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BOXEN / US-WELTMEISTER Faule Anlagen

aus DER SPIEGEL 44/1970

Schuhputzen kostet im Friseur-Salon Lides Prominenten-Hotels Fontainebleau in Miami Beach SO Cent. Die Stiefel wienert ein Farbiger, der zweifacher Dollar-Millionär gewesen ist.

Sidney Walker (Boxername: Beau Jack) hatte zweimal um die Weltmeisterschaft gekämpft. Bis zu 21mal in einem Jahr hetzten Veranstalter ihn in den Ring, achtmal stand er drei Kämpfe in einem Monat durch. Doch als der Analphabet abtrat, hatten Steuer und betrügerische Manager ihm von insgesamt acht Millionen Mark Gagen 120 000 Mark belassen.

Der Fall ist extrem doch gleichwohl charakteristisch für das Berufsboxen in den USA. »Boxen ist das einzige Ventil«, erklärte der frühere Weltmeister Archie Moore, »das Gewalt legal herausläßt.« Nutzen ziehen daraus selten die Männer im Ring, fast immer jedoch die am Ring.

Vor allem unterprivilegierte Farbige trachten im Boxgeschäft nach einem materiellen Aufstieg, der ihnen in den meisten anderen Berufen versagt ist. Die schwarze Minderheit in Amerika identifiziert sich überdies mit Box-Idolen, die wenigstens auf einem Sektor Überlegenheit gegenüber den Weißen demonstrieren.

Nachdem Jack Johnson 1908 als erster Neger Boxweltmeister im Schwergewicht geworden war, brachen in den USA Rassenkrawalle aus. 19 Menschen starben. Rassenfanatiker zwangen Johnson durch Morddrohungen, sich besiegen zu lassen. Noch als 67jähriger und mittellos, trat er zu Schaukämpfen an.

Wie für Johnson erwies sich die Hoffnung auf materielle Sicherheit durch Boxerbörsen für die meisten Farbigen als Illusion. In der Regel mußten sie sich Managern anvertrauen, die freiwillig oder unfreiwillig Gangster-Syndikaten gehorchten. Erst 1937 räumten sie wieder einem Schwarzen die Chance auf die Weltmeisterschaft im Schwergewicht ein: Indem sie Joe Louis Barrow ins Spiel brachten, verhinderten sie, daß Max Schmeling den profitträchtigen Titel wieder nach Deutschland holte.

Für die Chance mußte Louis zusätzlich zehn Prozent aller späteren Börsen abführen. Als er abtrat, hatte er trotz einer Gesamteinnahme von 4 684 297 Dollar Steuerschulden, die durch Verzugszinsen bis 1956 auf mehr als eine Million Dollar anwuchsen. 1969 vermochte er aus gelegentlichen Werbe-Einnahmen selbst die Schuldzinsen nicht mehr aufzubringen.

Von einer Herzattacke erholte er sich. Doch im Mai brachten Ärzte Louis wegen krankhafter Depressionen in die psychiatrische Klinik des »Veterans Hospital« in Denver. Sein Sohn Joe: »Es geht drei Schritte vorwärts und zweieinhalb zurück.«

Aus Einzelfällen wie dem des zum Edelkomparsen abgeglittenen früheren Weltmeisters Ray Robinson, der mit einem Hofstaat von 24 Personen reiste, für Krebsfonds spendete und zur Ausbildung der ersten farbigen Tennis-Wimbledon-Siegerin Althea Gibson beitrug, drechselten Manager und Funktionäre vordergründige Erklärungen. »Sie denken eben nicht an morgen«, begründete Nathaniel Loubet, Redakteur des Boxmagazins »The Ring«, die Misere.

Tatsächlich hintertrieben Amerikas Box-Syndikate die Versuche, eine Altersversorgung für Profiboxer einzurichten oder eine Boxer-Gewerkschaft zu gründen. Sofern Manager überhaupt ihre Boxer berieten, verleiteten sie die finanziell meist hilflosen Faustkämpfer zu Beteiligungen, die häufig den verbliebenen Börsen-Anteil Gangster-Syndikaten zufließen ließ.

»Faule Anlagen«, erkannte auch der frühere Weltmeister Ezzard Charles, der allein in Titelkämpfen nahezu drei Millionen Mark verdient, aber die Reste in einer Bar, einem Restaurant und einem Nachtklub eingebüßt hatte. Er leistet noch Jugendarbeit in Chicago, obwohl er durch Sklerose gelähmt und auf einen Rollstuhl angewiesen ist. Für seine Behandlung sammelten Boxer-Kollegen 15 000 Dollar. Sein Sohn Ezzard: »Ich Boxer? Dazu habe ich zuviel Grips.«

Meist schröpften die Manager ihre Boxer um mindestens 50 Prozent der Gage. Für sie lohnte sich das Geschäft: Über Unkosten und Spesen konnten sie ihren wirklichen Verdienst vor dem Finanzamt verschleiern. Die Boxer mußten ihre Hälfte voll versteuern -- um so höher, je häufiger sie boxten und insgesamt einnahmen.

Der weiße Weltmeister Gene Tunney boxte in drei Jahren nur jeweils einmal um die Weltmeisterschaft. Dann trat er zurück. Er lebt als millionenschwerer Geschäftsmann. Louis und Charles dagegen verteidigten ihren Titel bis zu siebenmal pro Jahr. Jersey Joe Walcott (Gesamtgage: 1 362 345 Dollar) boxte in einem Jahr elfmal. Er ist heute städtischer Angestellter. Die Manager verdienten, die Boxer vergrößerten ihre Steuerschuld. »Tust du mehr, hast du weniger«, klagte Weltmeister Jack Dempsey.

»Mir blieben von allen Einnahmen nur 20 Prozent«, rechnete Cassius Clay vor. Er verdiente insgesamt etwa 5,5 Millionen Dollar und beteiligte sich damit an einer Schnellimbiß-Kette ("Champburger").

Drei Jahre boykottierten weiße Juristen und Politiker sein Comeback. Seine Gage aus dem Kampf gegen Jerry Quarry (200 000 Dollar) reicht nicht einmal, um die Schulden abzudecken, die ihm aus seinem Prozeß wegen Kriegsdienstverweigerung erwachsen sind.

Wie geschicktes Management zu angemessener Boxer-Beteiligung führen kann, haben 40 US-Geschäftsleute bewiesen. Mit 20 000 Dollar Kapital gründeten sie die Aktien-Gesellschaft »Cloverlay Inc.« (etwa »Fettlebe AG") mit dem Ziel, den Box-Olympiasieger Joe Frazier im Profisport zu fördern. In seinem ersten Kampf 1970 errang Frazier die Weltmeisterschaft. Von seinem 55-Prozent-Anteil erhielt er nur die Hälfte sofort. Davon führte er etwa 35 Prozent Steuern ab. Die zweite Hälfte fließt Frazier allmählich und steuersparend zu. Für die Gesamtgage hätte er mehr als 50 Prozent Steuern zahlen müssen.

Am günstigsten schnitt der Schwede Ingemar Johansson ab, der dreimal in den USA um den Weittitel geboxt hatte. Er hinterließ bei seiner Rückreise 2,2 Millionen Mark Steuerschulden.

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