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Sportpolitik Fest im Würgegriff

DDR-Sportministerin Cordula Schubert kämpft im Auftrag von Bundesinnenminister Schäuble gegen Sportfunktionäre.
aus DER SPIEGEL 21/1990

Weil sie »gerne schwimmt und joggt«, machte Cordula Schubert, 30, Karriere. Die Medizin-Pädagogin, die bislang Schwesternschülerinnen in die Grundlagen der menschlichen Anatomie eingewiesen hatte, wurde Ministerin für Jugend und Sport im Kabinett des Christdemokraten Lothar de Maiziere.

Sie sei »noch sehr jung«, gestand die fröhliche Polit-Aufsteigerin den Ost-Berliner Sportfunktionären, die sich schon bald über sie lustig machten. Den skeptischen Herren versprach die Dame, für den Sport notfalls »auch noch das Ringen zu erlernen«.

Sieben Wochen nach Amtsantritt hat Cordula Schubert die Sportler fest im Würgegriff. Sie will die »zentralistische Kommandostruktur« des Deutschen Turn- und Sportbundes der DDR (DTSB) zerschlagen - der Dachverband soll vom Sommer an kein Geld mehr bekommen.

Was auf den ersten Blick nur wie die Attacke einer übereifrigen CDU-Ministerin gegen die in den Ämtern verbliebene alte SED-Garde aussieht, ist mit Bonn abgesprochen. Unter der Regie der wackeren Lehrerin läuft in der DDR derzeit ein Modellversuch, aus dem auch der bundesdeutsche Sportminister Wolfgang Schäuble etwas lernen will. Am Beispiel des DTSB (9200 Angestellte) soll Ministerin Schubert demonstrieren, wie schnell bei klaren politischen Vorgaben die aufgeblähten Verwaltungsapparate der Dachorganisationen überflüssig werden.

Den Bonner Politikern, von den Verbänden immer wieder um Finanzhilfen gebeten, geht die Autonomie des Sports hierzulande zu weit, sie fordern mehr Einflußmöglichkeiten. Doch alle Versuche, ganz vorsichtig ein Sportministerium in die Diskussion zu bringen, lösten einen Aufschrei der Funktionäre aus. Hans Hansen, Präsident des Deutschen Sportbundes (DSB), und Willi Daume, Präsident des Nationalen Olympischen Komitees, verbaten sich »jede Einmischung der Politik«.

Deshalb wählte Schäuble den Umweg über Ost-Berlin. Die Verwaltungsstrukturen des DDR-Ministeriums wurden von den Bonner Beamten erarbeitet, und die forsche Sportministerin weiß, was von ihr erwartet wird. »Von unserer Arbeit«, sagt sie, »hängt es wesentlich ab, ob es nach der Vereinigung weiter ein Sportministerium gibt.«

Von den Attacken wurden die Funktionäre, die in gewohnter Sport-Kameradschaft auf eine möglichst postenerhaltende Vereinigung zusteuern wollten, völlig überrascht. Die DSB-Delegation sagte kurzfristig ein Treffen mit dem DTSB ab. Erst als DSB-Präsident Hansen die tatsächlichen Beweggründe des Schäuble-Coups begriff, reagierte er »empfindlich« und nahm seine Ost-Kollegen in Schutz: »Sie bleiben unsere Verhandlungspartner.«

Die aufgeschreckten DTSB-Funktionäre verlangten mit 67 zu 24 Stimmen die Ablösung der Ministerin. Denn trotz massiver Kritik aus der Bevölkerung hält die Sport-Clique noch im alten sozialistischen Korpsgeist fest zusammen.

Als Martin Kilian, 61, am 4. März in Ost-Berlin zum DTSB-Präsidenten gewählt wurde, war es noch schöner als sonst zu Hause in Wernigerode, wo er 28 Jahre für die SED Bürgermeister war. Bei der manipulierten Kommunalwahl am 7. Mai 1989 erhielt er in dem Harz-Städtchen 99,01 Prozent der Stimmen. Bei der Präsidentenwahl aber hoben alle 1067 DTSB-Delegierten, die wenigsten hatten einen Auftrag von der Sport-Basis, die Hand für Kilian.

Bei ihrer Entstalinisierungskampagne benötigt die CDU-Ministerin Schubert die Mithilfe der nicht minder inkriminierten Fachverbände. Diese sollen sich möglichst schnell mit den westlichen Verbänden zusammenschließen.

Etwa so, wie es die Eishockeyspieler vorgemacht haben. Die Aufnahme von zwei Eishockey-Vereinen aus der DDR in die Bundesliga wurde in Ost-Berlin begeistert begrüßt. »Das ist eine prima Sache«, freute sich der persönliche Berater der Ministerin, Karl-Hans Pezold, »jetzt bleibt Eishockey in Gesamt-Deutschland erhalten.«

Dem DSB ist indes gar nicht recht, daß Ost-Berlin eigene Ideen der Zusammenführung entwickelt. Manfred von Richthofen, mächtiger Präsident des Landessportbundes Berlin, stellte gleich nochmal klar, es gebe »keine Alternative« zur Vereinigung von DTSB und DSB.

Daß im Dachverband des DDR-Sports viele alte Ideologen werkeln, stört im Westen weniger. Schließlich hat der DSB nach dem Zweiten Weltkrieg auch die eigene Organisation mit Fachleuten aufgebaut, die aus der Nazizeit belastet waren.

Doch die Unruhestifterin Cordula Schubert wird den Sportfunktionären erhalten bleiben, vielleicht sogar über den Tag der Vereinigung hinaus. Die passionierte Radfahrerin über ihre Zukunft: »Der Traum von einem gesamtdeutschen Sportministerium ist auf jeden Fall da.« f

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