alles klar, das Spiel war doch komplexer, als ich vermutet hatte.

Die Taktikfrage: Zufall oder Berechnung?

Bei unserem nächsten Zoom-Gespräch erklärte ich Goldmann, dass vieles auf dem Eis auf mich zufällig wirkte. Dabei ist es das keinesfalls. »Diese Laufwege in die Offensive sind im Grundsätzlichen komplett einstudiert«, sagte Goldmann: »Umso näher man ans gegnerische Tor herankommt, desto mehr kommt es auf Individualität an. Umso weiter man vom gegnerischen Tor entfernt ist, desto mehr ist das einstudiert.« Will heißen: Es gibt ein klares defensives System und einstudierte Spielzüge Richtung Tor. Um Treffer zu erzielen, müssen die Spieler aber auch kreativ sein.

Für mein nächstes Spiel traute Goldmann mir schon mehr zu. Er erklärte mir Pressing, im Eishockey Forechecking genannt. Je mehr verteidigende Spieler das Aufbauspiel des Gegners angreifen, desto aggressiver ist das Pressing. Das erkannte ich auch bei den Kölner Haien gegen die Fischtown Pinguins am Montagabend. Mal griff ein Spieler an, mal zwei. Die defensive Aufstellung könnte dann vielleicht ein 1-3-1 oder ein 2-1-2 gewesen sein.

Nürnbergs Trainer Frank Fischöder mit Taktiktafel: Nichts dem Zufall überlassen

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Foto:

Sportfoto Zink / Thomas Hahn / imago images/Zink

Zudem erkannte ich häufiger Muster. Oft begann der Spielaufbau hinter dem eigenen Tor. Und die angreifende Mannschaft versuchte oft, hinter das Tor des Gegners zu kommen, um dann einen gefährlichen Pass in den Rücken der Abwehr zu spielen. Ich war ein bisschen stolz auf mich.

Aufregend in diesem Spiel zwischen Köln und den Pinguins war aber wieder die Geschwindigkeit, einmal fielen zwei Tore innerhalb von neun Sekunden. Wo gibt es so etwas sonst?

Das Tempo ist begeisternd, die für mich nach wie vor unklaren Taktiken faszinierend. »Hockey – Plays and Strategies« hat noch Hunderte Seiten, die DEL etliche Spiele, Anfang 2021 soll die NHL wieder losgehen. Es gibt noch viel zu lernen.

Ich muss noch viel über Eishockey lernen. Sie aber sind schon lange Fan und wollen mir Ihre schönste Eishockeygeschichte erzählen? Oder vielleicht wie Sie Fan geworden sind? Dann schreiben Sie mir eine Mail an florian.puetz@spiegel.de. Ich freue mich darauf.

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