Bahrein-Grand-Prix Notbremse in der Wüste

Kurios. Der Mann, der mit seinen Seriensiegen dafür sorgte, dass die Formel 1 jahrelang in Langeweile erstarrte, könnte in der Saison 2005 für neue Spannung sorgen. Denn der Ferrari-Pilot findet sich plötzlich in einer ganz neuen Rolle wieder: Jagd auf Renault.

Von Jörg Schallenberg


Strenge Begutachter: Zwei Scheichs prüfen die Karosserie des neuen F2005
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Strenge Begutachter: Zwei Scheichs prüfen die Karosserie des neuen F2005

Es ist schon ungerecht: Da gewinnt Renault die ersten beiden Rennen der Saison und kann sich vor Lobpreisungen von allen Seiten kaum retten - und dann dreht sich beim dritten Grand Prix des Jahres doch schon wieder alles um Ferrari. Denn das Team aus Maranello hat nach den mäßigen Leistungen in Australiern und Malaysia die Notbremse gezogen: Statt in Barcelona Anfang Mai gibt das neue Rennmodell F2005 sein Debüt bereits am Sonntag auf dem sandigen Kurs von Manama - so dass die alles entscheidende Frage beim Großen Preis von Bahrein lauten wird: Bringt der neue Wagen die Wende? Und was, wenn nicht?

Die zweite Frage lässt sich leichter beantworten als die erste: Falls Ferrari auch mit dem F2005 nicht ganz vorne mitfahren kann, dann besitzt Renault alle Chancen auf einen Start-Ziel-Sieg. Schließlich gibt es von der weiteren Konkurrenz auch wenig Titelverdächtiges zu berichten. Toyota ist trotz des Aufschwungs mit der Entwicklung des Wagens noch nicht weit genug fortgeschritten, um auch mal einen Sieg einzufahren, und BAR-Honda nimmt 2005 eine Auszeit, in der man nochmal etwas über die Entwicklung eines belastungsfähigen Motors nachdenken sollte.

Weder BMW-Williams noch McLaren-Mercedes haben zudem bei Tests und Rennen bislang den Eindruck erweckt, die blauen Spitzenreiter Fernando Alonso und Giancarlo Fisichella gefährden zu können - wobei ein wesentlicher Unterschied immerhin darin besteht, dass BMW-Williams wenigstens schon mal einen dritten Platz ergattert hat und die fehlende Reife gerade bei der aerodynamischen Ausgestaltung des neuen Boliden offen eingesteht, während bei den "Silberpfeilen" wie immer jedes Problem geleugnet wird.

Kaputte Ventile und gefährliche Tennisplätze

Renault-Mechaniker in Bahrein: Souveräner Saisonstart
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Renault-Mechaniker in Bahrein: Souveräner Saisonstart

Dabei setzt sich die "Pleiten, Pech und Pannen"-Aufführung des Vorjahres nahtlos fort: Nachdem ein kaputtes Ventil Kimi Räikkönen in Malaysia stoppte, warf sich Juan-Pablo Montoya nun selbst aus dem Rennen, weil er sich auf dem Tennisplatz eine Schulterverletzung zuzog. Es wäre nicht weiter verwunderlich, wenn man bald Wetten darauf abschließen könnte, was bei McLaren-Mercedes als nächstes schief geht.

Bleibt also Ferrari. Wobei es natürlich einigermaßen kurios wirkt, wenn die Schumi-Truppe plötzlich Hoffnungsträger dafür sein könnte, dass die Saison NICHT einseitig verläuft. Aber da wäre ja noch Frage Nummer 1 offen: Was kann der F2005? Die Antwort lautet, soweit man es nach den bisherigen Testergebnissen beurteilen kann: Einiges, aber momentan noch nicht genug.

Zwischen einer halben und einer ganzen Sekunde pro Runde soll der neue Renner schneller laufen als sein Vorgänger, was nach beachtlichem Fortschritt klingt. Bedenkt man allerdings, dass etwa in Bahrein 57 Runden gefahren werden und der Rückstand von Michael Schumacher auf Alonso zuletzt 1:19 Minuten betrug, dann ist es schon rein rechnerisch zuwenig, um mal wieder auf dem Treppchen ganz oben zu stehen. Zumal eines der wesentlichen Probleme bei Ferrari nach wie vor ungelöst erscheint: Die Reifen.

Härtere Gummimischung

Ferrari-Mitarbeiter beim Reifentransport: Wie gut greift die Piste?
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Ferrari-Mitarbeiter beim Reifentransport: Wie gut greift die Piste?

Zwar hat man beim Lieferanten Bridgestone nach der Pleite von Malaysia in heldenhafter Geste alle Schuld auf sich genommen, doch wenige Tage vor dem Rennen auf der heißen Wüstenpiste von Manama, klingt alles wieder genauso: Man beklagt bei Bridgestone schon mal vorab, dass man zu wenig Testergebnisse gerade für diese Strecke vorliegen hat und kündigt an, wahrscheinlich erneut mit einer wesentlich härteren Gummimischung als die Konkurrenz an den Start zu gehen. Wunder sollte da wohl niemand von Michael Schumacher und Rubens Barrichello erwarten, zumal angesichts der Mischung aus sehr langsamen Kurven und langen Geraden in Bahrain gerade beim Anbremsen und Herausbeschleunigen alles davon abhängt, wie gut der Reifen auf der Piste greift. Einzige Erleichterung für die Pneus im Vergleich zum Vorjahr: Weil die meisten Auslaufzonen inzwischen asphaltiert wurden, dürfte weniger Sand auf die Piste wehen.

Schon lange keine Wunder mehr erwartet man übrigens vom einstigen Weltmeister Jacques Villeneuve - auch nicht bei seinem Arbeitgeber Sauber. Dort plant man offenbar, den Kanadier durch Christian Klien von Red Bull Racing zu ersetzen, der seinen Platz dort trotz guter Ergebnisse wahrscheinlich an den bisherigen Ersatzfahrer Vitantonio Liuzzi abgeben muss. Gut möglich also, dass in Bahrein ganz nebenbei eine einstmals große Karriere zu Ende geht.



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