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BERGSTEIGEN Es den Männern zeigen

aus DER SPIEGEL 44/1959

Das Weib ertragt den Himmel nicht. Adalbert Stifter in »Der Condor«.

Zwei Frauen und ein Mann büßten Anfang Oktober im brüllenden Schnee -Orkan 28 Kilometer nordwestlich des Mount Everest in nahezu 8000 Meter Höhe ihr Leben ein. Sie bildeten die Angriffsspitze der ersten Hochgebirgs-Expedition der Welt, die sich - von der üblichen Hinzuziehung gebietskundiger, eingeborener Sherpas abgesehen - nur aus Frauen zusammensetzte.

Es war kein Zufall, daß außer den Sherpas keine Männer an der Expedition teilnahmen. Der aus neun Europäerinnen und drei Sherpa-Töchtern bestehende

weibliche Gipfel-Sturmtrupp war nämlich nur deshalb in das Himalaja-Massiv eingestiegen, um vor aller Welt nachzuweisen, daß das Bezwingen zerklüfteter Eisriesen keineswegs ausschließlich Männersache sei.

Diese fixe Idee stammt von der 40jährigen Französin Claude Kogan aus Nizza, die es trotz ihrer wenig robusten 90-Pfund-Figur in den vergangenen 15 Jahren als Bergsteigerin in Alpinistenkreisen zu Wertschätzung gebracht hat.

Als Schauplatz der angestrebten Beweisführung, daß weibliche Kletterer den Männern nicht nur in den alpinistischen Fähigkeiten, sondern auch im Ertragen von Strapazen und in der körperlichen Zähigkeit gleichwertig seien, wählte Claude Kogan den erst zweimal bestiegenen Himalaja-Giganten Cho Oyu. Er ist der siebthöchste Berg der Erde und mit 8189 Meter fast doppelt so hoch wie Europas höchster Berg, der Mont Blanc.

Auch die Wahl gerade dieses Kletterobjekts hatte besondere Gründe. Claude Kogan hielt es nämlich aus optischen Gründen für geboten, daß die Damen-Seilschaft wegen ihrer bedeutenden Mission gleich einen Achttausender anging. Hinzu kam, daß Claude Kogan den Cho Oyu - wegen seines türkisfarbenen Leuchtens am Abend im tibetischen Sprachgebrauch »Edelstein der Götter« genannt - bereits ziemlich gut kannte. An seinen schroffen Eiswänden hatte sie nämlich vor fünf Jahren als einziges weibliches Mitglied einer gescheiterten Männer-Expedition, die nur das nackte Leben rettete, mit einer Kletterleistung von 7650 Metern den Bergsteiger-Höhenweltrekord für Frauen aufgestellt.

»Was mir 1954 mit den Männern nicht gelang, soll mit den Frauen glücken«, verkündete daher Claude Kogan und rief nach kletterfreudigen Genossinnen. Sie hatte keine Schwierigkeiten, genügend Damen anzulocken, die gewillt waren, es den Männern auch unter extremen Sportbedingungen in dünner Luft bei Minustemperaturen zwischen 35 und 40 Grad zu zeigen. Die Bewerberinnen rückten so zahlreich an, daß sich Madame Kogan die

stärksten Bergsteiger des schwachen Geschlechts aussuchen konnte: Eine Skimeisterin aus Brüssel, eine Parlaments-Stenographin aus Bern, je eine französische und eine britische Lehrerin, eine französische Ärztin, eine Photographin aus Grenoble, und zwei weitere Engländerinnen, eine Gräfin und eine Hausfrau.

Entschlossen, dem schon vor dem Ersten Weltkrieg von einem kompetenten Kletterkünstler namens Paul Preuss fixierten und bislang noch immer nicht ausgerotteten Vorurteil ("Die Frau ist der Ruin des Alpinismus") endgültig den Garaus zu machen, setzte sich die illustre Gesellschaft am 21. August von der nepalesischen Stadt Katmandu aus mit über 100 Trägern und vier Tonnen Gepäck in Marsch. Sie ließ sich weder durch Diarrhöe-Attacken noch durch den Angriff eines wildgewordenen Hornissenschwarms daran hindern, planmäßig am 5. September das Kuli-Kaff Namche Bazar am Fuß des Cho Oyu zu erreichen.

Freilich zeigte sich schon bald nach der Einrichtung des sogenannten Ausgangslagers Mitte September in 5790 Meter Höhe, daß die Bergsteigerinnen in der Planung und Vorbereitung ihres gefährlichen Unternehmens die von zahlreichen Männer-Expeditionen in den letzten Jahren praktizierte Gründlichkeit blindlings verfehlt hatten.

Die Hochgebirgs-Amazonen hatten nämlich versucht, jenen Erfahrungsgrundsatz des Klettersports umzuwerfen, der besagt, daß ein derart ausgedehnter Himalaja-Trip wie der Angriff auf den Cho Oyu an reinem Bargeld für Reisekosten und Trägerlöhne pro Teilnehmerin nicht weniger als zehntausend Mark verschlingt. Da sie weder die Anreisekosten noch das Kuli-Salär zu drücken vermochten, sparten die Frauen, denen es am Gelde haperte, an der Ausrüstung. Führerin Claude. »Wir sind eben eine arme Expedition.«

So kam es, daß die unter Zurücklassung von Zwischenlagern bis auf 900 Meter unter den Gipfel des eisfunkelnden Ziels ihrer Sehnsucht vorgedrungenen Frauen weder genügend Sauerstoff-Flaschen noch Funksprechgeräte zum Zweck zuverlässiger Verbindung zwischen den einzelnen Lagern, noch ein Radiogerät mitführten.

Es war daher kein Wunder, daß nach Erreichen der sogenannten »Todeszone«, die im Höhenbereich zwischen 6500 und 7000 Meter beginnt und bei gesteigerten Anforderungen infolge Wetterverschlechterung selbst kerngesunden Menschen gefährlich werden kann, zwei der Frauen mit Anzeichen der Höhenkrankheit - von Fachleuten als Zustand von Delirium mit Neigung zu Halluzinationen gekennzeichnet - zu Tal transportiert werden mußten.

Viel schlimmer wirkte sich jedoch das Fehlen eines Radios aus, jenes Geräts, dem ein erfahrener Alpinist wie der Münchner Nanga-Parbat-Bezwinger Dr. Karl Herrligkoffer für eine Hochgebirgs-Expedition lebenswichtige Bedeutung beimißt. Berichtet Herrligkoffer vom Anstieg einer Expedition, der er angehörte, auf den 8047 Meter hohen Broad Peak im Jahre 1954: »Wir hatten mit Radio Rawalpindi einen eigenen Wetter-Warndienst vereinbart. Die Batterien für die Empfänger nahmen wir nachts mit in die Schlafsäcke, um sie warm zu halten, damit die Spannungskapazität nicht absank. Auf 6300 Meter Höhe warnte uns dann Rawalpindi, in drei Tagen sei ein Schneesturm zu erwarten. Wir räumten den Berg innerhalb zwei Tagen. Am Tag darauf brach der Blizzard los, den wir oben bei fast 40 Grad unter Null nicht überlebt hätten.«

Claude Kogans weibliche Gebirgstruppe konnte solche Warnungen nicht empfangen. Kurz nachdem der Sherpa Tsung das Opfer eines normalen alpinistischen Betriebsunfalls - eine Lawine riß ihn mit - geworden war, brach unvermittelt ein Schneesturm über die Expedition herein. Er zerfetzte die Zelte, die Claude Kogan mit der 26jährigen belgischen Skimeisterin Claudine van der Stratten und einem strammen Sherpa namens Angnorbu errichtet hatte, während sie als Vorhut gipfelstrebend verschwunden waren.

Erst acht Tage später ließen Blizzard und Lawinentätigkeit nach, so daß sich unter Führung der englischen Gräfin ein Rettungstrupp aus dem nächstniedrigeren Lager hochwagte. Die Retterinnen fanden Leinwandfetzen, aber keine Spur von den irgendwo unter Schneemassen begrabenen Toten.

Weiteren Strapazen war die Expedition in der dünnen Luft nicht mehr gewachsen. Am 17. Oktober gab die Regierung von Nepal das tragische Scheitern des Frauen-Unternehmens bekannt.

Auch Arzt Dr. Herrligkoffer bedauert das fatale Resultat des weiblichen Angriffs auf den »Edelstein der Götter« und das Vorurteil der Männer, stellt jedoch - unter Anspielung auf periodische Schwächen der Frau - nüchtern fest: »Männer sind eben anders gebaut. Das werden die Frauen auch dann nicht ändern, wenn sie einen Achttausender besteigen.«

Damen-Seilschaft* im Himalaja Von den Toten keine Spur

* Claude Kogan (M.). Claudine van der Stratten (r.), Expeditionsteilnehmerinnen.

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