BMW-Ausstieg Große Chance für kleine Teams

Der Rückzug von BMW aus der Formel 1 wird die Rennserie in ihrer Existenz nicht erschüttern. Er könnte jedoch eine Machtverschiebung zur Folge haben: von den Autoherstellern zu den Privatteams. Genau so, wie sich das Noch-Fia-Präsident Max Mosley vorgestellt hatte.
Von Frieder Schilling

Im Frühjahr 2010 wird die neue Formel-1-Saison beginnen. Wahrscheinlich wie in den vergangenen Jahren in Australien. Rennställe werden ihr Equipment auf den fünften Kontinent fliegen, Journalisten aus aller Welt den weiten Weg antreten, Tausende Fans zur Rennstrecke in Melbourne pilgern. Fehlen werden auf dem Asphalt dann die Boliden von BMW. Jahrelang trat der Konzern als Motorenlieferant auf, seit 2006 als selbständiges Team. Am Mittwochmorgen erklärte BMW seinen Rückzug aus der prestigeträchtigsten Serie im Motorsport.

Formel-1-Feld beim GP der Türkei (2009): Mehr Platz für die Kleinen?

Formel-1-Feld beim GP der Türkei (2009): Mehr Platz für die Kleinen?

Foto: A3724 Felix Heyder/ dpa

In ihren Grundfesten wird das die Formel 1 jedoch nicht erschüttern. Mehr als 500 verschiedene Teams haben bislang ein Rennen in der Königsklasse gestartet, die meisten sind irgendwann ausgestiegen, die Formel 1 aber blieb. In den zurückliegenden Monaten schien es, als ob der Streit zwischen dem Automobilweltverband Fia und der Teamvereinigung Fota die Existenz der Formel 1 gefährden könnte. Es wird die Serie auch 2010 und darüber hinaus geben.

Ein Ausstieg von BMW ändert dies nicht. Er ist jedoch Teil einer Entwicklung, die den seit Jahren auf Hochtouren laufenden Motor der Formel 1 drosseln könnte. Und er könnte die Serie kurioserweise strikter zurück auf die Linie von Noch-Fia-Präsident Max Mosley führen, die monatelang von einem Großteil der Teams abgelehnt worden war.

Denn es scheint möglich, dass in den kommenden Jahren die kleinen Rennställe in der Formel 1 wieder größer werden. Der Kurs der Fia, angeschoben von Mosley, kommt ihnen entgegen. Teams wie Brawn, Red Bull oder Toro Rosso haben sich als Fota-Mitglieder zwar gegen eine Budgetgrenze gewehrt, einer gemeinsamen Kostenreduzierung aber stehen sie gewiss nicht ablehnend gegenüber. Force India und Williams hatten sich sowieso demütig unter den Bedingungen der Fia für 2010 eingeschrieben und waren dafür aus der Fota ausgeschlossen worden.

Bezeichnenderweise zeigte sich der Weltverband nach der BMW-Ankündigung auch ohne jedes Wort des Bedauerns: "Es war schon seit einiger Zeit klar, dass der Motorsport die weltweite Wirtschaftskrise nicht ignorieren kann", so die Fia emotionslos in einer Mitteilung. Und kartete nach: "Wenn die Regelungen zur Kostenreduzierungen von einigen Teamchefs nicht so stark bekämpft worden wären, hätten der Rückzug von BMW und weitere Ankündigungen dieser Art in der Zukunft verhindert werden können."

Ein weiteres Plus für die Fia: Drei neue Rennställe stehen vor der Boxengasse und werden 2010 hineingelassen. Allesamt Privatteams. Campos aus Spanien, Manor aus Großbritannien und US F1 aus den USA. Sollte das nun ohne Motorenlieferant dastehende Sauber-Team aufgeben müssen, könnte ein viertes neues hinzukommen. Rückendeckung werden die kleinen Teams auch von Formel-1-Vermarkter Bernie Ecclestone bekommen. Ihr Überleben ist sein Geschäft. Ihre Wettbewerbsfähigkeit sein Interesse.

Mit BMW geht einer der großen Hersteller, der jährlich mehrere hundert Millionen Euro in sein Engagement investiert hat. Bereits im Dezember vergangenen Jahres hatte Honda sich zurückgezogen. Dessen japanischer Konkurrent Toyota bestätigte am Mittwoch zwar seinen Verleib in der Formel 1, kündigte aber eine Reduzierung des Budgets an. Zudem hatte der Konzern vor drei Wochen mitgeteilt, er werde 2010 nicht als Veranstalter des Grand Prix von Japan auftreten. Grund: die weltweite Absatzkrise. Die Tatsache, dass Firmenchef Akio Toyoda selbst Rennen fährt, 2007 unter Pseudonym sogar an den 24 Stunden auf dem Nürburgring teilnahm, lässt vermuten, dass speziell Letzterem die Entscheidung schwergefallen sein muss. Aber sie wurde getroffen.

Für die Chefetagen der großen Hersteller gibt es derzeit schwerwiegendere Probleme als die Formel 1. Sie müssen sich mit sinkenden Absätzen beschäftigen, sind verantwortlich für Zehntausende Arbeitsplätze. Auch deshalb sind solche Zusagen wie sie Toyota (Teamsprecherin Fernanda Villas-Bôas de Mello bestätigte der dpa den Erhalt der erlösenden Nachricht aus Japan) und auch Mercedes am Mittwoch gaben, immer mit Vorsicht zu sehen. Denn was passiert, wenn die Zeiten noch schlechter werden?

Teamchefs und Inhaber von Privatteams müssen sich solche Gedanken nicht machen. Ross Brawn beispielsweise, oder Frank Williams, sind einzig und allein für ihren Rennstall verantwortlich. Natürlich sind das auch Hunderte Mitarbeiter und Budgets von Hunderten Millionen Euro, natürlich tragen sie ein großes unternehmerisches Risiko, die Dimension aber ist eine andere. Sie müssen einzig und allein wirtschaftlich arbeiten. Einen Betriebsrat, der beispielsweise wie bei Mercedes ihr Engagement in Frage stellt, gibt es nicht. Verschwendung von Geldern in Zeiten der Krise wird ihnen von Gewerkschaften und Sozialpolitikern nicht vorgeworfen.

So oder so, die Stimmen der verbliebenen Hersteller in der Formel 1 werden an Gewicht verlieren. 2010 wird es mit Ferrari, Mercedes, Toyota und Renault nur vier Konzernteams geben, dazu kommen wahrscheinlich neun private Rennställe. Sicherlich zeigten sich die Fota-Teams im Machtkampf gegen die Fia geeint. Aber im Milliardengeschäft Formel 1 ist sich letztlich immer noch jeder selbst der Nächste.

Das gilt auch für Nick Heidfeld und Robert Kubica. Die Noch-BMW-Piloten müssen nun auf die Suche nach einem Cockpit für die neue Saison gehen. Da kommt ihnen der Einstieg neuer Teams nur entgegen. Denn auch die beiden etablierten Piloten wissen, 2010 startet die Formel 1 wieder. Mit oder ohne ihnen.

Die neuen Formel-1-Teams für die Saison 2010

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