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AUTORENNEN / NÜRBURGRING Fallen für Fahrer

aus DER SPIEGEL 29/1970

Als »schöne grüne Hölle« sah der schottische Automobil-Weltmeister Jackie Stewart den Nürburgring. »Die Rennstrecke aller Rennstrecken«, schwärmte der inzwischen verunglückte neuseeländische Grand-Prix-Rennfahrer Bruce McLaren,

Am letzten Mittwoch ließ die von Stewart gegründete Fahrergewerkschaft den »Großen Preis von Deutschland« am Nürburgring platzen, das einzige Weltmeisterschafts-Rennen der Formel I in Deutschland. Die Veranstalter erklärten sich außerstande, bis zum Renntermin am 2. August die 18 Sicherheits-Forderungen der Fahrer zu erfüllen.

Während an den traditionellen Rennstrecken, wie dem 1927 eingeweihten Nürburgring, kaum wesentliche Änderungen vorgenommen worden sind, erhöhte sich die Renngeschwindigkeit von Jahr zu Jahr. Zudem wiegen die Formel-I-Wagen statt wie 1950 etwa 1000 Kilo nur noch die Hälfte. Die Leichtmetall-Bauweise erhöhte die Brandgefahr. So rasten seit 1948 schon 314 Rennfahrer in den Tod, darunter 33 Grand-Prix-Stars.

Auf dem 22,8 Kilometer langen Nürburgring starben allein 30 Fahrer, darunter die Formel-I-Piloten Onofre Marimon aus Argentinien, der Engländer Peter Collins, der Holländer Carl Godin de Beaufort und der deutsche Bergeuropameister Gerhard Mitter.

»Jeder Autofahrer einmal um den Ring«, wirbt die Nürburgring GmbH unter ehrgeizigen Sonntagsfahrern. Schätzungsweise 100 000 Autoeigner versuchten sich jährlich mit ihrem VW oder Mercedes für fünf Mark Gebühr als Möchtegern-Rennfahrer. Die Rennen beobachteten bis zu 300 000 Zuschauer.

Gerade auf dem Nürburgring mit seinen 174 Kurven, die Namen wie Karussell, Fuchsröhre oder Schwalbenschwanz führen, unterliefen selbst routinierten Lenkern Seitensprünge. Denn seit 1931 stieg der Rundenrekord von 116,5 km/h auf 177 km/h. »Wenn man hier von der Strecke abkommt«, klagte der zur Zeit führende Fahrer Jochen Rindt« »kracht es gleich fürchterlich.« Zudem vollführen die leichten Wagen wegen des Höhenunterschiedes von 300 Metern etwa am Wippermann oder dem Flugplatz Sprünge wie von einer Schanze.

Zum erstenmal hatte die Fahrergewerkschaft 1969 im belgischen Spa die Absage eines WM-Rennens wegen unzureichender Sicherheits-Vorkehrungen erzwungen. Als bis zur letzten Woche dieses Jahres 24 Rennkollegen starben, verlangten die Fahrer auch auf dem Nürburgring einschneidende Änderungen. Nachdem der Engländer Piers Courage in seinem Wagen verbrannt war, sandten sie einen Notruf zum Ring: Feuerlöscher sollten an jeder Stelle in Sekundenschnelle einsatzbereit sein. »Das war so schnell nicht zu schaffen«, begründete Rennfunktionär Huschke von Hanstein die Absage.

»Das Sterben wird erst ein Ende haben«, schrieb die »Hamburger Morgenpost«, »wenn die Rennen ein Ende nehmen.«

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