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18. März 2012, 16:13 Uhr

Formel-1-Auftakt in Melbourne

Vettel bekommt einen Herausforderer

Aus Melbourne berichtet

Das erste Formel-1-Rennen des Jahres könnte bereits den Trend gesetzt haben: Es zeichnet sich ein Zweikampf zwischen Weltmeister Sebastian Vettel und Australien-Sieger Jenson Button ab. Für alle anderen bleibt nur die Außenseiterrolle.

Im Vorjahr kam Red Bull mit einem perfekten Auto zum Saisonstart, während die Konkurrenz noch an der Technik feilte. Diesmal war es genau umgekehrt: McLaren-Mercedes hatte bereits ein ausgereiftes Auto in Melbourne parat, Red Bulls neuer RB8 dagegen weist selbst für die eigenen Ingenieure noch viele Fragezeichen auf.

Im Qualifying bekamen Sebastian Vettel und Co. die Quittung für die fehlende Erfahrung ihres schnellen, aber komplizierten Autos. "Wir haben die Abstimmung einfach nicht hinbekommen, deshalb reichte es nur zum sechsten Platz", zog Titelverteidiger Vettel selbstkritisch Bilanz. Im Rennen allerdings zeigte Vettel alte Stärke.

Trotz eines kleinen Fehlers, der zum kurzen Geländeausritt in der ersten Kurve führte, fuhr der zweifache Weltmeister im Rennen Rundenzeiten auf McLaren-Niveau und sprengte als Zweiter das britische Duo Jenson Button und Lewis Hamilton. Der Trend spricht für Red Bull. Das Team steht mit seinem Auto erst am Anfang seiner Möglichkeiten. "Und wir haben noch eine Menge in der Pipeline", kündigt Motorsportchef Helmut Marko an.

Red Bull hat das Beste aus der Situation gemacht

Red Bull hat aus den in Melbourne noch beschränkten Möglichkeiten das Maximale herausgeholt. Es zeichnet sich jetzt bereits ein Zweikampf zwischen Vettel und Button um den Titel ab. Die Konkurrenz im eigenen Rennstall muss das langsam akzeptieren.

Während Red-Bull-Pilot Mark Webber sich seinem Schicksal professionell ergibt, droht bei McLaren Gefahr in einem internen Wettstreit. Hamilton war der große Verlierer des Melbourne-Wochenendes, das mit seiner Pole-Position eigentlich ganz gut begann. Doch im Rennen zeigte sich schnell, dass Button die Nummer eins im McLaren-Team ist - zum Leidwesen von Hamilton, der nach dem Rennen mit versteinerter Miene Frust schob.

Button führte seinen Landsmann regelrecht vor. Er gilt als einer der besten, wenn nicht der beste Fahrer im richtigen Umgang mit den Pirelli-Reifen im Feld. Das bewies er in Australien nachhaltig. Besonders der Restart nach der Safety-Car-Phase war dafür bezeichnend. Button brachte die Reifen sofort auf Betriebstemperatur und fuhr umgehend eine Sekunde schneller pro Runde als der Rest. Das war der Schlüssel zum Sieg.

Die Reifen spielen in diesem Jahr eine größere Rolle

Nach Ansicht von Experten wie Ex-Formel-1-Pilot Christian Danner "spielt der richtige Umgang mit den Reifen in diesem Jahr eine entscheidende Rolle". Dazu kommt: "Wie auf Samtpfoten hat sich Button seine starke Position im McLaren-Team erschlichen", sagt Danner. Was er meint: Button ist durch seine höfliche und bescheidene Art beliebt bei Managern und Mechanikern, während sich Hamilton teamintern mit seinem arrogantem Auftreten in der Vergangenheit ins Abseits gestellt hat. Es spricht deshalb alles für den Weltmeister von 2009.

Für Hamilton wird deshalb schon das nächste Rennen in Malaysia in einer Woche (10 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) zu einem Art Endspiel: Ist wieder Button vorne, muss McLaren im harten Kampf mit den dann wiedererstarkten Red Bull seine Karten auf ihn setzen. Sonst nehmen sich die beiden Piloten zu viele Punkte im internen Stallduell weg.

Mercedes wurde in Melbourne unter Wert geschlagen. Schuld waren Reifenprobleme, die das Team von Michael Schumacher und Nico Rosberg in dieser Form nicht erwartet hatten. Rosbergs Reifen bauten schon nach wenigen Runden ab. Nach den Tests vor der Saison war man bei Mercedes noch der Meinung, das größte Problem aus der vergangenen Saison im Griff zu haben.

"Wir müssen analysieren, woran das lag", sagt Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug und gibt zu bedenken: "Die Strecke in Melbourne könnte ein Grund sein, vielleicht das Set-up besonders bei Rosbergs Auto. Solange Schumacher fuhr, war an seinem Auto kein Problem mit den Reifen zu erkennen."

Trotz der Nullnummer von Melbourne kann Mercedes optimistisch nach vorne schauen. Das Auto ist nicht nur schneller als das Vorjahresmodell - sein Fahrverhalten kommt Michael Schumacher zugute. "Ich spüre das Auto besser, habe mehr Vertrauen zu ihm." Prompt fuhr der 43-Jährige im Qualifying auf den vierten Platz. Auch weil Teamkollege Rosberg diesmal patzte.

Wegen seines umstrittenen F-Schacht-Systems muss sich Mercedes auch keine Gedanken mehr machen. Die oberste Automobilbehörde Fia erklärte das innovative System, das den Luftwiderstand auf der Geraden durch eine spezielle Luftführung extrem verringert, nicht nur für legal. Sie versteht noch nicht mal die Beschwerden der Konkurrenz, die das Mercedes-System als nicht reglementskonform abstempeln wollen. "Mercedes machte genau das, was man im allgemeinen von Formel-1-Ingenieuren erwartet", heißt es aus oberen Fia-Kreisen: "Die Idee zu haben, die andere nicht hatten."

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