Desaster in Bahrein Hamilton am Tiefpunkt

Frust bei Lewis Hamilton: Der junge Brite zeigte beim Großen Preis von Bahrein gleich mehrfach Nerven. Nun muss er sich ebenso steigern wie sein Rennstall McLaren-Mercedes. Sonst drohen Ferrari und BMW zu enteilen.

Von Stephan Gröne


Manama - Das Rennen in Bahrein hatte Lewis Hamilton bereits beim Start vergeigt. Der Brite hatte einen kurzen Blackout, legte seinen Gang nicht rechtzeig ein. Sieben Fahrer zogen vorbei, Hamilton war plötzlich nur noch Zehnter statt Dritter. "Am Start stockte eigentlich alles. Ich kam einfach nicht weg vom Fleck", sagte er nach seinem bisher schlechtesten Formel-1-Auftritt. Der Fauxpas am Start war nicht sein einziger im Rennen.

Während sich seine Konkurrenten in den starken Ferraris und BMWs mühelos vom Feld absetzten und die Podest-Plätze unter sich verteilten, kämpfte Hamilton im hinteren, dicht befahrenen Mittelfeld mit den dunklen Schatten seiner Vergangenheit. Ausgerechnet sein ungeliebter Ex-Teamkollege Fernando Alonso erschien vor seiner Nase und bremste ihn ein. Die zweite falsche Entscheidung des Rennsonntages kostete Hamilton dann endgültig jede Chance auf WM-Punkte. Nach einem unüberlegten Angriff wurde er vom Heck des Renaults durchgeschüttelt und musste sich einen neuen Flügel in der Box besorgen. "Ich war dicht dran und wollte Alonso überholen, aber er hat seine Position verteidigt. Das ist doch normal", übernahm Hamilton einsichtig den schwarzen Peter.

Den Rest des Rennens verbrachte der Vizeweltmeister mit überaus anstrengenden Überholmanövern, da er es einfach nicht wahrhaben wollte, dass ihn die vorausfahrenden Wagen nicht höflich vorbeiwinkten. Die Zielflagge sah er weit weg von der Musik als überrundeter 13. und bilanzierte vollkommen korrekt: "Eine Katastrophe, ein Desaster. Es war so schlimm, wie Sie es gesehen haben. Ich bin so enttäuscht, wie man nur sein kann."

Hamiltons Frustrationsgrenze scheint nach zwei mäßigen Rennen in Folge schon überschritten, zumal der als Edelhelfer und klare Nummer zwei verpflichtete Heikki Kovalainen nach Punkten schon zu ihm aufgeschlossen hat. Der Finne ließ sich zwar von Nick Heidfeld (BMW) böse überrumpeln und verlor so seine Chance aufs Treppchen, hatte aber immerhin den Fleißkärtchen-Punkt der schnellsten Rennrunde auf seinem Zettel. Behält er seine Konstanz bei, droht Hamilton ein ernsthafter Konkurrent im eigenen Lager und damit ähnliches Ungemach wie seinem Vorgänger als Nummer eins bei McLaren, Alonso. Der litt unter dem aufgehenden Stern Hamiltons bekanntlich so sehr, dass er Fahrer- und Konstrukteurs-WM-Titel lieber an Ferrari als an seinen Kollegen weiterreichte.

Also mühten sich Hamiltons geschockte Bosse nach dem fünften Auftritt in Bahrein ohne Sieg unisono um Schadenbegrenzung. Vor allem Mercedes-Sportchef Norbert Haug glänzte vor den TV-Mikrophonen mit einigen komplizierten Dreisatz-Rechnungen in punkto WM-Wertungen, bevor er den Fokus auf den nächsten Grand Prix in Barcelona richtete: "Insgesamt ein Sonntag zum Vergessen. Aber wir bauen den Lewis schon wieder auf. Abhaken und positiv auf die WM-Tabelle gucken. Stark ist nur, wer sich beim nächsten Mal besser konzentriert und einen besseren Job macht." McLaren-Mercedes-Teamchef Ron Dennis blies ins gleiche Horn: "Wir freuen uns auf Barcelona, und da haben wir mehr drauf, da bin ich mir sicher."

Zum Glück bleiben den Renningenieuren bis Barcelona noch drei Wochen Zeit. Die sollte McLaren-Mercedes auch nutzen, um den Rückstand auf Ferrari und BMW wettzumachen. Vor allem an den Sekunden nach dem Start sollten sie arbeiten. Denn die diesjährige Abschaffung der elektronischen Fahrhilfen wie etwa der Traktionskontrolle scheint sich vor allem für die britisch-deutsche Fahrgemeinschaft negativ ausgewirkt zu haben. Jahrelang als Blitzstarter bekannt, muss sie jetzt erst einmal wieder das Anfahren lernen.

Oder es sich von Ferrari abschauen. Schon beim Start sorgten die Italiener für klare Verhältnisse und wirbelten das Qualifying-Klassement durcheinander. Felipe Massa übernahm die Spitze, Kimi Räikkönen als amtierender Weltmeister nahm Robert Kubica (BMW-Sauber) nach dem besten Überhol-Manöver des Rennens außen herum den zweiten Platz weg. Massa aber wiederholte seinen Erfolg vom Vorjahr und sicherte Ferrari den 77. Doppelsieg der WM-Geschichte.

Allerdings übernahm BMW-Sauber vor den Italienern die Führung in der Konstrukteurswertung. Und sorgt mit konstant guten Ergebnissen für eine wiederum spannende WM. Denn in dieser Saison haben nicht nur drei Teams Chancen auf den Titel, sondern erstaunlicherweise gleich sechs Fahrer. Dazu gehört trotz des heutigen Debakels sicherlich auch Hamilton.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.