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»Es wird noch schlimmer«

aus DER SPIEGEL 41/1990

Bei der Begegnung Sachsen Leipzig gegen Carl Zeiss Jena veranlaßte Schiedsrichter Kirschen, 46, nach Zuschauerausschreitungen den ersten Spielabbruch in der Geschichte des DDR-Fußballs.

SPIEGEL: Herr Kirschen, der ehemalige Bundesligaprofi und jetzige Trainer von Sachsen Leipzig, Jimmy Hartwig, hat Sie »ein kleines Schweinchen« genannt.

KIRSCHEN: Solche Äußerungen sind eine Schande für die gesamte Trainerzunft. Ich bin ja daran gewöhnt, daß mich die Leute im Stadion als »Schwarze Sau« beschimpfen, im Fußball wird es eben nie so zugehen wie in der Turnhalle oder beim Schwimmen. Aber eine solche Beleidigung lasse ich mir nicht gefallen. Sogar mein Lada ist in Leipzig demoliert worden. Man hat mir zugesagt, daß er zügig repariert wird - und bei der derzeitigen Auftragslage in unseren Werkstätten bin ich optimistisch, daß das gelingt.

SPIEGEL: Auch Hartwigs bundesdeutscher Kollege Uwe Reinders hat einen Ihrer Kollegen beleidigt.

KIRSCHEN: Diese beiden Trainer stehen mit ihren Klubs derzeit an der Spitze. Daraus wird in der Presse der voreilige Schluß gezogen, sie seien besser als die DDR-Trainer. Das muß sich aber erst rausstellen, und ich weiß nicht, ob Herr Hartwig und Herr Reinders ihre Situation richtig einschätzen. Sie sollten vielleicht ein bißchen bescheidener auftreten.

SPIEGEL: In der Oberliga häufen sich die Krawalle, auch in Halle und Chemnitz wurde geprügelt. Haben Sie eine Erklärung dafür?

KIRSCHEN: Solche Ausschreitungen hat es vor Jahren auch in der Bundesrepublik gegeben, bei uns kommen sie nun mit Verspätung. Krawalle gab es bei uns früher nur vereinzelt bei den Spielen von Union Berlin oder Chemie Leipzig, aber im Vergleich zu heute war das harmlos. Ich glaube, daß die zunehmende Gewalt schon etwas mit dieser neuen Freiheit zu tun hat, die von Rowdys falsch verstanden wird. Sie können damit nicht vernünftig umgehen. Deswegen sind jetzt zuallererst die Vereine gefordert - denn wenn die Leute, wie etwa in Leipzig, ungehindert mit Flaschen und Getränkedosen ins Stadion gelangen können, ist der Eklat abzusehen.

SPIEGEL: Ist der Oberliga-Fußball zum Treffpunkt der rechtsradikalen Szene geworden?

KIRSCHEN: Ich kann das nicht beweisen, aber ich glaube schon, daß auch politische Motive eine Rolle spielen. Ganz sicher kommen die meisten Zuschauer inzwischen nicht mehr wegen des Fußballs ins Stadion. Sie beschäftigen sich während eines Spiels kaum noch mit dem Geschehen auf dem Platz.

SPIEGEL: Der Chemnitzer Trainer Hans Meyer glaubt sich vom DFB-Präsidenten Hermann Neuberger »über den Tisch gezogen«, weil von der nächsten Saison an nur noch die acht besten Oberliga-Klubs im gesamtdeutschen Profifußball mitspielen dürfen. Fördert der verschärfte Konkurrenzkampf die Aggressivität im Stadion?

KIRSCHEN: Aber natürlich. Die meisten Spieler, Trainer und Funktionäre werden demnächst ein ganz anderes Leben führen müssen. Auf dem Platz geht es deshalb anders zur Sache, und das überträgt sich auf die Zuschauer. Deshalb waren wir darauf vorbereitet, daß manche Spiele in dieser Saison mit Sport kaum noch etwas zu tun haben. Das wird sich in Zukunft auch nicht ändern. Im Gegenteil: Es wird noch viel schlimmer werden.

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