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SPEERWERFEN Fällt und steckt

Speerwürfe um 100 Meter sprengten die Stadionmaße und gefährdeten Menschen. Als Lösung verordneten die Funktionäre kopflastige Speere für Kraftmeier. *
aus DER SPIEGEL 33/1986

Immer weiter segelte der Speer wie eine Riesenzigarre auf einem unsichtbaren Luftpolster hinweg über den Innenraum des Ost-Berliner Jahnpark-Stadions. Erst nach 104,80 Metern landete er - am Anlauf der Stabhochspringer.

Der Weltrekord des DDR-Offiziers Uwe Hohn alarmierte die Herren des Leichtathletik-Weltverbandes (IAAF). Um das Risiko für Menschen in der Landezone zu entschärfen und Überweiten zu verhindern, führten sie von dieser Saison an einen neuen Speer ein. »In der Landephase fällt er schnell«, nannte Speerwurf-Bundestrainer Hans Schenk, ein früherer Weltklassewerfer, die Haupteigenschaft des neuen Geräts, »und steckt.«

»Ein Speer muß fliegen und soll nicht herunterfallen«, bemängelte dagegen Weltrekordler Hohn. »Darunter leidet die Schönheit unseres Sports.« Rundum zufrieden sind die Hersteller. Ihnen beschert die weltweite Umrüstung einen Millionenumsatz: Die neuen Geräte kosten etwa zwischen 400 und 800 Mark.

Nach der neuen Regel verlagert sich der Schwerpunkt des 2,60 Meter langen 800-Gramm-Speeres um vier Zentimeter nach vorn. Deshalb beendet er seine Kurve im Sturzflug, zehn bis 15 Meter früher als die bisherigen Speere.

Dem Speer sind »die Flugeigenschaften genommen«, beschrieb DDR-Weltmeister Detlef Michel, »so daß es nun ein ballistischer Wurf wird«. Tatsächlich stehlen die Speerwerferinnen, die mit unveränderten Modellen umgehen und um die 70 Meter erreichen (Weltrekord: 75,40 Meter), der männlichen Konkurrenz die Schau, »einfach, weil es attraktiver anzusehen ist«, wie die Deutsche Meisterin Beate Peters sagte.

Die Attraktivität von Speerwurf-Wettkämpfen reicht in Urzeiten zurück. Als Waffe und Sportgerät zugleich ging der Speer schon in Mythen und Legenden ein. Griechenheros Achill durchbohrte seinen Gegner Hektor mit einem Speer und entschied den Trojanischen Krieg. Ebenfalls mit einem Speer meuchelte Fiesling Hagen den Germanenhelden Siegfried.

Im klassischen Griechenland gehörte Speerwerfen zum olympischen Programm (innerhalb des Fünfkampfes). Noch vor 100 Jahren wurden Wettkämpfe im Weit- und Zielwerfen ausgetragen. Seit 1908 stehen im Speerwerfen olympische Medaillen auf dem Spiel. Damals betrug die Siegesweite 54,82 Meter, und die Werfer benutzten Holzgeräte aus finnischer Birke oder Gebirgsesche.

Der amerikanische Tüftler Franklin Held verwandelte 1953 den Wurfspieß in ein aerodynamisches Fluggerät. Er verleimte mehrere Holzschichten, verdickte den Griff und verkürzte die metallene Spitze zu einem stumpfen Kegel.

Damit warf er als erster mehr als 80 Meter. Schweden entwickelten den »Airmaster« als ersten erfolgreichen Metallspeer. Inzwischen schwirren in bedeutenden

Wettkämpfen nur noch metallene Speere. 1964 betrug die Weltbestleistung schon 91,72 Meter.

Aus Wettkampfspeeren waren flugfähige Gleiter, aus dem Speerwurf war ein Speerflug geworden - falls der Werfer es fertigbrachte, den Speer ungefähr in einem Winkel von 35 Grad abzuwerfen, kraftvoll genug, damit er mit einer Geschwindigkeit von ungefähr 30 Meter pro Sekunde abhob. Dann konnte sich, am günstigsten bei trockenem Wetter und leichtem Gegenwind, ein tragendes Luftpolster bilden.

Sportler und Kampfrichter im Wurfradius lebten gefährlich. In den fünfziger Jahren landete ein Speer des polnischen Olympiasiegers Janusz Sidlo in Jena einmal unter Stabhochspringern. Im Hamburger Hammer Park tötete ein Speer den Kampfrichter Heinz Jürgen Vogt. ZDF-Leichtathletik-Experte Karl Senne erlebte in Köln einen Trainingsunfall mit: »Ein Speer durchbohrte den Fuß eines Jungen und nagelte ihn buchstäblich auf dem Rasen fest.«

Sogar Tribünenbesuchern drohte Gefahr: Der Spanier Felix Erauzquin schleuderte 1956 seinen Speer nach schnellen Körperdrehungen ab und erzielte 105 Meter; mittelmäßigen Werfern bot die 100-Meter-Marke plötzlich keine Probleme mehr. Doch der Speer schoß leicht in die falsche Richtung und gefährdete auch Zuschauer. Zudem sprengte die neue Methode den verfügbaren Innenraum - in Stadien um 100 Meter, die Länge eines Fußballfeldes.

Die IAAF verbot den Schleuderstil umgehend. Aber mit immer ausgefeilteren Geräten näherte sich der US-Werfer Tom Petranoff der 100-Meter-Grenze. Auch das Risiko blieb, vor allem in engeren Arenen. Im Stockholmer Olympiastadion von 1912 verfehlte ein Speer nur knapp den belgischen Rekordler Emiel Puttemans während des 5000-Meter-Rennens.

Zudem forderten die segelnden Speere bei der Weitenmessung zu Manipulationen heraus. Die Regel verlangt zu einem gültigen Wurf eine sichtbare Markierung der Spitze im Boden. Aber die fliegenden Zigarren klatschten oft bäuchlings auf oder gar mit dem Hinterteil zuerst. Beim Olympia 1980 in Moskau trafen zwei Würfe des sowjetischen Favoriten Dainis Kula flach auf - ungültig. Der dritte Wurf landete mit der hinteren Spitze zuerst; die sowjetischen Kampfrichter entschieden dennoch auf gültig. Kula gewann die Goldmedaille.

Um wenigstens die Überweiten einzudämmen, ließ der Weltverband mit einem schwereren 1000-Gramm-Speer experimentieren. Der Speer landete zwar früher, aber die Sportmediziner legten ein Veto ein. »Die Belastung nahm zu, die ohnehin hohe Verletzungsgefahr stieg«, berichtete Bundestrainer Schenk.

Deshalb entschied sich der Weltverband statt für einen schwereren für den kopflastigen Speer. Manipulationen sind kaum noch möglich, da das neue Gerät mit der Spitze voran herunterfällt. »Der Speerwurf ist gerechter und ehrlicher geworden«, begrüßt Schenk.

Aber die neue Regel fördert auch einen neuen Werfertyp. Statt »von Supertechnikern in den Wind gelegt zu werden«, kritisierte Olympiasieger Klaus Wolfermann, wird der Speer »von Muskelmännern nach vorn gedroschen«. Auch Schenk bedauert, daß »die Künstler des Speerwerfens nicht mehr so zum Zuge kommen«. Nach Wolfermann könnte deshalb sogar »die Gefahr medizinischer Manipulation«, sprich Doping, zunehmen.

In den Stadien leben Leichtathleten trotz kürzerer Speerwürfe auch künftig nicht ungefährlich. Wurfhämmer, die außer Kontrolle geraten waren, töteten schon mehrmals Menschen.

1977 erschlug ein Hammer in Miramas, Südfrankreich, den Franzosen Alexandre Allegrini. Er wollte gerade zum Speerwurf anlaufen.

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