Bernie Ecclestone in der Formel 1 Nur als Rennfahrer gescheitert

Macht beweisen, Strippen ziehen, Geld verdienen - das zweifelhafte System Bernie Ecclestone machte die Formel 1 groß und milliardenschwer. Dabei konnte der "Pate" auch menschliche Züge zeigen.

Bernie Ecclestone (2009 mit Michael Schumacher)
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Bernie Ecclestone (2009 mit Michael Schumacher)

Von Karin Sturm


Selbst sein unfreiwilliger Abgang war typisch für Bernie Ecclestone: Auch in dem Moment, als er wusste, dass seine Ära an der Spitze der Formel 1 endgültig zu Ende ist, musste der 86-Jährige der Welt noch einmal beweisen, dass er immer noch die Zügel in der Hand hält - und wenn es nur um die Verkündung der eigenen Demission geht.

Eigentlich wollten die neuen Besitzer von Liberty Media den Wechsel am heutigen Dienstag in aller Ruhe bekannt geben. Doch Ecclestone steckte die Information einem befreundeten deutschen Journalisten und erklärte: "Ich bin abgesetzt." Ein letzter, kleiner Erfolg im Medienzirkus Formel 1.

Macht beweisen, Strippen ziehen, Geld verdienen - das begleitete den Napoleon, wie er mit seinen knapp 1,60 Meter Größe genannt wurde, sein ganzes Leben. Schon als Kind wusste Charles Bernard Ecclestone, wie man schnell Geld verdient. Er kaufte auf dem Schulweg Gebäck, um es dann in der Pause auf dem Schulhof mit saftigem Aufschlag zu verkaufen.

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Bernie Ecclestone: Abschied von seinem Lebenswerk

Und Jahre später stellte der mit ihm gut befreundete Jochen Rindt erstaunt fest: "Wenn man mit Bernie über einen großen Parkplatz geht, sagt er einem sofort, wie viel die ganzen Autos zusammen wert sind." Zu dem Zeitpunkt hatte Ecclestone schon eine erfolgreiche Karriere als Gebrauchtwagenhändler hinter sich, mit der er den Grundstein seines Vermögens legte.

Gescheitert ist er eigentlich nur in der eigenen Rennfahrerkarriere: Der Versuch, in der Formel 1 als Fahrer Fuß zu fassen, schlug fehl. Zweimal versuchte es Ecclestone, 1958 in Monaco und in Silverstone, zweimal blieb er in der Qualifikation hängen. Woraufhin er sich auf eine Rolle als Fahrermanager verlegte.

Doch als sein erster Schützling Stewart Lewis-Evans 1958 in Casablanca tödlich verunglückte, hatte er zunächst genug vom Rennsport. Erst mit Rindt kam er in die Szene zurück - und manch altgedienter Formel-1-Experte glaubt noch heute: Hätte der 1970 in Monza tödlich verunglückte Rindt überlebt, hätten er und Ecclestone sich den Formel-1-Zirkus untereinander aufgeteilt.

Bernie Ecclestone, 1983
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Bernie Ecclestone, 1983

So machte er es allein: Als sich Jack Brabham 1971 zurückzog, kaufte ihm Ecclestone für umgerechnet 250.000 Mark dessen Team ab - und übernahm von da an Schritt für Schritt die Kontrolle über die noch sehr unorganisierte Formel 1. Es gab weder feste Startnummern, feste Zeitpläne noch eine verlässliche Zeitmessung. Ecclestone kümmerte sich um all das, womit sich zuvor niemand so wirklich beschäftigen wollte. Ergebnis: Die anderen Teamchefs waren ihm dankbar, erst recht, als er auch noch anbot, für alle gemeinsam ordentliche Start- und Preisgelder auszuhandeln. Ein Prozent davon wollte er anfangs kassieren - "für Bürokosten".

"Wir sind nicht so etwas wie die Mafia, sondern wir sind die Mafia"

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Die Summen stiegen, die Provision auch, zwischenzeitlich sogar einmal auf 40 Prozent, wie man munkelt - Ecclestones Privatvermögen wurde zuletzt auch deshalb auf etwa 2,5 Milliarden Euro geschätzt. Aber niemand meckerte, schließlich profitierten alle vom System Ecclestone. Speziell, als er dann ab Mitte der Siebziger Jahre weiter zugriff: bei den Werberechten für die Rennstrecken, die Fernsehrechte.

Nebenbei verstand er es auch immer, alte Vertraute mit guten Jobs zu versorgen und damit seine strategische Position zu verbessern. So bekamen seine früheren Brabham-Mechaniker Charlie Whiting und Herbie Blash die Positionen als Fia-Rennleiter. Eddie Baker spielte jahrelang eine wichtige Rolle als TV-Direktor. Wobei der politische Einfluss Ecclestones noch einmal stieg, als sein alter Kumpel Max Mosley Anfang der Neunzigerjahre Fia-Präsident wurde.

Eine gewisse Treue und Nähe zeigte er auch den sonst nicht immer geliebten Medienvertretern gegenüber - vor allem denen, die schon sehr lange dabei waren. Wenn da einer mal seinen Nachwuchs hinter die Kulissen eines Grand Prix bringen wollte, dann klappte das fast immer. Oder wenn eine ehemalige englische Fotografin, inzwischen in finanziellen Nöten, zumindest zum Rennen in Silverstone kommen wollte: Auch da half Bernie. Und wenn er durch das Fahrerlager lief, dann grüßte er, marschierte nicht auf Wolke sieben durch "sein Reich".

System Ecclestone nicht zu stoppen

Trotzdem kam im Laufe der über 40 Jahre viel berechtigte Kritik auf, auch von Seiten einiger Teams. Aber angesichts des kaum mehr zu durchschauenden Ecclestoneschen Firmengeflechts, angesichts der konzentrierten Macht in einer Hand, hatte der "Pate" der Formel 1 vollendete Tatsachen geschaffen, war das System nicht mehr zu stoppen.

Nicht nach seinen Lobpreisungen einer "Diktatur als gutem Regierungssystem", nicht einmal durch den Bestechungsprozess in München. Und auch nicht durch den schlechten Gesamtzustand der Formel 1, das teils miserable Image, die langjährigen Versäumnisse im Bereich digitale Medien, die politisch umstrittenen Austragungsorte von China über Bahrain bis Sotschi und Baku oder das extrem ungleiche Geldverteilungssystem.

Irgendwann machte sich dann aber das Alter doch ein bisschen bemerkbar. Hin und wieder stand man da in der großen Traube, die sich meist schnell um Ecclestone bildete, und wunderte sich. Immer häufiger hieß es: "Hat wohl nen schlechten Tag heute." Im vergangenen Jahr hörte man es dann unter der Hand sogar von dem einen oder anderen Teamchef und sogar Ecclestone durchaus wohlgesonnenen Insidern: dass die Zusammenarbeit mit ihm schon schwieriger werde, "weil er einen Tag später nicht mehr weiß, was er dir gestern gesagt hat".

Früher seien seine oft widersprüchlichen Äußerungen gezielte Strategien gewesen, um im eigenen Interesse Verwirrung zu stiften - jetzt dagegen sei wohl einiges auch seinem hohen Alter geschuldet. Was seine Position natürlich auch intern schwächte - und damit Liberty Media den Übernahme-Feldzug erleichterte.

Und auch wenn die meisten Formel-1-Insider der Meinung sind, dass es Zeit war für den Wechsel, vielleicht sogar höchste Zeit: Sie werden Bernie Ecclestone vermissen, sein Wissen, seine Beziehungen, sein "System", aber auch seinen oft speziellen schwarzen britischen Humor. Das Menschliche, das ab und an die Rolle des Politikers und Geschäftsmanns überlagerte.

Die Formel 1 ohne Bernie Ecclestone - das ist trotz allem erst einmal schwer vorstellbar.

insgesamt 4 Beiträge
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Die Happy, 24.01.2017
1. schon einiges erlebt
Wenn man bedenkt, dass E. sogar schon 1963 der Manager eines Rennfahrers war, der einer der berühmten Posträuber in England war, Roy James, sieht man, wie lange der schon aktiv ist.
sissibu 24.01.2017
2. diesem Gierhals braucht man keine Träne nachheulen!!
Er hat aus einem Sport ein Kasperletheater gemacht und dabei kräftig verdient. Er soll seine Kohle nehmen und seinen Lebensabend genießen! Vielleicht kann er dann mit H. Blatter zusammen die Schwäne füttern!
christianu 24.01.2017
3. Die Formel 1 war vor 45 Jahren unbedeutend,
und heute ist sie ein Milliardengeschäft. Das ist in erster Linie der Geschäftstüchtigkeit von Bernie Ecclestone zu verdanken. Attraktivere Motorsportarten, z.B. Motorradrennen, haben sich nicht annähernd so erfolgreich entwickelt. Bernie wusste halt, wo das große Geld in der Industrie gemacht wird. Allein der Fußball war noch deutlich erfolgreicher, aber das liegt eben an der Beliebtheit der Sportart und der langen Tradition. Über die Methoden der Geschäftserweiterung kann man lange streiten. Die sind im Sport nicht besser als im echten Leben.
Circular 25.01.2017
4. Die Formel 1 ist nicht mehr zeitgemäß
Nur Umweltverschmutzung und Lebensgefahr passt nicht mehr in unsere Zeit.
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