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Es ist idiotisch

Als Sklavenhaltung verurteilen Fußballspieler wie Paul Breitner die Ablösesummen beim Klubwechsel. Schweizer Gerichte erklärten Ablösegeld als sittenwidrig, ein deutsches Gericht rechtfertigte es.
aus DER SPIEGEL 43/1976

Mit 20 Jahren baute sich der Dorfbub Paul Breitner am Stadtrand von München einen Bungalow und kaufte sich einen Maserati. Denn als Verteidiger beim FC Bayern München verdiente er jährlich 300 000 Mark plus Honorare im Werbegeschäft. Er heiratete, wurde Fußball-Weltmeister und wechselte zum Spanischen Meister Real Madrid.

Dort verdient er jetzt im Jahr eine halbe Million Mark und kaufte noch ein Haus. In seinem Marstall steht neben Kleinwagen und Motorrädern ein Bentley. Was ihn ärgert: Von den drei Millionen Mark Ablöse, die Real Madrid an Bayern München zahlte, sah er keinen Pfennig.

So kam es, daß der Fußballmillionär, nunmehr 25 Jahre alt, an Revolution dachte. Als Sprachrohr benutzte er den »Playboy": »Der ganze Handel mit Ablösesummen ist einfach gesetzwidrig -- widerspricht den Grundrechten und der Grundwürde des Menschen.«

Was immer er mit Grundwürde meinen mag; vor allem schlug er vor: »Eigentlich sollte mal irgendein Spieler einen Musterprozeß führen.« Breitner will es nicht, braucht es nicht, weil er als ausländischer Spieler in Madrid nach Vertragserfüllung ohne Ablöse weiterziehen darf. Nur Spanier sind dort »Leibeigene der Fußballbosse«.

Den Musterprozeß hat der Schweizer Kicker Georges Perroud geführt und gewonnen. Vor vier Jahren wollte er den Klub Servette Genf verlassen, hatte jedoch keine Freigabe erhalten. Nur gegen eine genügend hohe Ablösesumme wollten die Genfer den Spieler ziehen lassen.,, Das ist Sklaverei«, rief Perroud. Das Schweizer Bundesgericht entschied in letzter Instanz, (laß Ablösesummen widerrechtlich sind.

Doch in der Schweiz erschütterte das Urteil die Klubvorsitzenden nur mäßig. »Diese Sklaven leben ja gewiß nicht in Verhältnissen, wie sie in Onkel Toms Hütte geschildert werden«, meinte Edi Naegeli vom Schweizer Meister FC Zürich. »Ich rege mich über diesen Fall nicht auf«, verkündete Nationalliga-Präsident Lucien Schmidlin. »Und zum Pressieren zwingt mich auch nichts.«

Noch weniger bewegte das Urteil die Fußballprofis in der Bundesrepublik. Rechtsanwalt Paul Märzheuser, Präsident des Bundesligaklubs MSV Duisburg, verwies auf ein Urteil des Bundesgerichtshofes, in dem beiläufig festgestellt worden sei. »daß Ablösesummen rechtens sind«. Die Abstandszahlungen seien als Ausgleich für den abgebenden Verein zu werten, der einen Spieler ausgebildet und gefördert hat. Ursprünglich hatten Ablösesummen Amateurvereine vor Abwerbung schützen sollen. Steuerrechtlich werden Fußballprofis wie über Jahre abschreibbare Produktionsmittel behandelt.

Bundesligaspieler wollen dennoch nicht zum Kadi laufen. Denn das bundesdeutsche System wird sogar von Ausländern als relativ gerecht gelobt. Ablösesummen sind auch für Spieler Geld wert: Fordert der alte Klub eine Million Mark Ablöse und der kaufwillige Verein verzichtet deshalb auf den zu teuren Kicker, muß der alte Klub die Bezüge seines Spielers entsprechend dem selbst festgesetzten Wert anheben. Der Spieler kassiert den vierten Teil der Ablöse, in diesem Fall 250 000 Mark, als Handgeld.

Deshalb läuft ein Klub, sobald er Ablösesummen für überzählige Spieler festlegt, selbst ein Risiko. Für seinen Mittelfeldspieler Rainer Zobel verlangte Bayern München beispielsweise 500 000 Mark, fand aber keinen Abnehmer.

Zobel hätte nun hei Bayern 125 000 Mark jährlich fordern können, ohne zu spielen. Er zog es vor, sich in seiner Heimat dem Lüneburger SK anzuschließen, einem Amateurklub, von dem Bayern keinen Pfennig Ablöse einklagen kann. Mehrmals setzten Spieler ihren Klub mit der Drohung unter Druck. sich reamateurisieren zu lassen. Der alte Verein geht dann leer aus.

»Bei uns unterhalten sich die Spieler nicht einmal über den Fall Perroud«, berichtet Vizepräsident Helmut Grashoff vom Deutschen Meister Borussia Mönchengladbach. »Im übrigen ist die Ablösesumme das Regulativ des ganzen Bundesligageschäfts.«

Von den mehr als 100 Millionen Mark, die in der Bundesliga jährlich umgesetzt werden, gehen etwa 25 Millionen an Ahlöse für neue Spieler drauf. Da jeder der fast 370 Lizenzspieler mindestens 100 000 Mark, die Besten aber mehr als eine halbe Million jährlich verdienen, werden weitere 50 Millionen Mark allein an Spieler gezahlt.

Seit Einführung der Bundesliga 1963 waren doppelte Bilanzen und Schwarze Kassen ebenso an der Tagesordnung wie kriminelle Methoden bei der Abwerbung von Spielern, um die Bestimmungen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) zu unterlaufen.

Im Bayrischen Wald beim SC Zwiesel spürte der TSV München 1860 einen 18jährigen Mittelstürmer namens Klaus Fischer auf. Zwei Jahre erhielt Fischer das Monatsgehalt von 2500 Mark. Bei der Vertragsverlängerung forderte der Vater für den minderjährigen Torjäger Klaus doppelte Einkünfte. Doch Vater Fischer unterzeichnete den Vertrag an der falschen Stelle.

Geschäftsführer Ludwig Maierböck kramte die Unterschrift des Vaters auf dem alten Vertrag hervor und pauste sie auf den neuen Vertrag durch, in dem die Konditionen des Vereins eingetragen waren.

Vorstandsmitglied Wolfgang Holst vom West-Berliner Bundesligaklub Hertha BSC hatte in Flandern den ungarischen Nationalspieler Zoltan Varga entdeckt. Für ein Spitzengehalt sollte er nun in Berlin Tore schießen. Doch Varga besaß keine Papiere. Im Kofferraum brachte Holst Varga über die belgisch-deutsche Grenze und durch die DDR. Für den Fall der Entdeckung durch DDR-Grenzer hatte der SPD-Politiker Egon Bahr Hilfe zugesagt. Die Passage verlief ungestört.

»Solche Methoden färben natürlich auf junge Burschen ab«, rügte DFB-Vorstandsmitglied Hans Kindermann. Die Stars Fischer und Varga gehörten später auch zu den ertappten Sündern im Bundesligaskandal. Fischer verstrickte sich sogar in einen Meineid, wurde verurteilt und verdarb sich die bevorstehende Berufung in die Nationalmannschaft.

In den Handel schalteten sich meist auch Spielervermittler ein, die für ihre Schaltungen bis zu zehn Prozent Provision einstrichen.

»Spieler von abstiegsbedrohten Klubs werden am reichsten«, behauptet Trainer Max Merkel. Grund: Abgestiegene Klubs gewähren oft günstigere Ablösebedingungen.

Um den illegalen Spielerhandel zu unterbinden, ließ der DFB Spielervermittler als Verstoß gegen die nur staatlich zugelassene Arbeitsvermittlung verbieten. Der DFB richtete gleichsam im Amtsauftrag eine eigene Vermittlungsstelle ein.

* Oben: auf dem HSV-Trainingsplatz. Unten: nach Gehirnerschütterung im Bundesligaspiel Hamburger SV gegen 1. FC Köln.

Die Spielervermittler wie der Ungar Dr. Otto Georg Ratz waren inzwischen in die Schweiz gewechselt. Ratz rühmt sich, bisher in mehr als 2000 Fällen Spieler und Vereine zusammengebracht zu haben.

Vermittler Ratz: »Auf der einen Seite stehen Erlasse, auf der anderen Seite aber steht das Leben.« In Mönchengladbach fanden sich junge Spieler zum Vertragsabschluß erst durch die Betreuung einer jungen Dame in einer Bar bereit. Spielerjargon: »Die Fohlen-Matratze.«

Der Hamburger Mittelstürmer Willi Reimarm, der für 777 000 Mark von Hannover 96 zum HSV gekommen war, fühlt sich nicht »versklavt, höchstens durch die Ablösepraktiken behindert«. Daß er so teuer gewesen sei, habe er erst in Hamburg beim Vertragsabschluß erfahren. »Bis dahin hatte mir Hannovers Präsident immer verschwiegen, wieviel Ablöse er fordert.«

Während in England der teuerste Spieler mehr als 350 000 Pfund gekostet hat, kaufte in Italien der SSC Neapel Giuseppe Savoldi für 5,6 Millionen Mark von Bologna -- zwei neapolitanische Spieler erhielt Bologna noch dazu. In der Bundesliga wurde erst jetzt der erste »Millionär« im Ablösegeschäft verbucht. Für eine Million erwarb der 1. FC Köln den Belgier Roger van Gool.

In Frankreich schafften die Fußball-Oberen auf Geheiß von Spielern und Moralisten die Ablösen ab. Die Spieler wurden noch teurer und kassierten allein. Die Vereine verschuldeten sich noch mehr.

»Gäbe es die Ablösesummen nicht, wären die Klubs auch bei uns längst völlig ruiniert« sagt Mönchengladbachs Vorstandsherr Grashoff. »Trotzdem stehen wir keinem Spieler, der weg will, im Wege.« Der Däne Henning Jensen, dessen Wert die Mönchengladbacher für abwerbende Bundesligaklubs auf 2,5 Millionen festgesetzt hatten, wurde schließlich für 1,5 Millionen an Real Madrid verkauft.

Das Bundesligastatut, das mittlerweile Transfers jeweils von Juli bis zum 31. Dezember ermöglicht, erweist sich für die Klubs als gut, für die Spieler aber als besser. Oft bewerben sie sich bei anderen Klubs nur, um im eigenen Verein das Gehalt zu steigern.

»Ich habe dieses System durchschaut und es bewußt mitgemacht«, verriet der frühere Nationalspieler Günter Netzer, der heute für die Grashoppers Zürich spielt. Das deutsche Statut hält er noch für das beste. »Nur die Kaufsummen sind idiotisch.« Doch Netzer hat sein Geschäft längst getätigt.

Freund Breitner urteilt anders: »Der Spieler ist nur noch berechtigt, allein zu schnaufen, sonst darf er nichts.« Als Breitner einst in den Flitterwochen zum Länderspiel nach Norwegen berufen wurde, spottete Frau Hildegard: »Ein Interruptus für Deutschland.«

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