Belgien-Grand-Prix Die produktive Harmonie bei Schumirari

Am Sonntag wird Michael Schumacher höchstwahrscheinlich zum siebten Mal Weltmeister in der Formel 1. Ihre Dominanz verdanken Fahrer und Ferrari dem perfekten Teamwork. Selbst der ewige zweite Mann bei der Scuderia, der Brasilianer Rubens Barrichello, verzichtet auf Maulereien und Intrigen.

Von Jörg Schallenberg


Schumacher und Co.: Unschlagbares Team
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Schumacher und Co.: Unschlagbares Team

Wenn es einen Formel-1-Fahrer gibt, der in dieser Saison für vergleichsweise wenig Aufregung sorgte, dann ist das zweifellos - Michael Schumacher. Die Erkenntnis überrascht auf den ersten Blick, denn am Sonntag beim Grand Prix in Spa dürfte es mit 98-prozentiger Wahrscheinlichkeit wieder so weit sein: Wenn sich die Zielflagge senkt, heißt der neue, alte, ewige Weltmeister der Formel 1 - Michael Schumacher. Nach 13 Siegen in 14 von 18 Rennen. Eine Wahnsinns-Bilanz. Die Art und Weise, wie der Titel des Jahres 2004 eingefahren wird, übertrifft in Sachen Überlegenheit noch einmal alle sechs bisherigen Fahrertitel (1994/1995 und 2000 bis 2003).

Und dennoch bestimmen andere Namen und Marken in dieser Saison die Schlagzeilen: Zunächst der künftige Silberpfeil-Pilot Juan-Pablo Montoya mit seinen Kamikaze-Fahrten, dann die Pleitenserie von McLaren-Mercedes, abgelöst von Ralf Schumacher durch seinen Unfall in Indianapolis und den Wechsel zu Toyota. Schließlich Jenson Button und sein nicht ganz wasserdichter Vertrag mit BMW-Williams für die nächste Saison. Jüngst dann Renault-Chef Briatore, der nicht nur mit Supermodels, sondern auch gern mit seinem kleinen Flavio spielt, wie erbarmungslose Paparazzi enttarnten.

Setzt man alle diese Bilder der Saison einmal wie Puzzleteile zusammen, dann zeigt die Gesamtansicht ein großes Spektakel, das sich bei näherem Hinschauen als ein Chaos aus Unfähigkeit, Pech und Geltungsdrang erweist. In diesem Tohuwabohu fehlen Ferrari und Michael Schumacher völlig. So betrachtet verwundert der Mangel an schmissigen Schlagzeilen kaum, selbst die chronisch überdrehten Boulevardmedien feiern Michael Schumachers Siege längst mit der gleichen Routine, mit der CSU-Wahlerfolge in Bayern vermeldet werden.

Denn das Erfolgsgeheimnis von Ferrari und Michael Schumacher (die ohnehin längst zu einer Einheit verschmolzen sind) lässt sich kaum in ein paar fetten schwarzen Lettern auf rotem Balken feiern. In dieser Saison hat sich die Entscheidung über Sieg (Ferrari alias Schumacher) und Niederlage (der Rest) so weit wie nie zuvor in der Geschichte der Formel 1 von der Piste weg in die Boxen, die Besprechungszimmer und auf die Teststrecken verlagert. Wenn man so will, war die Weltmeisterschaft 2004 bereits vor dem ersten Rennen entschieden.

Weil bei Ferrari einfach mehr gearbeitet wird, wie Frank Williams kürzlich frustriert feststellte: "Würde bei uns ein solches Pensum abgeleistet, würden unsere Titelchancen deutlich steigen." Weil nicht zwei Lager gegeneinander arbeiten wie in manchen Bindestrich-Teams. Weil es keinen Streit zwischen den Piloten gibt, die womöglich noch öffentlich übereinander herziehen. Es ist sicher kein Zufall, dass Michael Schumacher seine Titelserie als Weltmeister in jenem Jahr begann, in dem Rubens Barrichello zu Ferrari kam. Denn der seit 2000 für Ferrari fahrende Brasilianer ist erheblich zuverlässiger, leidensbereiter und pflegeleichter als sein Vorgänger Eddie Irvine. Beim Nordiren war die Neigung zu großspurigen Auftritten stets größer als das fahrerische Können.

Bester Fahrer, bestes Auto, beste Taktik

Der Star, das hat man bei "Schumirari" verstanden, ist nicht der Superpilot im Cockpit, sondern das Team. Dass Michael Schumacher darin unersetzlicher scheint als alle anderen Mitglieder, steht keinesfalls im Widerspruch zu dieser These. Denn er ist, was die Rennen dieser Saison unterstreichen, nicht nur der beste Fahrer, sondern er sitzt im mit riesigem Abstand besten Auto, das zudem stets mit der besten Taktik auf der Strecke unterwegs ist. Michael Schumacher ist sozusagen mit Ferrari verschmolzen. Da ist es nur gerecht, dass Renndirektor Jean Todt, Technikchef Ross Brawn oder Chefstratege Luca Baldisseri über die Jahre der Ferrari-Dominanz immer mehr in die Öffentlichkeit rückten, während Schumacher gleichzeitig ein Stück weit in den Hintergrund trat.

Endgültig vorbei scheinen die Zeiten, in denen charismatische, leichtlebige und ebenso geniale wie unberechenbare Individualisten die Rennpisten beherrschen. Wobei nicht auszuschließen ist, dass ein entsprechender Charakter irgendwann wiederkommt, doch das Modell Ferrari macht klar: Wer die teaminterne Kommunikation nicht perfekt beherrscht, wird wohl nie Weltmeister werden.

Ferrari-Crew (nach dem Gewinn der Marken-WM in Ungarn): Fleiß und Zuverlässigkeit
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Ferrari-Crew (nach dem Gewinn der Marken-WM in Ungarn): Fleiß und Zuverlässigkeit

Bei Ferrari resultiert das hohe Kommunikationsniveau, der Teamgeist, die Arbeitswut und die äußerst effektive Umsetzung der daraus entstehenden Neuerungen wiederum aus der langfristigen, exzellent aufeinander abgestimmten Zusammenarbeit. Bei den Roten aus Maranello wurden in den vergangenen Jahren nicht hastig Verantwortliche oder Fahrer ausgetauscht, wenn es mal nicht richtig lief.

Die wichtigsten Beteiligten sind bereits seit 1996 bei Ferrari, manche noch länger. Sie durften in den ersten Jahren so ziemlich jeden Fehler machen, der möglich war. Wer erinnert sich nicht noch an den fehlenden vierten Pneu beim Reifenwechsel? Doch siehe da: Man hat daraus gelernt. Der Perfektion gehen meistens ein paar Katastrophen voraus. Insofern besteht natürlich auch Hoffnung für McLaren-Mercedes, mal wieder nach oben zu kommen.

Abgesehen davon blickt man bei der Konkurrenz sehnsuchtsvoll auf das Jahr 2007. Denn Ende 2006 laufen zeitgleich die Verträge von Schumacher, Todt, Brawn sowie Designer Rory Byrne und Motorenentwickler Paolo Martinelli aus - mit einiger Sicherheit werden zumindest nicht alle verlängert werden. Für beinahe jede Position steht allerdings innerhalb des Teams bereits ein Nachfolger bereit. Ferrari will bei dem kommenden Umbau, so vermeldete vor kurzem die "Gazzetta Dello Sport", nicht nur auf den eigenen Nachwuchs, sondern generell auf italienische Talente setzen.

Auch jener Fahrer, der einmal die mehr als undankbare Aufgabe übernehmen wird, dem bis dahin neunfachen Weltmeister Michael Schumacher nachzufolgen, soll aus Italien kommen, lautet offenbar eine Vorgabe des Ferrari-Mutterkonzerns Fiat. Ob man sich mit diesem eigenartig nationalen Kurs beim bislang unvergleichlich erfolgreichen deutsch-englisch-französisch-italienischen Euro-Team Ferrari einen Gefallen tut, ist allerdings fraglich.



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