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SCHACH Ende einer Ära

Ein Vatermord am Brett: Weltmeister Garri Kasparow scheint sich seines einstigen Lehrlings Wladimir Kramnik kaum noch zu erwehren.
aus DER SPIEGEL 44/2000

Wer ein echter Star werden will, der braucht einen Initiationsmythos, ein Schlüsselereignis in jungen Jahren, das der Nachwelt signalisiert: Es war schon immer klar, dass aus dem Burschen mal ein ganz Großer wird.

Bei Gerhard Schröder war es jene bierselige Nacht 1982, in der er am Zaun des Bonner Kanzleramtes rüttelte und schrie: »Ich will da rein!« Bei Michael Schumacher war es die Kartbahn in Kerpen, die er schon als Grundschüler mit verbundenen Augen entlangbrausen konnte.

Wladimir Kramnik, 25, dagegen hat von diesem so bedeutenden Moment gar nichts mitbekommen. Der schüchterne Teenager aus Moskau spielte 1992 in den muffigen Katakomben der Dortmunder Westfalenhalle in einem belanglosen Turnier, als Schachweltmeister Garri Kasparow unbemerkt an der Tür lugte und einem Vertrauten zuraunte: »Der da, das ist er, Kramnik. Der kann mal Weltmeister werden.« Nur, dass dieser Knirps ihm mal den Titel wegschnappen würde, damit hatte Kasparow nicht gerechnet.

Acht Jahre später scheint es so weit zu sein. Bei den Titelkämpfen in London führte Kramnik Ende voriger Woche mit 6,5:4,5 gegen einen bis dahin merkwürdig unkonzentrierten Kasparow. Verteidigungskünstler Kramnik reichen Remis-Partien zum Titel. Das Ende einer Ära deutet sich an.

Dem Schachsport, der von Kasparow, 37, seit nunmehr 15 Jahren dominiert wird, kann das nur gut tun. Endlich hat die von Krisen und Kabalen gebeutelte Szene wieder eine Tragödie von griechischer Dimension zu bieten. Keinen kalten Stellvertreter-Krieg wie Fischer - Spasski 1972 zwar, aber immerhin einen veritablen Vatermord: Denn Kasparow ist dem Herausforderer nicht, wie üblich, in blankem Hass zugetan, sondern in einer für die Branche unüblichen Zuneigung.

Das brillanteste Hirn der Schachgeschichte hat seinen mutmaßlichen Nachfolger nicht nur entdeckt und gefördert und ihn 1992 gegen den Willen der Funktionäre in die russische Nationalmannschaft geboxt. Er hat ihm sogar gezeigt, wie sich ein Champ auf die Nervenschlacht namens Weltmeisterschaft vorbereitet. Als Kasparow 1995 im New Yorker World Trade Center den Inder Viswanathan Anand erledigte, gehörte der junge Kramnik zu seinen Sekundanten und diente ihm zuvor als Sparringspartner.

Lange durfte sich Kasparow sicher fühlen vor dem zotteligen Schlaks mit der Erich-Honecker-Brille, gegen den er seit dreieinhalb Jahren ununterbrochen remis spielte. Kramnik bot zwar schon immer ein außergewöhnlich kraftvoll-harmonisches Spiel, mochte sich dem Mönchsleben des Profis allerdings nicht unterwerfen.

Verabscheuen die meisten Profis den Alkohol als Gift fürs Hirn, sprach Kramnik dem Hochprozentigen gern mal zu. Dass er sich gelegentlich Mäßigung auferlegte und erst nach den Turnieren zechte, verunsicherte seinen ewigen Rivalen Anand, militanter Abstinenzler, zutiefst: »Wenn er nicht mehr trinkt, ist er überhaupt nicht mehr zu besiegen.«

Ehrgeiz und Aggressivität waren dem schlampigen Genie lange fremd. Er begnügte sich Anfang der neunziger Jahre mit einem Leichtlohnjob beim Bundesligisten Empor Berlin, wo er interessante Selbstversuche unternahm: Könnte er nach einer Nacht mit viel Wodka und wenig Schlaf ein Match gewinnen? Kramnik konnte.

Vor fünf Jahren jedoch spürte der Sohn eines Kunstmalers die Folgen des fortgesetzten Abusus: »Eines Tages war mein Kopf völlig leer, als ich vor dem Brett saß. Da beschloss ich, etwas vernünftiger zu werden.« Seither trinkt er kaum noch und spielt gelegentlich Tennis.

Etwas spleenig blieb er dennoch, der Mann aus Tuapse am Schwarzen Meer, wo ihn einst der Postmeister entdeckte und an die Moskauer Schachschule von Michail Botwinnik vermittelte. Obschon er seine Partien serienweise gewann, quälten ihn schreckliche Selbstzweifel. »Ich schäme mich, ich war so schlecht«, jammerte er selbst nach großen Siegen, um gleich darauf irgendein Zipperlein zu entdecken, mal am Rücken, mal am Bein. Seit kurzem jedoch hat die Szene eine merkwürdige Veränderung Kramniks registriert. Nach seinem geheimen Trainingslager in der Nähe von Kiel hatte der feinsinnige Lulatsch wohl zehn Kilo abgenommen und strotzte vor Selbstvertrauen und Kampfeslust.

Es war Joël Lautier, der offenbar einen Schalter in Kramniks Psyche fand. Der französische Spitzenspieler, der als einer der wenigen Profis gegen Kasparow eine positive Bilanz führt (zwei Siege, eine Niederlage, sieben Remis), hat den einst Bedächtigen in einen Kämpfer gewandelt. »Garri hat einen ganz ungewohnten Kramnik erlebt«, sagt Kasparows Vertrauter, der Hamburger Software-Unternehmer Frederic Friedel.

Zugleich befindet sich der Weltmeister, der stets in einer eigenen Klasse spielte, in einer bislang nie gekannten Schwächephase. Match-Beobachter registrieren, dass Kasparows Mutter Klara, die sonst keinen Zug ihres Sohnes auslässt, meist zur Hälfte der Partien in Begleitung einer Pflegerin die Tribüne verließ.

Ist die alte Dame schwer krank und der Champ daher nicht bei der Sache? So ließe sich die katastrophale Niederlage vom vergangenen Dienstag erklären, als Kasparow nach 25 Zügen, so früh wie nie, einfach aufgab, nachdem Kramnik seine Nimzowitsch-Indische Verteidigung mit einem riskanten Manöver lässig zu Fall gebracht hatte.

Kasparows Freund Friedel sieht die Chancen für den Weltmeister schwinden: »Aber er wird alles versuchen, sich den Titel zurückzuholen.« HAJO SCHUMACHER

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