Fernando Tatís Jr. Amerikas Baseball-Hoffnung

Er ist jung, talentiert und charismatisch: Fernando Tatís Jr. hat bei den San Diego Padres den längsten Vertrag im nordamerikanischen Profisport unterschrieben. Er soll die gesamte Liga aus der Krise führen.
Von Heiko Oldörp, Boston
Fernando Tatís Jr. startet mit den San Diego Padres am Abend in die MLB-Saison

Fernando Tatís Jr. startet mit den San Diego Padres am Abend in die MLB-Saison

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Christian Petersen / Getty Images

Seitdem Fernando Tatís Jr. zwölf Jahre alt war, ist er auf den Baseballfeldern der Dominikanischen Republik »El Niño«, das Kind, gewesen. Denn er spielte stets gegen Größere und Ältere und musste sich stets behaupten. Mittlerweile ist Tatís Jr. 22 Jahre alt, 1,92 Meter groß und Profi bei den San Diego Padres in der Major League Baseball (MLB). Doch er will immer noch »El Niño« sein. »Das erinnert mich daran, dass Baseball nur ein Spiel ist und du nicht alle Spiele gewinnen kannst«, sagt Tatís Jr. vor dem Saisonstart der MLB. »Aber egal, wie es ausgeht, hab' Spaß. Sei einfach ein Kind.«

Nur kommt auf diesen Fernando Gabriel Tatís Medina kein Kinderspiel zu, sondern eine Herkulesaufgabe. Er soll das Gesicht seines Sports werden. Jemand, zu dem Kinder und Jugendliche aufschauen, mit dem sie sich identifizieren können. »Ich denke, er ist der Richtige, um diesen Sport zu vermarkten, der Richtige für die Baseballindustrie«, zitiert die »New York Times« Padres-Trainer Jayce Tingler. Vor allem ist Tatís Jr. jemand, den die MLB dringend nötig hat .

Fernando Tatís Jr. soll junge Zuschauer in die MLB bringen

Fernando Tatís Jr. soll junge Zuschauer in die MLB bringen

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Brady Klain / Getty Images

Eine Studie des »Sports Business Journal« ergab 2017, dass MLB-Fans im Schnitt 57 Jahre alt sind. 2006 war der durchschnittliche Anhänger noch fünf Jahre jünger gewesen. Zum Vergleich: Der allgemeine NBA-Anhänger ist 42 Jahre alt. MLB-Zuschauer werden nicht nur älter, sondern auch weniger. 2019 kamen 68,5 Millionen in die Ballparks – 2007 waren es noch 80 Millionen.

Und diese Statistik  zeigt, dass von vier untersuchten Altersgruppen ausgerechnet die jüngste (18 bis 34 Jahre) den geringsten Prozentsatz (16) an »begeisterten MLB-Fans« stellt – im Gegenteil dazu aber das Gros (58 Prozent) der »absoluten Nichtfans« aufweist.

Dafür gibt es verschiedene Gründe. Von der fehlenden Dynamik bis hin zur Spieldauer von mehr als drei Stunden. Wer Baseball guckt, bekommt relativ wenig zu sehen. Die Datenjournalisten von FiveThirtyEight  ermittelten, dass 2019 die durchschnittliche reine Spieldauer eines MLB-Spiels 22,5 Minuten betrug. Weniger hatte nur die NFL (18 Minuten). Dafür ist die Zeit, in der nichts passiert (150,9 Minuten) beim Baseball am längsten.

Baseball mit Fernando Tatís Jr. kann spektakulär sein

Baseball mit Fernando Tatís Jr. kann spektakulär sein

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K.C. Alfred / imago images/ZUMA Wire

Nun ist Fernando Tatís Jr. keiner, der die Spieldauer verkürzen kann, aber zumindest jemand, der den Entertainmentfaktor erhöht. Er startet zwar gerade erst in seine dritte MLB-Saison, verkörpert aber mit Aussehen und Auftreten vieles, was ihn – und, so die Hoffnung, auch die Liga – für neue Zuschauer aus der jungen Zielgruppe interessant macht. Jung, talentiert, gut aussehend, zweisprachig, spektakulär, charismatisch. Die blonden Rastas sind ebenso Hingucker wie die pinken Armbänder und Unterarmüberzieher, die Homeruns oder der unbedingte Siegeswille.

Tatís bricht mit Baseball-Konventionen

Und er ist einer, der die »ungeschriebenen Gesetze« der MLB ignoriert. So wie in der vergangenen Saison. San Diego führte bei den Texas Rangers im achten Inning 10:3. Die drei Bases waren besetzt, der Sieg nur noch Formsache, als Tatís Jr. ans Schlagmal trat. Die ersten drei Würfe von Rangers-Pitcher Juan Nicasio waren zu ungenau. Ein weiterer solcher Versuch, und Tatís Jr. hätte zur ersten Base vorgehen können.

In solchen Situationen ist es üblich, dass der Offensivspieler aufgrund des klaren Vorsprungs den Ball passieren lässt, auch wenn er in der Lage gewesen wäre, ihn zu treffen. Und Trainer Tingler gab seinem Jungstar ein Zeichen, passiv zu bleiben. Tatís Jr. aber holte aus und jagte den Ball zum 14:3 auf die Tribüne .

Es war der erste Grand Slam – ein Homerun, bei dem vier Runs erzielt werden – seiner Karriere und eine Situation, die für Gesprächsstoff sorgte. »Wenn du so klar führst, ist es üblicherweise kein guter Zeitpunkt, den Schläger zu schwingen. So sind wir alle erzogen worden«, kritisierte Texas-Trainer Chris Woodward. Sein Schützling werde daraus lernen, meinte Padres-Coach Tingler.

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Tatís Jr. entschuldigte sich bei seinem Trainer, betonte, er habe dessen Zeichen nicht gesehen. Doch er bekam auch Unterstützung. Trevor Bauer, damals Pitcher der Cincinnati Reds, schrieb auf Twitter, dass er genau so weitermachen solle, denn so mache Baseball Spaß. »Dein einziger Fehler war die Entschuldigung. Hör' auf damit.«

»Keine Frage, er ist das Gesicht der Franchise – und er wird sehr, sehr bald auch das Gesicht des Baseballs sein«, sagt Teamkollege Eric Hosmer. Tatís Jr. ist auf dem Cover von »MLB The Show 21«, dem Video-Baseball-Spiel mit der größten Reichweite. Mit 22 Jahren hatte das zuvor noch niemand geschafft. Und er öffnet bereits Türen, die jahrelang verschlossen waren. Laut MLB ist seit 2009 kein Padres-Spiel mehr im landesweiten TV übertragen worden. Diese Saison gibt es San Diego in den ersten sechs Wochen zweimal zu sehen. Und es dürften viele Spiele hinzukommen. Tatís Jr. hat den längsten Kontrakt (14 Jahre) in Nordamerikas Profisport unterschrieben, bis 2035 verlängert. Vertragsvolumen: 340 Millionen Dollar.

Kritiker meinen, er hätte nicht im kleinen San Diego unterschreiben sollen, sondern bei einem großen Klub, in einem großen Markt. Die Padres spielen seit 1969 in der National League, standen seitdem zweimal in der World Series, konnten diese aber noch nicht gewinnen. Doch Tatís Jr. will vor allem Spaß haben. So wie früher als Kind auf den Baseballplätzen seiner Heimat. »Mir gefällt, was ich hier sehe, die Richtung, in die wir gehen. Ich will mein Vermächtnis hier in San Diego aufbauen.«

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