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Flüche auf ungarisch

Deutsche Spitzenklubs schätzen deutsche Trainer nicht. HSV, Bayern München und der 1. FC Köln halten Ausländer für die besten der Welt.
aus DER SPIEGEL 14/1981

Komm, Pal, jetzt gehen wir die Deutschen quälen«, sagte Bayern Münchens Trainer Gyula Lorant zu seinem ungarischen Landsmann und Assistenten Pal Csernai. Besonders reizte den ungarischen Cheftrainer der deutsche Weltmeister Paul Breitner. »Wenn der röchelt, ist das für mich wie Musik von Bela Bartok.«

Doch Lorant überzog das Drillsoll. Die Mannschaft um Wortführer Breitner leistete passiven Widerstand und verlor einige Spiele. Das war 1978. Lorant wurde entlassen, und der Österreicher Max Merkel sollte Nachfolger werden. Doch auch der war der Mannschaft zu grob. »Kaum ist ein Arschloch weg«, muckte Nationaltorwart Sepp Maier auf, »schon steht das nächste vor der Tür.«

Aber das ausländische Kommando blieb den Bayern erhalten. Assistent Pal Csernai übernahm die Trainingsleitung. Er gab sich unnahbar. Privates tauschte er mit seinen deutschen Untergebenen nie aus. Flüche ließ er meist auf ungarisch los.

Beliebt war auch er nicht. »Beliebte Trainer sind schlechte Trainer«, erklärte Csernai. Auch Reporter wies er meist ab. Einladungen in TV-Studios befolgte er nicht. Aber er wurde 1980 mit dem FC Bayern Deutscher Meister.

Vor Csernai hatten schon die Jugoslawen Zlatko ("Tschik") Cajkovski und Branko Zebec mit den Bayern die Deutsche Meisterschaft gewonnen. Der Wiener Max Merkel holte je einen deutschen Titel mit dem TSV 1860 München und dem 1. FC Nürnberg. 1978 engagierte auch der Hamburger SV einen Ausländer: Branko Zebec. HSV-Manager Günter Netzer erklärte: »Die können irgendwie mit Fußballern besser umgehen.« 1979 wurde der HSV Deutscher Meister.

»Mit dem HSV oder den Bayern kann jeder Meister werden«, widerspricht der frühere Bundesligatrainer Otto Knefler dem Glauben an »die ausländischen Siegertypen«. Vor Ausländern jedoch kuschen sogar rebellische Bundesliga-Stars. Knefler: »Deutschen Trainern werfen deutsche Spieler autoritäres Verhalten vor, Ausländern nie.«

Die HSV-Spieler wagten nicht einmal den Aufstand, als ihr jugoslawischer Trainer Zebec häufiger betrunken zum Dienst erschien. Im Gegenteil, als Zebec entlassen worden war, bedauerte Mannschaftskapitän Felix Magath: »Ohne Zebec sehe ich schwarz.« Libero Franz Beckenbauer entschuldigte den Chef: »Was ist denn schon dabei, wenn einer mal was trinkt?«

Auch als Nachfolger stand kein deutscher Fußballehrer zur Debatte, sondern Zebec-Assistent Aleksandar Ristic drillte weiter, obwohl er an der Sporthochschule erst dabei war, sein Trainerdiplom zu erwerben. »Serbokroatisch bleibt beim HSV Amtssprache«, witzelte Spieler Willi Reimann.

Weil der HSV und Bayern München in der Bundesliga »Selbstgänger« sind, so der Karlsruher Trainer Manfred Krafft, »können ihre Trainer Ristic und Csernai die Meisterschaft 1981 unter sich ausmachen.« Krafft über den Ungarn Csernai: »Der glaubt mittlerweile, er hat die Fußballweisheit mit Löffeln gefressen.« Tatsächlich spielten Kraffts Karlsruher, letzten Sommer erst aufgestiegen, sogar in München 1:1.

Trotz der Ausländer-Hausse in der Bundesliga gilt die deutsche Trainerschulung als die beste der Welt.

Erst nach mehreren Lehrgängen und Examen bekommt ein Kandidat, Deutscher wie Ausländer, in der Regel das Diplom. Ausländische Diplome erkennt der Deutsche Fußball-Bund (DFB) nicht an, sondern verlangt auch von mehrfachen Meistern den Besuch der deutschen Trainerschule.

Einen Knacks bekam das strenge deutsche Lehrbefähigungswesen erst im letzten Winter, als der Holländer Rinus Michels beim 1. FC Köln den Deutschen Karl-Heinz Heddergott ablöste. Heddergott hatte 13 Jahre lang in Deutschland Trainer ausgebildet und verantwortlich die so begehrten deutschen Diplome ausgestellt.

Doch in der Bundesliga scheiterte Heddergott mit dem 1. FC Köln schon nach einem halben Jahr. Nachfolger Rinus Michels, 53, mit Holland Vizeweltmeister und mit Ajax Amsterdam Europacupsieger, beim Weltverband Mitglied des Lehrkörpers, erhielt vom DFB erst nach langem Zögern eine Sondergenehmigung. Aber er rettete die Kölner vor dem Abstieg und drang mit ihnen sogar unter die letzten Vier im europäischen UEFA-Cup-Wettbewerb vor.

Diesen Coup allerdings hätte fast der österreichische Trainer Ernst Happel mit Standard Lüttich verhindert. Seine Mannschaft führte in Köln schon 2:1, als der Schiedsrichter einen Elfmeter für die Kölner gab, den selbst die deutschen Spieler als »unberechtigt« bezeichneten. Die Kölner siegten 3:2, und S.227 Michels gab zu: »Die bessere Mannschaft hat verloren.«

Der Holländer Michels und der Wiener Ernst Happel, 55, gleichen sich im Arbeitsstil sehr. Happel ("Mit Spielern rede ich nicht, mit Spielern operiere ich") benutzt bei Auswärtsspielen selten den Mannschaftsbus, sondern fährt im eigenen Auto hinterher. Michels läßt bei Trainingsbeginn die neugierigen Spieler oft minutenlang hinter sich her laufen, wenn er über den Platz stapft, den Boden prüft und scheinbar in Gedanken versunken ist. Michels: »Demütige Spieler sind besser als übermütige.«

Der Hamburger SV konzentrierte sich bei seiner Trainersuche für die nächste Saison 1981/82 nur auf zwei Anwärter: Happel und Michels. Nothelfer Ristic muß noch weiter die Trainerschule besuchen, auch wenn er jetzt Meister werden sollte.

HSV-Präsident Dr. Wolfgang Klein, ehemals deutscher Weitsprungmeister, hatte schon nach der Entlassung des Jugoslawen Zebec erklärt: »Für den HSV kommt nur ein Trainer von Weltruf in Frage.« Deutsche Kandidaten gab es für die Hamburger nicht. Manager Netzer: »Zur Zeit reicht keiner an Zebec, Michels oder Happel heran.« Michels bleibt in Köln. Wunschtrainer in Hamburg wurde der Wiener Happel.

Der beim HSV entlassene Branko Zebec darf ebenfalls bald auf den nächsten Bundesligajob hoffen. Wenn nicht beim 1. FC Nürnberg, dann vielleicht bei Bayern München. Falls der Ungar Csernai dort weder Deutscher Meister noch Europacupsieger wird.

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