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LEICHTATHLETIK / ZATOPEK Emil und die Detektive

aus DER SPIEGEL 39/1968

Vor der Londoner Sowjetbotschaft, Kensington Palace Gardens, lärmten Demonstranten. Mit den Protestanten marschierten Europarekordlerin Ann Smith, Europameister Bruce Tulloh und die Weltrekordler Gordon Pirie und Ronald Clarke. Über ihren Köpfen bauschte sich ein Transparent: »Zatopek in Gefahr«.

Der Auflauf galt dem erfolgreichsten Läufer der Nachkriegszeit, dem Tschechoslowaken Emil Zatopek, 46. Er hatte in Prag öffentlich verlangt, die in die CSSR eingefallenen Okkupationsmächte von den olympischen Mexiko-Spielen auszuschließen. »Vorsicht, Emil, sie wollen dich verhaften«, warnte der »Sender Freies Prag«.

Agenten des sowjetischen Geheimdienstes KGB fahndeten nach Oberst Zatopek in seiner Wohnung U pujcavny 8, in seinem Büro im Armee-Ministerium und bei seinem Sportklub Dukla -- vergebens. »Das Sprachrohr der Konterrevolution« ("Deutsches Sportecho«, Ost-Berlin) war untergetaucht. Vor seinem Schlupfwinkel schoben Freunde Wache.

Früher hatte das SED-Pflichtblatt »Neues Deutschland« den Tschechen als »Vorbild der jungen Generation« gepriesen. Denn Zatopek, galt als Modellfall einer Muster-Karriere im Ostblock. Der Tischlersproß arbeitete In der Schuhfabrik Bata in Zlin und war bei einem Jugendlauf in Halbschuhen Zweiter geworden. Seitdem hatte er ehrgeizig geübt. Funktionäre holten das Provinz-Talent zum Armee-Sportklub nach Prag und zogen ihn gleichzeitig zum Militär ein. Zatopek wurde Berufssoldat und studierte Chemie.

Die üblichen Trainings-Methoden änderte er radikal. Statt fünf oder zehn Kilometer im Dauerlauf zu traben, spurtete er bis zu 60mal 400 Meter mit kurzen Pausen, zeitweilig sogar in Militärstiefeln.

Bei den Olympischen Spielen 1948 in London erkämpfte er auf den Langstrecken eine Gold- und eine Silbermedaille. Staatschef Klement Gottwald beförderte Ihn vorzeitig zum Oberleutnant. Sowjetische Sportlehrer flogen nach Prag, um Zatopeks Training auszuspähen. Dann holten sie ihn sogar in das Schulungslager ihrer Langstreckenläufer auf die Krim. Jahrelang mußten die Russen-Läufer das Zatopek-Programm kopieren. Die meisten verausgabten sich dabei und versagten im Rennen.

Ihr CSSR-Muster selbst stampfte mit verzerrtem Gesicht, heraushängender Zunge und linksgeknicktem Oberkörper fauchend wie eine Dampflokomotive von Sieg zu Sieg. Zu Ehren der Oktober-Revolution verpflichtete sich Zatopek, zwei Weltrekorde zu brechen. Er übererfüllte sein Sport-Soll, stellte insgesamt 19 Weltrekorde auf und siegte 1952 auf allen drei olympischen Langstrecken (5000, 10 000 Meter, Marathon). Er wurde zum Major befördert und heiratete. Seine Frau Dana hatte am gleichen Tag wie Emil Gold (im Speerwerfen) gewonnen.

Die kommunistischen Funktionäre setzten den Meisterspurter als Sport-Agitator ein. Er reiste zu Propaganda-Starts etwa bei kommunistischen Weltjugendfestspielen und hielt Vorträge. 1958 beendete er seine Laufbahn und leitete seither im Range eines Obersten den Militärsport in der CSSR. Seine Frau arbeitete als Staatstrainerin.

Zatopeks Popularität überdauerte seine Karriere. Internationale Sportjournalisten nannten ihn 1965 in einer Umfrage mit Mehrheit als den Leichtathleten, der nach dem Zweiten Weltkrieg am meisten für seinen Sport geleistet habe. Ein Jahr war er Gast des früheren indonesischen Staatspräsidenten Sukarno. Die Tschechoslowaken wählten ihn noch 1966 zum Sportler des Jahres.

»Danas Speerwurf-Training zahlt sich jetzt aus«, freute sich Zatopek, als er 1966 mit seiner Frau im Prager Stadtteil Troja auf einer Hangparzelle die Baugrube für ein Eigenheim ausschachtete. An den Wochenenden mauerte das Sportlerpaar am Fundament und zog eigenhändig die Wände hoch. In seiner Freizeit hielt Zatopek Referate und trainierte Betriebssportgruppen. Als Gegenwert bezog er Baumaterial.

Niemals riß der Kontakt zu seinen Sportfreunden ab. Vor zwei Jahren lud er seine früheren Gegner Herbert Schade aus Solingen, den Belgier Gaston Reiff und den aus Nordafrika stammenden Franzosen Alain Mimoun, die er 1952 bei den Olympischen Spielen in Helsinki besiegt hatte, zu einem Erinnerungslauf nach Prag ein. In seinem Saab-Sedan chauffierte er sie zum. Bauplatz und feierte mit ihnen bei Weißwein und Bratwurst Richtfest,

Aus dem Renommier-Rekordler der stalinistischen Politruks war freilich ein Kritiker geworden, der seine Meinung öffentlich vertrat. »Unser Land ist wie ein leergefressener Laden«, rügte er die Wirtschafts-Politik der konservativen Kommunisten. Die Zatopeks unterzeichneten das »Manifest der 2000 Worte«, das zu rascher Demokratisierung der CSSR aufrief. »In Westdeutschland sahen wir neue Häuser und freie Menschen«, erzählte er in einem Interview mit der schwedischen Zeitung »Arbetet«. »In Ostdeutschland erlebten wir zumeist Öde, Verfall und Armut.«

»Das war blanke Hetze gegen uns«, belferte der DDR-Trainer Heinz Birkemeyer. »Und Hetze gegen die Sowjet-Union.« Nach der Besetzung der CSSR sprach Zatopek über Geheimsender, schrieb für die heimlich gedruckte Zeitschrift »Stadion« und verteilte -- mit Schlapphut und Nickelbrille maskiert -- Flugblätter. Aber er dämpfte auch die Erregung seiner demonstrierenden Landsleute, als ein Zusammenstoß mit Rotarmisten drohte: »Glaubt ihr, daß sie jemals von Demokratie gehört haben?«

Bevor der »Lautsprecher der Reaktion« ("Neues Deutschland") im Untergrund verstummte, ließ er noch wissen: »Ich will zu den Olympischen Spielen nach Mexiko.« Das Organisations-Komitee hat ihn als Ehrengast eingeladen.

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