US-Liga NHL in Tschechien Russisches Eishockey? "Vermisst keiner"

15 Euro kostete es in Prag, bei einem Training zuzusehen. Dennoch war die Halle voll. Das schafft wohl nur die nordamerikanische Eishockey-Profiliga NHL, wenn sie in Europa Station macht. Volksfeststimmung inklusive.
Die Philadelphia Flyers wurden in Prag vor, während und nach ihrem Sieg bejubelt

Die Philadelphia Flyers wurden in Prag vor, während und nach ihrem Sieg bejubelt

Foto: David W. Cerny / REUTERS

Jakub Voracek ist eine imposante Erscheinung. Fast 1,90 Meter groß, breite Schultern, buschiger Bart. Der 30-Jährige würde durchaus einen glaubwürdigen Kinobösewicht abgeben. Ihm aber fliegen in Prag die Herzen zu. Als sich der Kapitän der tschechischen Eishockey-Nationalmannschaft am Donnerstagnachmittag zur Ehrenrunde aufmachte, standen sie fast alle auf in der großen Multifunktionsarena, klatschten und johlten.

Dabei spielte Voracek diesmal nicht für sein Land, er trug das Trikot der Philadelphia Flyers. Und es handelte sich lediglich um ein Training, das auch noch rund 15 Euro Eintritt kostete. Dennoch waren Tausende gekommen, um die Stars aus der National Hockey League (NHL) zu sehen, die für den Tag danach zum großen Spiel geladen hatte: Philadelphia Flyers gegen Chicago Blackhawks, zwei der großen Klubs im nordamerikanischen Eishockey. 17.463 Zuschauer waren da, ausverkauft. Trotz Ticketpreisen zwischen 77 und 310 Euro. Die Flyers siegten 4:3, Voracek sprach von einem "unglaublichen Erlebnis".

Jakub Voracek ist in seiner Heimat ein Superstar

Jakub Voracek ist in seiner Heimat ein Superstar

Foto: David W. Cerny / REUTERS

So hatte sich die NHL das vorgestellt, als sie sich entschied, diesen Herbst nach Europa zu kommen. Das tun Vertreter der Liga immer wieder, um zu werben. Allein seit 2017 gab es Auftritte in Schweden, Finnland, der Schweiz und Deutschland. In der Vorwoche absolvierten Philadelphia und Chicago Testspiele in Lausanne und Berlin. Auch dort waren die Hallen voll.

NHL ist "der Gott unter den Ligen"

Für den Saisonstart ging es erstmals seit 2011 wieder nach Prag, weil "Tschechien eine der größten Eishockey-Nationen der Welt" ist, schwärmte NHL-Vize Bill Daly am Freitagabend. An dem Tag, "auf den wir jahrelang gewartet haben", sagte Josef Melen, 21, einer von Tausenden Zuschauern, die sich allein das Training mehr kosten ließen als ein Ticket für die heimische Liga. Die Fans sorgten für lange Schlangen bei der "NHL Global Fan Tour" - ein kleiner Erlebnispark vor der Halle mit Fanartikelständen, mobilem Museum und Mitmachspielchen.

"Wir lieben die Teams aus unserer Liga", sagte Melen, selbst Anhänger von Sparta Prag, "aber die NHL ist mehr für uns, sie ist der Gott unter den Ligen. Jeder Eishockey-Fan in Tschechien hat eine Lieblingsmannschaft zu Hause und eine in der NHL."

Davon wollen sie auch in der Heimat profitieren. Nicht zufällig wurde die Hall of Fame, die Ruhmeshalle des tschechischen Eishockeys im Vorjahr um einen neuen Saal erweitert. In dem hat jedes der 31 NHL-Teams seine eigene Vitrine, vollgestopft mit Devotionalien tschechischer NHL-Legenden. Von Torhüter Dominik Hasek bis Stürmer Jaromir Jagr.

Russlands NHL-Konkurrenz scheitert in Tschechien

Unsichtbar ist hingegen die KHL, die russisch dominierte Multinationen-Liga, die 2008 mit dem Anspruch gestartet war, der NHL Konkurrenz als stärkste Eishockey-Liga der Welt zu machen. Das begann dank des Geldes von Oligarchen oder des Staatskonzerns Gazprom verheißungsvoll: Die KHL holte nicht nur Stars wie Ilja Kowaltschuk aus Nordamerika nach Hause, sie expandierte auch in den Westen, unter anderem nach Prag.

Carter Hart von den Philadelphia Flyers scheint in Prag seinen Spaß zu haben

Carter Hart von den Philadelphia Flyers scheint in Prag seinen Spaß zu haben

Foto: David W Cerny/REUTERS

Doch sie schaffte es nicht, Traditionsklubs wie Sparta oder Slavia anzulocken, stattdessen startete ein neues Team namens Lev Prag. Nach zwei Jahren gab Lev schon wieder auf, es fehlte an Geld, obwohl der Verein in seiner zweiten Saison mehr als 7000 Zuschauer im Schnitt anlockte und es bis ins Finale schaffte.

Wirkliche Spuren haben weder Klub und Liga hinterlassen. "Die KHL vermisst keiner", sagt Lothar Martin, der das tschechische Eishockey seit mehr als 30 Jahren für Radio Prag beobachtet. "Mit Lev Prag wurde nachgewiesen, dass so ein Kunstprojekt nicht funktionieren kann, wenn das nicht organisch gewachsen ist." Auch in Kroatien und der Slowakei ist die KHL gescheitert, in Schweden, der Schweiz oder Deutschland bekam sie nicht mal einen Fuß in die Tür. Nahezu alle Topstars spielen in Nordamerika, auch die russischen.

Eine echte Konkurrenz ist die Liga aus Osteuropa so nicht. Zwar wich Liga-Vize Daly der Frage aus, ob Tschechien für die NHL besonders interessant sei, weil die KHL hier vor nicht allzu langer Zeit zu Hause war. Aber es dürfte ihm schon gefallen haben, dass ein Training seiner Liga mindestens so viele Fans in die Halle lockt wie die Spiele einer anderen. Deswegen kündigte er noch vor dem ersten Bully am Freitagabend an: "Wir werden wiederkommen."

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