Stanley-Cup-Sieger Tampa Bay Cooper vertreibt den Kummer

Jon Cooper spielte nie professionell Eishockey. Lange arbeitete er als Pflichtverteidiger. Nun hat er Tampa Bay zum Meister in der amerikanischen Profiliga NHL geführt. Dabei galt er schon als gescheitert.
Von Heiko Oldörp, Boston
Jon Cooper (r.) feiert den Finalsieg gegen die Dallas Stars

Jon Cooper (r.) feiert den Finalsieg gegen die Dallas Stars

Foto: Dave Sandford / NHLI via Getty Images

Er reckte den silbernen Pokal gen Hallendecke und gab ihm dann einen langen Kuss. Jon Cooper war am Ziel. Der Trainer hat in der Nacht zum Dienstag mit Tampa Bay Lightning den Stanley Cup gewonnen. Es ist ein riesiger Erfolg - nach einem riesigen Scheitern.

Was dazu geführt habe, dass sein Team Meister geworden sei, wurde Cooper gefragt: "Kummer", lautete die Antwort des 53-Jährigen. "Manchmal findest du im Scheitern Erfolg. Und ich bin überzeugt davon, dass uns der Kummer des Vorjahres hierher gebracht hat."

Der Kummer war groß am 16. April 2019. Was hatte sich Tampa blamiert. Erst diese herausragende Hauptrunde mit 62 Siegen (NHL-Rekord eingestellt), mit dieser grandiosen Offensive um die Paradereihe Steven Stamkos, Nikita Kucherov und Brayden Point, die es auf 318 Punkte gebracht hatte. Und dann der Schock in den Play-offs: Die Columbus Blue Jackets, die noch nie eine K.-o.-Runde gewonnen hatten, die klare Außenseiter waren, fegten Tampa in nur vier Spielen vom Eis.

"USA Today" schrieb damals von der "wohl unwahrscheinlichsten Erstrunden-Sensation der modernen NHL-Geschichte." Cooper stand zum ersten Mal in der Kritik. 2015 hatte er den Verein ins Finale geführt. 2016 und 2018 war Tampa in den Halbfinals gegen die späteren Meister Pittsburgh und Washington jeweils knapp mit 3:4 gescheitert. Dann folgte diese unglaubliche Hauptrunde 2018/19 - aber auch das Desaster gegen Columbus.

Es wäre wohl nicht überraschend gewesen, wenn Vereinsbesitzer Jeff Vinik die in solchen Fällen oft greifenden, typischen Mechanismen der Branche in Gang gesetzt und Cooper nach sechs Jahren entlassen hätte. Der hatte das Team zwar oft nah an den Titel herangeführt, aber irgendwie fehlte letztlich trotzdem immer etwas zum ganz großen Erfolg. Doch Vinik dachte nicht daran, den Trainer zu tauschen. Cooper habe "unglaubliche Arbeit" geleistet und genau jene Mentalität geschaffen, die das Team brauche, um den Stanley Cup zu gewinnen, sagte er der "Tampa Bay Times".

Pat Maroon, einer der Matchwinner in dieser Saison

Pat Maroon, einer der Matchwinner in dieser Saison

Foto: JASON FRANSON / AP

Cooper durfte weitermachen und startete zusammen mit Manager Julien Brisebois die Fehlersuche. Tampa war zwar ein starkes Team, musste aber noch härter, physischer werden. Also holten sie mit Pat Maroon, Barcley Goodrow und Blake Coleman Profis, die nicht gerade für Kongenialität bekannt sind, sondern für körperbetontes Eishockey. "Wir haben Jungs reingebracht, die wichtige Rollen gespielt haben", sagte Stürmer Point. Und es kam Tampa nur recht, dass der erste Play-off-Gegner Columbus hieß.

Natürlich hatte niemand die Schmach der Vorsaison vergessen. "Es waren 442 Tage - aber wer zählt schon mit", meinte Cooper süffisant, nachdem sich sein Team mit 4:1-Siegen revanchiert hatte.

Als Pflichtverteidiger jahrelang gearbeitet

Seit seiner Geburt, betont Cooper, habe er seinen Namen auf dem Stanley Cup eingraviert haben wollen. Mit diesem Wunsch ist er in seiner kanadischen Heimat nun wahrlich kein Außenseiter gewesen. Sein Werdegang jedoch hebt sich deutlich von allen anderen ab. Cooper war nie Eishockeyprofi. Er hat nicht einmal am College gespielt, was in Nordamerika eine wichtige und anerkannte Station ist.

Bevor er Eishockeytrainer war, arbeitete Cooper elf Jahre als Pflichtverteidiger in Lansing, Michigan. Er vertrat Menschen, die wegen Ordnungswidrigkeiten vor Gericht standen. "Tief in mir drin, habe ich immer gewusst, dass es darum geht, etwas zu machen, das du liebst. Aber du musst es finden", sagte Cooper. Er fand seine Passion hinter der Eishockeybande, als Trainer der Lansing Catholic Central High School, deren Team er abends trainierte, wenn er aus dem Gerichtssaal kam.

Gruppenbild mit Stanley Cup

Gruppenbild mit Stanley Cup

Foto: Perry Nelson / USA TODAY Sports / REUTERS

2003 wurde der Anwalt Cooper professioneller Eishockeytrainer. Seine erste Station: die Texarkana Bandits, ein texanisches Juniorenteam der zweitklassigen North American Hockey League (NAHL). Die Spielstätte: eine Scheune mit Blechdach. Wenn es heftig regnete, fiel regelmäßig der Strom aus. Vor jedem Spiel musste Cooper selbst Banden und Plexiglasscheiben aufbauen, Linien pinseln. "Aber es war eine wunderbare Erfahrung, um zu wachsen", sagte der Kanadier, der mit dem Verein nach der Umsiedlung nach St. Louis zweimal Meister wurde.

Wie geht es weiter mit der NHL?

Anschließend ging es für ihn immer weiter nach oben. Meister mit den Green Bay Gamblers in der höchsten US-Juniorenliga, Meister mit Tampas Farmteam, den Norfolk Admirals, in der American Hockey League. Und als nach der Entlassung von Guy Boucher der Trainerposten beim Lightning vakant war, übernahm Cooper 2013 das Amt. Heute ist er der Dienstälteste aller aktuellen NHL-Coaches. Und er wurde noch nie entlassen.

Mit Tampas Titelgewinn im Finale gegen die Dallas Stars endet eine außergewöhnliche Saison. Aufgrund der Corona-Pandemie musste die NHL für viereinhalb Monate pausieren und die Play-offs abgeschottet von der Öffentlichkeit in Edmonton und Toronto austragen. Wie die NHL am Montag mitteilte, wurden in den vergangenen neun Wochen 33174 Tests durchgeführt - alle waren negativ. Dennoch ist klar, dass es in kommende Spielzeit keine "NHL-Blase" geben werde, zumindest "nicht für eine volle Saison", betonte Don Fehr, Geschäftsführer der Spielergewerkschaft NHLPA.

Ligaboss Garry Bettman hatte vergangene Woche davon gesprochen, dass ein Saisonauftakt "Mitte, Ende Dezember oder Januar" denkbar sei. Eigner und NHLPA wollen sich in den nächsten beiden Wochen zu Gesprächen treffen. Ein wichtiges Kriterium sind die Einreisebeschränkungen der kanadischen Regierung für US-Amerikaner. Sieben der 31 NHL-Teams kommen aus Kanada. Die NHL will eine Überschneidung mit den Sommerspielen vermeiden, die am 23. Juli in Tokio beginnen sollen - und von NBC übertragen werden. Schließlich hat der Fernsehsender auch die Rechte für die NHL-Play-offs.

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