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FUSSBALL Flucht de Luxe

Zehn albanische Profis haben sich abgesetzt. Ehemals zählten sie zur reichen Schicht, jetzt bieten sie sich bei Westklubs zu Dumping-Gagen an.
aus DER SPIEGEL 16/1997

Vor fünf Monaten war Adrian Dashi, 21, ein gemachter Mann. Als Fußballprofi in Lushnja arbeitete er in einer prosperierenden Branche. Mit seinen umgerechnet 1400 Mark Gehalt gehörte er in Albanien zur wohlhabenden Schicht; seinen Eltern, der Schwester und seiner Frau konnte er im ärmsten Land Europas ein sorgenfreies Leben garantieren. Was an Geld übrigblieb, legte er bei einer Bank an.

Vergangene Woche hat Adrian Dashi seinen rasanten persönlichen Abstieg, verursacht durch das Chaos in seiner Heimat, vorläufig stoppen können: In Frankfurt am Main unterschrieb er einen Dreijahresvertrag beim Zweitligaklub Eintracht - für monatlich rund 3000 Mark. Endlich, sagt Dashi erleichtert, sei der Familienunterhalt wieder gesichert. 500 Mark will er jeden Monat nach Hause schicken.

Wie Dashi nutzten weitere neun Spieler des albanischen Juniorennationalteams kurz nach Ostern eine Dienstreise zum Länderspiel in Spanien, um sich in den reichen Westen abzusetzen. Denn mehr noch als den gemeinen Arbeiter hat der große Crash in Albanien die privilegierten Fußballprofis getroffen. Wohl kaum einer hat den Unterschied zwischen vorherigem und jetzigem Leben so deutlich zu spüren bekommen wie die verwöhnten Stars.

Fast alle hatten ihre überschüssige Barschaft in jene Pyramidenspiele investiert, die den Balkanstaat an den Rand eines Bürgerkriegs gebracht haben. Auch Dashi hatte das Ersparte Rrapush Xhaferi, dem Sponsor seines Vereins, anvertraut, der inzwischen als einer der Drahtzieher des Betrugs am Volksvermögen inhaftiert ist.

Die Profis, behängt mit Goldketten und schweren Chronometern, den weltweit geltenden Insignien erfolgreicher Fußballer, wurden plötzlich mit einer ihnen unbekannten Realität konfrontiert. »Wir haben gesehen, was alle Albaner gesehen haben«, erzählt Dashi, »Morde und Plünderungen. Und daß nichts mehr ist, wie es vorher war.«

Vor allem aber entzog der Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung den Fußballern ihre Existenzgrundlage: Seit drei Monaten ruht der Spielbetrieb - wann wieder gekickt wird, ist nicht abzusehen. Und etwas anderes außer Fußballspielen haben Dashi und fast alle seine Berufskollegen nicht gelernt.

Da kam Dashi die Berufung in die Junioren-Auswahl, die ihr Spiel gegen Deutschland wegen der Unruhen in Tirana auf Geheiß des europäischen Verbandes im spanischen Guadix austragen mußte, gerade recht.

Während viele Albaner immer noch auf eine Fähre Richtung Italien hoffen, floh Dashi quasi de Luxe: Am Tag nach dem Länderspiel nutzte er sein spanisches Touristenvisum, um gemeinsam mit dem Mannschaftskollegen Edi Martini, 22, den Versprechungen eines Gesandten der Frankfurter Eintracht zu folgen. Der Talentspäher hatte die beiden bei ihrem Auftritt im Nationaldreß beobachtet und für geeignet befunden. »Wir mußten ihm vertrauen«, erzählt Martini, innerhalb von zehn Minuten packten sie ihre Taschen.

Das vermeintliche Glück der beiden nahmen sich acht Mitspieler und ein Trainer zum Vorbild: Unmittelbar vor ihrem Rückflug in die Heimat meldeten sie sich auf dem Madrider Airport bei der Polizei mit der Bitte um politisches Asyl.

Das Angebot der spanischen Behörden, wie jeder Asylbewerber erst mal in einem Auffanglager des Roten Kreuzes unterzukommen, nahmen sie aber dann doch nicht an. Rasch suchten die Albaner das Weite - um wie Dashi und Martini irgendwo in Europa einen Profijob zu finden.

Zwei von ihnen halten sich inzwischen unweit von Frankfurt auf, bei Hans-Jürgen Schätzel, dem ehemaligen Präsidenten des FV Speyer. Schätzel ist so etwas wie Albaner-Experte, seit er 1993 acht Fußballflüchtlinge bei verschiedenen Vereinen unterbrachte.

Damals, erinnert sich Schätzel, sei die Arbeitsplatzbeschaffung noch einfach gewesen. Alle acht hätten seinerzeit schnell Verträge bekommen: Zwei - wie der heute für den südhessischen Landesligisten Viktoria Griesheim aktive Nationalspieler Zamir Shpuza - im bezahlten Fußball, die anderen als Übungsleiter in unterklassigen Amateurklubs. Generös stellte der Hessische Fußball-Verband die fehlenden Trainerzertifikate aus.

Im März aber, auf dem Höhepunkt der albanischen Fluchtbewegung, verschärfte die Bundesrepublik die Grenzkontrollen. Für die Fußballstars gelten heute die gleichen Einwanderungsregeln wie für jeden vor dem Chaos in der Heimat fliehenden Albaner. Die Visa-Frist von vier Wochen, in der die Flüchtlinge einen Arbeitsvertrag - und damit die Voraussetzung für eine

Aufenthaltserlaubnis - vorlegen müssen, ist knapp. »Das führt dazu«, sagt Schätzel, »daß einige Spieler hemmungslos ausgenutzt werden.«

Schon bieten sich bei seinen Gästen selbsternannte Manager und Vermittler an, die - natürlich gegen Provision - die abenteuerlichsten Kontakte herzustellen versprechen. Würde man diesen dubiosen Unterhändlern glauben, berichtet Schätzel, müßte die halbe Bundesliga hinter den Junioren-Nationalspielern her sein. Sogar Meister Borussia Dortmund habe Interesse, tönte ein Anbieter. Schade nur, daß der Borussen-Manager Michael Meier auf Rückfrage nicht mal wußte, daß sich albanische Fußballer, die bereit sind, zu Dumpingpreisen zu spielen, im Land befinden.

Doch selbst wer von den verhinderten Asylbewerbern bescheiden auf einen Arbeitsplatz in niederen Spielklassen spekuliert, konkurriert auf einem Markt, der in den vergangenen Jahren mit billigen Kräften aus Bosnien, Kroatien und Serbien überschwemmt wurde. Daß seine Fähigkeiten nicht ausreichen, um die Bundesliga zu stürmen, hat auch Dashi schnell begriffen: »Es wird schon einen Grund haben, warum albanische Mannschaften nicht zur europäischen Spitze gehören.«

Dashi und Martini sind sich noch nicht ganz im klaren, ob sie bei der Frankfurter Eintracht das große Los gezogen haben oder nur einen Trostpreis. Etwas ernüchtert, aber noch immer stolz, hatte Dashi nach der Vertragsunterzeichnung seine Eltern daheim in Durres angerufen. Der Jubel am anderen Ende der Leitung war verhalten. »Papa ist der Vertrag zu lang und das Gehalt zu gering.«

Edi Martini, der schon je eine Saison in Klagenfurt und Ljubljana gespielt hat, nutzte seine kleine Profi-Erfahrung und ist erst mal hart geblieben. Die schwülstige Rede des Eintracht-Schatzmeisters Gaetano Patella, der es »als ein Gebot der Menschlichkeit« empfand, einem Volk in Schwierigkeiten »die Werte des Lebens zu schenken«, hat ihn nicht arg beeindruckt. Eher schon konnte er etwas mit der klaren Sprache von Patellas Präsidiumskollegen Klaus Lötzbeier anfangen: »Entweder du akzeptierst. Oder du suchst dir einen anderen Verein. Oder du gehst zurück.«

Martini, der 25 000 Mark bei der Geldanlage daheim verloren hat, unterschrieb nur für ein Jahr. »In vollstem Vertrauen auf meine Beine« will er sich in dieser Zeit für einen höherdotierten Kontrakt empfehlen.

Ob er sein Können zusammen mit Dashi in der zweiten Liga aber überhaupt vorführen darf, ist noch keineswegs ausgemacht. Was die beiden nicht ahnen ist, daß Trainer Horst Ehrmanntraut sich erst in ein, zwei Wochen entscheiden will, ob er sie in den Profikader aufnehmen wird. Für den lebensnahen Lötzbeier kein Problem: »Dann spielen sie eben bei unseren Amateuren in der vierten Liga.«

* Ligaspiel in Lushnja im Januar, wenige Tage vor Ausbruch derUnruhen.

schuemann
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