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Radrennen Flattriges Schwänzchen

Beweis aus dem Windkanal: Den Sieg bei der Tour de France verdankt der Amerikaner Greg LeMond seiner schnittigen Ausrüstung.
aus DER SPIEGEL 37/1989

Als alles vorbei war, schien Frankreichs berühmte Sportzeitung L'Equipe die beste Erklärung für das schier Unfaßbare zu haben: »Ist Gott ein Kalifornier?«

Nach 3250 Kilometern, nach insgesamt mehr als 87 Stunden auf dem Rennrad hatte der Kalifornier Greg Le-Mond den einheimischen Helden Laurent Fignon bei der diesjährigen Tour de France um winzige acht Sekunden besiegt.

Schuld waren weder höhere Mächte noch die angeblichen Sitzbeschwerden des Franzosen, die eilfertige Verteidiger zur Entschuldigung anführten: Le-Monds Sieg, das wurde jetzt nachträglich klar, ist auf menschlichen Erfindungsgeist zurückzuführen.

Der Amerikaner, so fanden Experten im Windkanal der Texas A & M University heraus, profitierte von der besseren Ausrüstung. Ein neuartiger Fahrradlenker, der schnittigere Helm und die ruhigere Fahrhaltung verringerten den Luftwiderstand des Amerikaners auf 85 Prozent jenes Wertes, den die Meßtechniker für Fignon errechneten.

Nach Meinung der amerikanischen Fachzeitschrift VeloNews, die in Texas rechnen ließ, verdankt Fignon seine Niederlage der Arroganz »der europäischen Radsportszene«. Tatsächlich war Le-Monds Ausrüstung kein Geheimnis, sondern übliches Sportgerät.

Besonders schnittig erwies sich im Windkanal der Lenker von LeMonds Rad. Der Amerikaner legte während des entscheidenen Zeitfahrens seine Hände um ein U-förmig gebogenes Metallrohr, das schon länger als Triathlon-Lenker bekannt ist.

Die Unterarme ruhen bei diesem Gerät dicht nebeneinander auf gepolsterten Plastikstützen. Während bei herkömmlichen Fahrradlenkern die auseinandergehaltenen Arme die Brust in voller Breite dem Wind darbieten, verkleinert die enge Armführung die Angriffsfläche.

Bei Windkanalmessungen für Skirennläufer hatte sich schon vor Jahren ein noch bedeutsamerer Effekt ergeben: Wichtiger als die Größe der im Wind stehenden Fläche ist die Anzahl der Luftwirbel, die Arme, Beine und Körper produzieren. Die zusammengeführten Arme lassen den Gegenwind außen vorbeiwehen.

Während der Tour de France glaubte sich auch Laurent Fignon bestens ausgerüstet. Er fuhr statt des herkömmlichen Lenkers jenes sogenannte Stierhornmodell, das unter Bahnradfahrern seit 1980 gängig ist.

Tatsächlich kauern sich die Fahrer über den beiden Lenkerspitzen tiefer zusammen als bei den üblichen Rennlenkern, nur - Fignons Pech - nicht ganz so windschlüpfig wie bei dem Triathlon-Gerät.

Während in den klassischen europäischen Radfahrnationen wie Frankreich, Italien, Belgien oder Holland neue Moden in dem traditionellen Sport stets mit etwas geringschätziger Skepsis angesehen werden, setzte LeMond konsequent auf die neue Technik: Der Kalifornier fuhr die Tour mit einem »persönlichen Aerodynamikberater« namens Boone Lennon. Der Helfer, ein ehemaliger Trainer des amerikanischen Olympia-Skiteams, hatte LeMonds Lenker selbst konzipiert.

Überdies profitierte der Tour-Sieger von einer anderen US-Erfindung, wie die Messungen in Texas ergaben. Jim Gentes, ein Radrennfahrer und Industriedesigner aus dem kalifornischen Santa Cruz, hatte vor drei Jahren alle Rennfahrerhelme »heiß, schwer und nicht hübsch« gefunden, so daß er ein eigenes, windschlüpfiges Modell entwickelte, das LeMond während der Tour trug.

Fignon hatte zum entscheidenen Zeitfahren von Versailles nach Paris auf jegliche Kopfhülle verzichtet und als Konzession an den Windkanal lediglich seine dünnen langen Haare mit einem blauen Bändsel zu einem flattrigen Pferdeschwänzchen zusammengebunden - wie sich herausstellte, ein Fehler.

Während des Rennens war der Franzose dann einer alten Fahrerregel gefolgt und hatte sein Rad immer wieder möglichst dicht an die Zuschauer gesteuert, um durch den Menschenwall besser gegen den Wind geschützt zu sein.

Auch diese alte Weisheit zerstob während der Messungen. Während LeMond möglichst unbewegt, wie auf einem Strich mitten auf der Straße fuhr, mußte sich Fignon immer wieder aufrichten, um den Abstand zu den Zuschauern zu taxieren - für den Windkanal eindeutig die langsamere Fahrtechnik.

Daß auch im Windkanal nur Teile der Wahrheit zu finden sind, erwies sich vor zwei Wochen, kurz nach dem Test. Ohne Helm, ohne Triathlon-Lenker, statt dessen mit einem altbackenen Rennrad gewann LeMond die Weltmeisterschaft und hängte Fignon um drei Sekunden ab.

Widerwillig wollte der Franzose am vorletzten Wochenende den Anschluß an die schöne neue Rennrad-Welt gewinnen: Zu einem Rennen in Brüssel trat er mit einem Triathlon-Lenker an. Vergeblich, der zuständige Rennkommissar verbot das Gerät. f

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