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WINTERSPORT Flippige Flut

Auf deutschen Skipisten wird gebrettert: »Snowboarding«, ein Balanceakt auf einer dünnen Rutschplanke, ist voll im Trend.
aus DER SPIEGEL 52/1988

Kaum waren die Lifte wieder in Betrieb«, staunte der Oberstdorfer Kurdirektor Michael Schmidl zum Saisonstart Mitte Dezember, »da waren diese Leute auch schon da": grellbunt gekleidete Pisten-Fans, die ohne Ski und Stöcke anreisen, »nur mit diesem Brett unterm Arm«.

Das ungewohnte Wintersportgerät mit den Ausmaßen eines etwas zu lang geratenen Bügelbretts heißt »Snowboard«, kommt aus Amerika, kostet mindestens 500 Mark und wird von seinen Herstellern gepriesen als die derzeit aufregendste Art, über Buckelabfahrten und Tiefschneewächten zu preschen. Der freihändige Balanceakt gelingt vornehmlich Hobbysportlern, die vorher schon Skateboard gefahren sind oder sich auf Surfbrettern gegen den Wind gestemmt haben. »Wenn du dieses Gefühl mal gespürt hast, flippst du aus« - so beschreibt es der Schweizer Snowboard-Profi Jose Fernandes.

»Das ist wie Fliegen«, schwärmt auch die 23jährige Konstanzerin Petra Müssig, die im letzten Winter den Weltmeistertitel im Snowboard-Slalom errang. Nach den ersten Versuchen auf dem schnellen Rutschbrett ("So lustig, so freakig") habe sie sogleich ihre »Ski in die Ecke geschmissen«. Diesem Beispiel folgen nun offenbar Wintersportler in Scharen, vorwiegend Teens und Twens. »Die jungen Leute haben das phantastisch los«, beobachtete Klaus Sterr, Chef der Kurverwaltung in Bayrischzell, im Gegensatz zu älteren Fahrern seien sie »noch gelenkig genug und außerdem ganz schön mutig«.

Vereinzelt waren die unerschrockenen Querbrett-Fahrer schon in den letzten beiden Wintern auf den Pisten aufgetaucht - aber jetzt geht es erst richtig los: Mindestens 20 000 Brett-Käufer, dreimal so viele wie im letzten Jahr, erwarten die deutschen Fachgeschäfte diesen Winter.

Der Snowboard-Bazillus macht auch Yuppies in Berlin und Hamburg mobil: Die schicken Bretter im Designer-Look, flippig bemalt oder in Schockfarben lackiert, treffen offenbar den Zeitgeschmack. »Snowboarden boomt«, resümierte Susanne Scheuer, Chefredakteurin der Fachzeitschrift »Snow«. Und der Deutsche Skiverband mobilisierte alle sprachlichen Kräfte: »Die fröhliche Welle ist zur flippigen Flut geworden.«

Der neue Trend kam - wie vordem der Tabak, die Kartoffel und die Syphilis - aus der Neuen Welt. In den US-Skiregionen von Vermont bis Colorado brettern in dieser Saison schon annähernd 300 000 Snowboarder die Hänge hinunter. Seit 1985 hat sich der Snowboard-Absatz in den USA alljährlich verdoppelt. Auch in der Schweiz und in Österreich, vor allem aber in den französischen Schneegebieten, zählen die Brett-Abfahrer bereits zur Stammkundschaft an den Liften.

Allerdings haben selbst geübte Skiläufer schon häufig schmerzhaft erfahren müssen, daß Snowboarden eine völlig andere Technik erfordert als der herkömmliche Skisport. »Das erste Fahrerlebnis«, erinnert sich Peter Bauer aus Schliersee, »war echt schlimm, dauernd hat's mich g'schmissen.« Inzwischen ist er Weltcupsieger im Snowboard-Slalom.

Manche Snowboarder kommen nach Stürzen gar nicht wieder auf die Beine. »Die bunte Planke«, sagt der Münchner Snowboard-Experte Gerd Kloos, »gilt inzwischen vielerorts als Sprungbrett ins Lazarett.« Zwar brechen sich Snowboard-Piloten seltener als normale Skifahrer Oberschenkel oder Schienbeine, aber dafür erleiden sie um so häufiger schmerzhafte Verletzungen an den Sprunggelenken.

Ungeeignetes Schuhwerk und die nur relativ sanft greifende Bindung auf den Brettern begünstigen solche Frakturen. Weitere Snowboard-typische Verletzungen: Schulterprellungen, Frakturen von Fingern und Handgelenken sowie komplizierte Bänderrisse.

Skilehrer, Liftbetreiber und Fremdenverkehrsdirektoren sind sich noch nicht sicher, ob der Ansturm der Snowboarder womöglich so schnell wieder abebbt wie die kurzlebige Monoski-Mode oder das (längst wieder abgeflaute) Interesse an Skibobs oder den skateboard-ähnlichen Schneesurfern. Fürs erste wollen alle daran verdienen. Skischulen im gesamten Alpenraum bieten spezielle Kurse an, Sportgeschäfte locken mit Leih-Tarifen (ab 35 Mark pro Tag), Verlage brachten Fachbücher, Fachzeitschriften und Lehr-Videos auf den Markt.

Während die Anhänger der neuen Sportart noch nach dem richtigen Dreh auf dem Pisten-Brett suchen, wendet sich die alpine Ski-Schickeria schon wieder neuen Möglichkeiten zu, auf originelle Weise die Hänge runterzujubeln.

»Snow-Rafting« heißt die jüngste Alternative für alle, »die mal was ganz Verrücktes ausprobieren wollen": In der österreichischen Tauernregion, unweit von Schladming, rasen die Trendsetter nun neuerdings auf glitschigem Gummi talwärts - zum Sechserpack gebündelt im schneetüchtigen Schlauchboot. #

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