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»Er kann noch nicht auf seinen Füßen stehen«

SPIEGEL-Interview mit Trainer Bosch über den Bruch mit Boris Becker Günther Bosch, 49, aus Siebenbürgen, spielte in der rumänischen Daviscup-Mannschaft, bevor er sich 1974 in die Bundesrepublik absetzte. Bis zur Trennung in der letzten Woche hatte er Boris Becker drei Jahre betreut. *
aus DER SPIEGEL 5/1987

SPIEGEL: Herr Bosch, der »Trainer des Jahres 86« hat mit dem »Sportler des Jahres 86« gebrochen. Sind Sie deprimiert?

BOSCH: Deprimiert eigentlich nicht. Eher tief berührt, daß diese enge Bindung so zu Ende ging.

SPIEGEL: So Knall auf Fall?

BOSCH: Nein, so glatt. Die Trennung wäre mir leichtergefallen, wenn wir im Streit oder wütend auseinandergegangen wären. So aber gab''s zum Abschluß von Boris nur ein paar wohlgesetzte Worte. Das war mir zu geschäftsmäßig, zu glatt.

SPIEGEL: Sind Sie einem Rausschmiß durch Beckers Manager Ion Tiriac zuvorgekommen?

BOSCH: Das ist Quatsch, was da in der Presse geschrieben wurde. Die Entscheidung habe ich aus eigenem Antrieb getroffen. Wenn Boris oder Tiriac mich schon länger hätten loswerden wollen, hätten sie zumindest schon einmal mit Kündigung gedroht, dazu sind sie beide Manns genug. Das war aber nie der Fall.

SPIEGEL: Boris Becker glaubt, auf Ihre Dauerbetreuung verzichten zu können, und wollte Sie nur noch als Coach für besondere Gelegenheiten anfordern.

BOSCH: Das war der entscheidende Grund für meine Kündigung. Man kann einen Spieler nicht hie und da mal trainieren. Als Trainer muß man ihn kontinuierlich sehen, seine Fehler analysieren, an seinen Schlägen arbeiten. So denke zumindest ich.

SPIEGEL: In einer ersten Reaktion klagten Sie, Boris habe Sie auch »menschlich sehr, sehr enttäuscht«. Wieso denn?

BOSCH: Ich war und bin verwundert, daß er plötzlich unsere ganze gemeinsame Arbeit vergessen hat und seinen eigenen Weg gehen will. Das stand vorher nie zur Debatte. Bisher galt, daß für Ihn ein Match ohne mich auf der Tribüne unvorstellbar war.

SPIEGEL: Was steckt denn hinter seinem Sinneswandel, der Sie zur Kündigung trieb?

BOSCH: Mir hat er gesagt, er will es im sportlichen und persönlichen Bereich alleine schaffen. Er ist der Auffassung, daß seine Schläge nicht mehr viel verbessert werden können. Das glauben Spieler immer dann, wenn sie siegen. Den Trainer brauchen sie in der Niederlage.

SPIEGEL: Trainer Bosch aber kündigte genau am Tag nach Beckers bitterer Niederlage gegen Wally Masur in Melbourne...

BOSCH: Das traf nur zufällig zeitlich zusammen, das heißt, der reine Zufall war es doch nicht. Wie er in diesem Match nach gutem Beginn wieder ausrastete und seine spielerische Linie total verlor, zeigte mir, daß Boris eben noch viel lernen muß und noch nicht auf eigenen Füßen stehen kann. Das bestätigte meine Auffassung, daß man ihn nur ganz oder gar nicht trainieren kann. Und ganz will er ja nicht mehr.

SPIEGEL: Die ersten Risse in Ihrem Verhältnis zu Becker entstanden vor einem halben Jahr. Damals tauchte seine Freundin Benedicte auf. Seiner »Benny« wegen ließ Becker Sie etwa im vergangenen Herbst nach Hamburg zum Turnier am Rothenbaum vorausreisen. Er selbst blieb noch zwei Tage in Amerika und schied in Hamburg prompt im ersten Spiel aus. Hat das Mädchen die Harmonie des Duos Bosch-Becker zerstört?

BOSCH: Das Mädchen ist schon in Ordnung. Bisher war sie keine Bremse. Aber natürlich nimmt sie Zeit in seinem Leben ein.

SPIEGEL: Zeit, die Becker auf Tennis verwenden sollte?

BOSCH: Wenn wir früher miteinander frühstückten, war das doch nicht, weil Boris nicht allein sein Brötchen essen konnte. Wir haben mental das kommende Match vorbereitet. Heute will er, ganz verständlich, mit ihr beim Frühstück alleine sein.

SPIEGEL: Können Sie sich nicht damit abfinden, daß Ihr Schützling sich abnabelt?

BOSCH: Ich kann mich mit der Rolle, die Boris mir sportlich und menschlich zuschreiben möchte, nicht zufriedengeben. Weitere Erklärungen bedeuteten, schmutzige Wäsche zu waschen. Dazu gebe ich mich nicht her.

SPIEGEL: Die innere Einstellung, haben Sie immer gelehrt, sei der Motor jedes Spielers. Fängt der Motor von Boris - siehe die Niederlage in Australien - jetzt an zu stottern?

BOSCH: Es könnte so sein, denn diese Wandlung, diese Abnabelung von mir, hat ihn sehr, sehr beschäftigt.

SPIEGEL: Ihr Ziehsohn Boris will fast erwachsen, ohne Sie hinaus ins feindliche Leben. Erlebt das nicht jeder Vater auch?

BOSCH: Das ist in Familien so üblich ich war jedoch für Boris fast mehr als ein Vater. Ich glaubte, ihm nicht nur im menschlichen, sondern auch im sportlichen Bereich viel mitgeben zu können. Aber vielleicht ist das ja gerade der Grund, warum er mich nicht mehr akzeptiert: Weil ich ihn einfach zu gut kenne.

SPIEGEL: Manager Tiriac scheint Ihre Art der Rundumbetreuung neuerdings auch für übertrieben zu halten. Er glaubt zwar, Boris brauche einen Coach, _(Bei seiner Niederlage gegen Wally Masur ) _(am 20. Januar in Melbourne. )

aber, sagt er wörtlich, »nicht, wenn er ißt oder seine Hände wäscht«.

BOSCH: Na ja, die meiste Zeit war ich bei Boris schon mit Tennistraining beschäftigt. Ein Gute-Nacht-Lied hätte er sich von mir auch nicht singen lassen. Im Ernst: Wenn Tiriac das so gesagt und gemeint hat, empfinde ich das als beleidigend. Wie eng hat er, müßte ich da gegenfragen, denn mit seinem ehemaligen Schützling Guillermo Vilas zusammengesteckt? Da war er doch noch mehr Mädchen für alles als ich bei Becker.

SPIEGEL: Kaum waren Sie abgereist, dachte Tiriac in Melbourne über den richtigen Coach für Boris nach: einen Ex-Profi der Spitzenklasse, der selbst mal auf den Center Courts von Wimbledon oder Paris gestanden habe. Ging das auch gegen Sie?

BOSCH: Die Spielstärke für den Center Court bei den bedeutendsten Turnieren der Welt besaß ich in der Tat nie. Natürlich gibt es für Boris bessere Sparringspartner, als ich einer war. Aber ein Trainer braucht vor allem pädagogische Fähigkeiten. Welche großen Spieler haben denn ein Arthur Ashe, ein John Newcombe oder ein Ilie Nastase - alle Ex-Stars - als Trainer herausgebracht, geformt, betreut?

SPIEGEL: Aber solche ehemaligen Asse, so meint Tiriac, könnten bei Boris abstellen, was Sie nicht geschafft hätten, etwa seine mangelhafte Beinarbeit.

BOSCH: Uns allen war immer klar, daß Boris seine Beinarbeit verbessern muß. Ein so flinker Läufer wie Lendl kann er zwar nie werden, aber wenn er sein Laufvermögen nur um zehn Prozent steigert, ist er die Nummer eins. Nur: Dazu muß Boris sich wirklich engagieren. Was zu tun wäre, weiß er so gut wie ich oder Tiriac.

SPIEGEL: Will er nicht?

BOSCH: Doch, aber der Druck von Turnier zu Turnier hat in der Vergangenheit nicht mehr Zeit für Beinarbeit erlaubt.

SPIEGEL: Jetzt möchte Tiriac einen Leichtathletik- oder Boxtrainer für den Tennisspieler Becker engagieren.

BOSCH: Von der Hüfte abwärts haben Tennis und Boxen im Bewegungsablauf viel miteinander zu tun, vielleicht bringt Tiriacs Idee tatsächlich etwas. Beinarbeit ist aber auch Tiriacs fixe Idee. Er hatte ja mit Vilas früher einen Dauerläufer unter Vertrag, der alle Bälle erlief und zurückbrachte. Ich verstand und verstehe Boris als Tennisspieler und nicht als Leichtathleten.

SPIEGEL: Ist Ihnen schon der Verdacht gekommen, daß nicht Becker, sondern Tiriac Sie an den Rand drängen wollte?

BOSCH: Ich glaube, daß Boris sein Verhalten mit Ion Tiriac besprochen und die Entscheidung, mich nur noch als zeitweiligen Trainer zu beschäftigen, nicht selbst getroffen hat. So wie ich ihn kenne, wollte er sich dann aber nicht hinter jemandem verstecken, sondern diese Entscheidung mir, seinem Coach, als seine ganz persönliche mitteilen.

SPIEGEL: Ihr Vertrag bei Tiriacs Firma »Tivi« läuft eigentlich bis 1989. Sehen Sie sich noch als sein Angestellter?

BOSCH: Auf dem Papier wohl schon noch. Aber ich war ja schon vor meinem Vertrag mit Tivi Beckers Coach. Nachdem meine Zeit mit Boris vorbei ist, wird die Firma wohl kein Interesse mehr an mir haben.

SPIEGEL: Sie kennen das biblische Gleichnis vom verlorenen Sohn: Der junge Mann verläßt hochmütig seinen Vater, fällt draußen in der Welt auf die Schnauze, doch als er reumütig heimkehrt, nimmt ihn der Vater wieder wie einen Lieblingssohn auf. Würden Sie Boris ebenso behandeln?

BOSCH: Ich bin zu jeder Stunde bereit, Boris zu helfen, in welcher Form auch immer.

Bei seiner Niederlage gegen Wally Masur am 20. Januar in Melbourne.

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