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SLALOM Fluch der Schikanierten

aus DER SPIEGEL 2/1961

Seltsame Klage führte die 20jährige Barbara ("Barbi") Henneberger, Gewinnerin einer olympischen Bronzemedaille im Slalom-Rennen, unlängst auf deutschen Fernseh-Mattscheiben. Sie sei gezwungen, so schmollte das Ski-Mädchen, auch in der soeben eröffneten nacholympischen Saison unbedingt alle größeren Ski-Rennen und mithin auch das entsprechend harte Training zu bestreiten, obwohl sie, wegen Abitur -Kopfzerbrechen, viel lieber einen Winter ausgesetzt hätte. Andernfalls würde sie ihren Platz in den offiziellen Wertungs-Ranglisten einbüßen.

Was das für Barbara Henneberger und andere Ski-Prominente in der gleichen Situation - zum Beispiel den Münchner Skimode-Kronprinzen Willy Bogner - bedeutet, fand die »Deutsche Zeitung« heraus: »Wer sich nämlich in diesem Winter bei den großen FIS-Rennen* nicht auf einen der vorderen Plätze schieben kann, wird bei den Titelkämpfen (um die Weltmeisterschaft 1962) in Frankreich nicht in der Gruppe eins ausgelost werden.« Dadurch, folgert das Blatt, seien »die Aussichten auf einen theoretisch durchaus möglichen Gewinn der Weltmeisterschaft gleich Null«.

Mit anderen Worten: Selbst ein hervorragender Skiläufer, der schneller und sicherer als alle anderen über die Pisten flitzt, hat ernsthafte Chancen in der Weltmeisterschaft nur dann, wenn er in der verbandsamtlichen Wertungs -Rangliste auch entsprechend hoch eingestuft ist Diese Einstufung muß er in der voraufgegangenen Saison auf offiziellen Rennen erdient haben. Sie allein ist der Schlüssel zu jener erstrangigen Läufergruppe, für die bei der Auslosung über die Startreihenfolge die günstigsten Startnummern reserviert bleiben. Die »Deutsche Zeitung« stellte fest: »Nur in Ausnahmefällen gelingt es ... einem Teilnehmer ..., mit hoher Startnummer (über 15) noch unter die ersten drei zu kommen.«

Ursache des Dilemmas, das Barbara Henneberger und anderen Skiläufern droht, sind die Folgen eines vor drei Jahren vom »Abfahrts- und Slalom -Komitee« der FIS gefaßten Beschlusses, nach dem die Startfolge der Teilnehmer bei einem Wettbewerb künftighin durch ein genaues Schema dergestalt gesteuert werden mußte, daß die Angehörigen einer Qualitätsgruppe I vor den übrigen Gruppen losfahren durften.

Proteste gegen diese Regelung bewirkten, daß vor kurzem vom Komitee neue Startvorschriften für den Slalom erlassen wurden, Vorschriften freilich, die das Hauptproblem kaum anrührten: Nach wie vor genießt eine kleine Gruppe von Elite-Läufern hinsichtlich der Startfolge ihre Sonderrechte, nach wie vor ist es Außenseitern nahezu unmöglich, dieses Privileg zu durchbrechen.

Wie wesentlich eine günstige Startnummer für den Erfolg ist, zeigte sich im gesamten alpinen Skisport nirgendwo deutlicher als in Barbara Hennebergers Spezialfach, dem Torlauf (Slalom). Bei diesem Kern-Wettbewerb aller alpinen Ski-Konkurrenzen müssen die Teilnehmer zweimal möglichst schnell Schlängelkurse durchfahren, die von 60 bis 80 Stangenpaaren gekennzeichnet sind. Torfehler - Auslassen eines Tores oder Umwerfen einer Stange - werden mit Ausschluß bestraft. Da bei korrektem Passieren des Kurses die benötigte Zeit beider Durchgänge den Ausschlag gibt, liegt auf der Hand, daß die Chancen eines Läufers desto geringer sind, je später er zum Start auf der- von Läufer zu Läufer stärker demolierten Piste zugelassen wird. Über das fatale Los eines Slalom-Spätstarters schrieb die »Süddeutsche Zeitung": »Der Läufer mußte ... durch metertiefe Schwunggruben, die ihn förmlich in die Tore hineinplumpsen ließen und dann wieder hinausschleuderten, so daß korrekte Skiführung und Gleichgewichtsbalance wirklich ein Kunststück waren.«

Der österreichische Skisportkritiker Kurt Bernegger ("Salzburger Nachrichten") konstatierte: »Bei größeren Rennen kann der Veranstalter unter äußerst günstigen Verhältnissen meist nur für etwa 20 bis 30 Läufer annähernd gleichmäßige Bedingungen garantieren. Der Rest des Feldes muß über die Waschrumpel herunterkratzen ... Jedermann weiß, daß ein Läufer mit einer Startnummer über zwanzig in einem modernen Slalom kaum noch eine Chance hat, gegen einen zeitgleichen Läufer mit einer Startnummer unter zehn einen Sieg herauszufahren. Das ist selbst den großen Slalomkünstlern Stein Eriksen, Andreas Molterer, Toni Spiss, Georges Schneider, Othmar Schneider und Toni Sailer nicht gelungen.«

Um den »großen Slalomkünstlern« ihre Größe zu erhalten und um zu vermeiden, daß sie über eine waschbrettartig gewellte Piste fahren mußten, wurden den besten Slalomläufern schon vor der offiziellen Regelung - durch das Komitee - nach freiem Übereinkommen zwischen Veranstaltern und Mannschaftsführern häufig auch die besten Startnummern zugeschanzt. Das Slalomkomitee hat dieses Ungerechtigkeitsprinzip nicht etwa beseitigt, sondern sogar noch verstärkt, indem es jedem Läufer entsprechend seinen Placierungen jene Jahres-Wertnoten anhängte, die ihn bei den Rennen automatisch einem bestimmten Startnummer-Spielraum zuordneten: Läufer der Gruppe I konnten mit den günstigen Startnummern 1 bis 15 rechnen, Angehörige der Gruppe II hingegen nur noch mit 16 bis 30, und so fort. Um eine noch krassere Bevorteilung der Vertreter der Alpennationen zu stoppen, hat das Komitee nur mildernd verfügt, für jedes Rennen dürften pro Nation nur vier Läufer einer Güteklasse ausgelost werden.

Als Folge dieser Regelung mußten die Läufer mit unvorteilhaften (hohen) Startnummern im Rennen riskanter fahren, wenn sie sich gut placieren wollten. Das wirkte sich meist verhängnisvoll aus. So berichtete die »Frankfurter Allgemeine« vom olympischen Riesen -Slalom aus Squaw Valley: Willy Bogner, »der mit der sehr hohen und ungünstigen Startnummer 31 ins Rennen gehen mußte, wagte zuviel. Ihm wurde eine Bodenwelle zum Verhängnis«.

Da die Läufer Skandinaviens und der Ostblockstaaten von den Nachteilen der hohen Startnummern am ärgsten betroffen wurden, war es kein Wunder, daß diese Nationen beim Slalom-Komitee auf Reformen drängten: Sie verlangten gleiche Chancen für alle und wollten - unter Verzicht auf Gruppeneinteilungen - alle Startnummern unabhängig von Leistung und Renommee ausgelost wissen.

Doch die Abgesandten der Alpenländer im Torlauf-Parlament wollten davon nichts wissen. Auch der Präsident des Internationalen Ski-Verbandes, Marc Hodder (Bern), drang mit einem Reformvorschlag nicht durch. Er empfahl, die Startnummern des ersten Durchgangs für den zweiten so auszutauschen, daß der erste Fahrer im zweiten Lauf als letzter zu starten habe. Das Skikomitee ließ sich lediglich einen flauen Kompromiß abringen und verfügte vor kurzem, künftig seien die Startnummern zum zweiten Lauf innerhalb der Gruppen so zu tauschen, daß der zunächst als erster gestartete Läufer im zweiten Durchgang als fünfzehnter anschnallen müsse.

Obwohl mit diesem Zugeständnis im Grunde nichts entscheidend geändert wurde, frohlockte der österreichische Komitee-Chef Gottfried Wolfgang »Die neue Maßnahme wird in der Praxis geradezu revolutionierend einschlagen.«

Wirklich revolutionär scheint vielmehr eine veränderte Form des Slaloms zu sein, bei der auf legliche Kategorisierung der Teilnehmer und auf eine Auslosung der Startnummern verzichtet werden kann, so daß Probleme wie die der Rennläuferin Henneberger ausgeschlossen sind'

Auf amerikanischen Wintersportplätzen soll eine Serie von Slalom-Rennen nach dem K.o.-System für professionelle Rennläufer vorbereitet werden. Im Gegensatz zum üblichen Torlauf mit Einzelstart und Zeitmessung müssen beim K.o.-Slalom zwei Läufer auf zwei völlig gleichgearteten nebeneinanderliegenden und etwa 80 Meter langen Pisten gleichzeitig starten Erst im Ziel treffen sie wieder zusammen: Jeder Verlierer scheidet aus.

* FIS = Internationaler Ski-Verband.

Hodler

Slalomläuferin Henneberger: K.o. auf dem Waschbrett

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