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SKI / EXPERIMENTE Fliegende Bretter

aus DER SPIEGEL 6/1971

Die verwegensten Skisportler drohen den Verbandsfunktionären abzuspringen.

Statt wie bisher auf wohlpräparierten Pisten oder Schanzen talwärts zu rasen, stürzen sie sich lieber aus Flugzeugen und hängen sich an Fallschirme. Die Schirmherrschaft über die erste deutsche Para-Ski-Meisterschaft übernahmen nicht Ski-Funktionäre, sondern der Deutsche Aero Club und der Luftsportverband Bayern.

Die Fallsucht auf Skibrettern hatte besonders im letzten Jahr Athleten auf immer ausgefallenere Ideen gebracht. So kurvte Skilehrer Silvain Saudan aus Arosa für TV-Kameras und zu Werbezwecken vom Eigergipfel (Höhe: 3970 Meter) zu Tal. Um nicht vorzeitig zu ermüden, ließ er sich mit einem Hubschrauber hinauffliegen. Wegen besserer Sicht für das Fernsehen benutzte er die stundenlang im Sonnenlicht liegende Westflanke des gefährlichen Kletterberges.

Ein Jahr lang dauerten die Vorbereitungen für die Skiabfahrt vom höchsten Berg der Welt, dem Mount Everest (Höhe: 8848 Meter) im Himalaja. 23 Tage lang benötigte eine japanische Expedition für den Aufstieg. Dann schnallte Rennläufer Yuichiro Miura ("Für mich gibt es nur diesen Weg ins Tal") Skibretter an und gürtete sich einen Bremsfallschirm um.

Binnen Minuten jagte er, eine Sauerstoffflasche auf dem Rücken, mit 150 km/h vom Dach der Welt hinab.

* Felbermayr verlor bei diesem Test einen Ski und zog sich Wirbelverletzungen zu. Er blieb am Lehen. Doch sechs Träger wurden beim Abstieg von Eisbrocken erschlagen. Der siebente stürzte in eine Gletscherspalte. Einen Kletterer tötete ein Herzschlag.

Auch die filmischen Höchstleistungen des Skilaufs forderten Todesopfer. Bei den Dreharbeiten des Münchner Rennläufers und Regisseurs Willy Bogner zum Schneestreifen »Ski-Faszination« starben seine Verlobte Barbara Henneberger und der US-Rennläufer Bud Werner unter einer Lawine. Für den Film »Happening in Weiß« des Fabrikerben Fritz Gunter Sachs benutzte ein junger Norweger die Sella-Wand im Grödnertal als Sprungschanze. Er stürzte sich zu Tode.

Das Horror-Happening schreckte selbst den alpinen Sensations-Darsteller Erich Felbermayr. Vom Plan, aus der Sella-Wand mit Skibrettern zu Tal zu segeln, ließ er ab. Dafür beabsichtigte er einen Sprung aus einem Flugzeug. Sprung-Höhe: 6000 Meter. Im Training benutzte er Fallschirme, der Rekordsprung soll dann im freien Fall nur mit Skibrettern folgen.« Ist der Fallschirm das einzige Gerät, mit dem ein Mensch aus einem Flugzeug abspringen kann?« animierte die »Skiwelt«.

Von Aerodynamikern der Flugzeug-Firma Bölkow ließ sich Felbermayr aufklären, wie er die Fallgeschwindigkeit von 200 km/h auf Tempo 120 drosseln könne. Sie empfahlen spezifisch leichte Bretter nach der Sandwich-Methode aus Kunststoff und leichtem Holz. Außerdem rieten sie zu Landeklappen wie bei Flugzeugen.

Die Skifirma Fischer in Ried fertigte die Flug-Bretter. Über dem Landeplatz im Silvretta-Gebiet maß der Skiflieger tagelang mit Teststreifen, die er aus dem Flugzeug abwarf, den Wind. Dann riskierte er den ersten Probesprung. Felbermayr ("Es wird eine aufsehenerregende Weiterentwicklung bedeuten") öffnete jedoch 400 Meter über dem Boden seinen Fallschirm.

»Auch von uns riskiert jeder seine Knochen, um ein paar Zentimeter beim Aufsprung zu gewinnen«, verriet Alfred Tscheha von der Oberen Maxlrainer-Alm am oberbayrischen Spitzmg-See. Dort organisierte er am vorletzten Wochenende für 23 Konkurrenten die erste deutsche Para-Ski-Meisterschaft. 1000 Meter über einem 1600 Meter hoch gelegenen Schneefeld hüpften die Teilnehmer ohne Bretter aus einem Bundeswehr-Hubschrauber und öffneten erst nach mindestens 80 Meter freiem Fall ihre lenkbaren Schirme, die sie Church-Window, Check-Aboard oder Challenger nannten. Landeziel: eine rote Scheibe von zehn Zentimeter Durchmesser.

Vermummte Kampfrichter mit Ferngläser (Fachjargon: Sportzeugen) bewerten Flug und Landung. »Die sehen sogar, ob einer die Zunge rausstreckt«, meinte der älteste Para-Ski-Athlet, Adolf Kleiser, 46, aus Calw. Wer die Landung heil überstanden hatte, vertauschte den Fallschirm mit Skibrettern und startete zu einem Riesentorlauf.

Einer von ihnen war Alfred Tscheba, dessen Mutter am Sprunggelände einen Gasthof betreibt. So witzelten die Konkurrenten: »Der plumpste ja auf seinen Privatparkplatz.

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