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HOOLIGANS Feste druff

Früher schlug sich Steffen Kubald für seinen Verein, als Vorsitzender muss er Lok Leipzig nun von rechten Gewalttätern befreien, wenn der Club überleben will.
Von Daniel Pontzen
aus DER SPIEGEL 12/2007

Am Montag, am Morgen danach, hat Steffen Kubald erst mal die Schweinereien auf der Mauer der Stadiontoilette überpinselt, das Hakenkreuz, den Davidstern und natürlich auch die Worte »Kubald«, »Rücktritt«, »jetzt«.

»Alles weg«, sagt Kubald. Der Vorsitzende von Lok Leipzig sitzt in der Geschäftsstelle neben dem Bruno-Plache-Stadion in Probstheida, einem Stadtteil von Leipzig, den der Boom der City nicht erreicht hat. In seinem Büro stehen Kartons herum, auf dem Schreibtisch türmt sich die Arbeit, der Kalender zeigt Januar.

Alles weg, die Sache sei damit erledigt, sagt Kubald. Er will endlich Ruhe haben. Aber nichts ist erledigt.

Lokomotive Leipzig ist ein Traditionsverein, 1903 wurde der Club erster Deutscher Meister. Kubald hat eine andere Vita als andere Präsidenten von Traditionsvereinen. Er sieht auch anders aus. Seine Haare sind kurz rasiert, er trägt Dreitagebart, über seinen Bauch spannt sich ein schwarzer Seemannspulli. Er sieht aus wie ein Hooligan und war auch einer.

Kubald ist Lok Leipzig, er hat den Verein 2003 zusammen mit Freunden neu gegründet, nachdem der einstige Europapokalfinalist in die Insolvenz geführt worden war. Sie haben ganz unten angefangen, inzwischen spielen sie in der sechsten Liga und haben Zuschauerzahlen, von denen Regionalligisten träumen.

Kubald kümmert sich um alles, um das Stadion, die Sponsoren, sogar darum, wer den Rasen mäht. Er und seine Leute glaubten daran, an einem Projekt der Zukunft zu arbeiten. Ein Fußballverein von unten, gegründet und geführt von Fans, so eine Art praktizierte Sozialarbeit in einer Problemstadt mit Problemklientel.

Seit dem 10. Februar, als Hooligans seines Vereins eine bewaffnete Hetzjagd auf Polizisten veranstalteten, steht alles auf dem Spiel, kommen die Einschläge von allen Seiten. Kubald muss die Politik beruhigen, die sich jetzt an Lok Leipzig abarbeitet. Er muss einen Anzug anziehen und nach Frankfurt fahren, um den DFB-Präsidenten Theo Zwanziger zu beschwichtigen, der damit drohte, den Verein von den Wettbewerben auszuschließen. Er muss mit der Polizei kooperieren und Verbündete finden, die mit ihm für den Erhalt des Vereins kämpfen. Er muss Briefe schreiben an den Landtag, um sich von der NPD zu distanzieren, die sich für den Verein stark macht. Und er muss seinen eigenen Laden zusammenhalten, weil er inzwischen Drohungen bekommt, erst per E-Mail und SMS, vor gut einer Woche dann die Schmierereien. Der Alt-Hooligan ist jetzt selbst ein Feindbild der Hooligans.

Kubald sagt, er habe seine Pflicht getan, als er der Polizei Namen nannte. Trotzdem gilt er für viele in der Öffentlichkeit als jemand, der nicht aufräumen will in seinem Verein, für die anderen ist er ein Verräter. Es ist schwer, das Richtige zu tun.

Sein Projekt war immer ein Spiel mit dem Feuer. Er glaubte, dass alles irgendwie schon gutgehen würde. Die Nazi-Schlachtrufe im Stadion haben ihn nie gestört, er hat immer beschwichtigt. Er ist ein Alt-Hooligan, aber kein Nazi. Jetzt muss er sich klar positionieren, wenn seine Erfolgsgeschichte weitergehen soll.

Die Krawalle hat Kubald aus einem Einsatzwagen der Polizei beobachtet. Er sah eine Brutalität, die selbst ihn erschreckte.

Seit Kubald elf ist, geht er zu Lok. In einem Fanbuch erzählt er aus seiner Zeit als Hooligan in der DDR. Mal wurde eine Kneipe zerlegt, mal ein gegnerischer Fanblock, er war einer der Wortführer. Als es nach der Wende gegen Westvereine »zur Sache« ging, sei er wieder öfter ins Stadion gegangen, »da schepperte es aber so richtig«.

Kubald sitzt in seinem Büro, verschränkt die Arme vor der Brust: »Man hat ja irgendwann Familie, dann gibt es da vielleicht auch ein gewisses Umdenken.« Das klingt nicht stolz, eher rechtfertigend.

Drei Sponsoren sind abgesprungen, weitere drohen mit Rückzug. Kubald gibt sich gelassen. In den Tagen nach den Krawallen hat er über Rücktritt nachgedacht, im Vorstand haben sie dann gemeinsam beschlossen, das jetzt durchzustehen. Er hat keine Angst um seine Familie, sagt er, auch nicht vor der Zukunft. Er wirkt noch nicht mal richtig wütend. Zornig ist er nur auf die Halbstarken, die alles angezettelt hätten. Von den Alt-Hools, mit denen er damals unterwegs war und die noch heute auf der Tribüne sitzen, sagt er, gehe kaum Gefahr aus. Die Unterwanderung durch »braunes Gesocks« sei die eigentliche Bedrohung. Aber er könne auch künftig »nicht das Parteibuch an den Stadiontoren kontrollieren«. Und dann gibt es ja noch das Problem, dass er auf viele Gewalttäter nicht verzichten kann: »Ich will so ehrlich sein, würden wir auf die alle verzichten, fehlte auch ein wirtschaftlicher Teil.« Es sind nicht die richtigen Zeiten, um die feinen Unterschiede zu beschreiben zwischen Hooligans und Nazis.

Selbst wenn Kubald hart durchgriffe, er wäre ziemlich allein. Die Politiker sind ratlos, im Landtag schaffte es das Thema am vergangenen Freitag immerhin auf Punkt eins der Tagesordnung. CDU und SPD wollen nun auf Fanprojekte setzen, vor ein paar Monaten noch haben sie zusätzliche Mittel dafür abgelehnt.

Die einzige Lösung, die ihm einfällt, ist eine aus alten Tagen: »Man müsste denen mal ordentlich den Wanst vollhauen. Richtig feste druff.« Steffen Kubald, 45 Jahre alt und gelernter Koch, ist an seine Grenzen gekommen.

Eine nächste Schlacht wäre das Ende. Derzeit steht die Mannschaft auf dem zweiten Tabellenplatz, der Aufstieg scheint möglich, dann kämen nächste Saison die Reserveteams aus Dresden, Chemnitz und Aue nach Leipzig. »All die alten DDR-Schlachten«, sagt einer, der oft im Stadion dabei ist, »da geht es dann erst richtig los.«

DANIEL PONTZEN

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