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Fast wie Boris

Die deutschen Lauferinnen und Läufer waren in diesem Winter erfolgreich wie selten - doch ihr Marktwert stieg kaum. *
aus DER SPIEGEL 13/1986

Bayerns Kultusminister Hans Maier reagierte prompt, aber falsch. Zum Gewinn des Weltcups im Super-Riesenslalom schickte der ausgewiesene Fachmann für Orgelspiel und Latein dem Landeskind Kiehl ein Glückwunschschreiben mit der Anrede »Liebe Maria Kiehl«. Doch das Mädchen aus München, dem er gratulieren wollte, heißt mit Vornamen Marina.

Daß selbst ein bayrischer Minister die Namen deutscher Ski-Asse nicht genau kennt, ist symptomatisch: Zu ungestüm brach nach jahrelanger Ebbe eine plötzliche Erfolgsflut über den deutschen alpinen Skisport herein, als daß die Öffentlichkeit bereits sämtliche Akteure des weißen Wunders präsent hätte.

Seit den Tagen von Rosi Mittermaier, der zweifachen Goldmedaillengewinnerin 1976 in Innsbruck, und den Siegen der Geschwister Epple waren deutsche Erfolge in Abfahrt, Slalom oder Riesentorlauf selten.

Doch im Februar 1985 wurde der 22jährige Markus Wasmeier aus Schliersee Weltmeister im Riesenslalom - Vorbote kommender Erfolge. Die Bilanz der eben zu Ende gegangenen Saison:

Zwei Weltcup-Titel für Wasmeier, im neugeschaffenen »Super G«, dem Super-Riesenslalom, und in der Kombination sowie ein dritter Platz in der Weltcup-Gesamtwertung hinter Marc Girardelli und Pirmin Zurbriggen. Weltcup-Titel für Marina Kiehl im Super G der Frauen. Drei Siege in Weltcup-Rennen für Traudl Hächer, einer für Michaela Gerg, zweite und dritte Plätze für die Läufer Hans Stuffer, Sepp Wildgruber und Peter Roth.

In der Boulevardpresse sorgte der »Schneemann des Jahres« Wasmeier für Schlagzeilen fast wie Tennisstar Boris Becker. In Berichten über die Erfolge der Läuferinnen des Deutschen Skiverbandes (DSV) war, ähnlich wie bei Steffi Graf oder Claudia Kohde, oft vom Mädchenwunder die Rede.

Doch anders als die Kollegen vom weißen Sommersport machen Wasmeier und die Wunderdamen nur sehr bescheiden Kasse.

Für »ganz phantastisch« hält Wasmeiers Manager Robert Schwan schon den Vertrag, den sein Schützling mit den Kreditkarten-Unternehmen »Diners Club abgeschlossen hat. Das Tragen des Diners-Firmenzeichen auf dem Stirnband bringt Wasmeier 100000 Mark im Jahr - zuzüglich Steuern und einer zehnprozentigen Abgabe an den Skiverband für Nachwuchsförderung. Boris Beckers zwei Hauptsponsoren zahlen jeweils eine Million jährlich.

Außer Wasmeier hat als einziger Skisportler des DSV Hermann Weinbuch einen nennenswerten Sponsor gefunden: Der Weltmeister und Weltcup-Sieger in der Nordischen Kombination läuft und springt vom 1. März an gegen 70000 Mark jährlich für die Marke Trevira. Und von den Damen trägt allein die hübsche Michaela Gerg für »einen fünfstelligen Betrag den Schriftzug des Uhrenherstellers Casio.

Die übrigen alpinen Läuferinnen und Läufer haben bestenfalls Werbevereinbarungen mit lokalen Kleinsponsoren: Raiffeisenbanken, Glashütten, Fremdenverkehrsvereinen, »für lächerliche Summe«, so Schwan. »Skifahren ist eben nicht Tennis, sagt Schwan »und es wird für die Wirtschaft nie so interessant werden.

Die Skistars sind im Fernsehen als Werbeträger pro Rennen höchstens zwei, drei Minuten zu sehen. Tennisspieler dagegen oft stundenlang. Die Einschaltquoten bei Skiübertragungen sind häufig niedrig, weil die Rennen meist vormittags oder am frühen Nachmittag gestartet werden und der direkte Zweikampf fehlt. »Vor allem kommt nach den Erfolgen eines Skiläufers unabwendbar der Sommer«, seufzt Schwan. »Und mit dem Schnee schmilzt der Ruhm«.

Trotzdem sieht er für einen blonden, grünäugigen Siegertyp wie Wasmeier in der Sparte »Pfundskerl« gute Vermarktungschancen. Es müßte bloß der Internationale Skiverband mehr Werbung als die eine Aufschrift auf dem Stirnband zulassen, vorher geht nichts.

Die anderen deutschen Damen und Herren müssen sich sowieso mit dem begnügen, was der Skipool abwirft, den die Ausrüsterfirmen des deutschen Teams finanzieren. Gestaffelt nach der Plazierung in den einzelnen Weltcup-Wertungen kassieren die Athleten ein Grundgehalt, die »Verdienstausfallentschädigung«, und dazu Prämien für Rennsiege oder vordere Plätze. Wasmeier etwa hat im vergangenen Jahr 65000 Mark bekommen. Marina Kiehls erster Rang in der Super-G-Wertung ist 33000 Mark wert, ein Einzelsieg bei den Herren 13000, ein zehnter Platz gerade noch 500.

Für die ersten Plätze von Kiehl und Wasmeier im Super G, diesem Zwischending von Abfahrt und Riesenslalom, hat DSV-Sportdirektor Helmut Weinbuch eine einleuchtende Erklärung: »Vom Herzen her sind unsere Mädel und Buam alle Abfahrer. Weil's bei uns aber nicht genug Abfahrtsstrecken gibt, haben wir immer viel Riesenslalom üben müssen. Und aus der Mischung werden die perfekten Super-G-Fahrer.«

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