Portos Moussa Marega Terminators unmögliche Karriere

Mit 21 stürmte Portos Moussa Marega noch in der sechsten Liga. Sechs Jahre später haben nur Lionel Messi und Robert Lewandowski mehr Treffer in dieser Champions-League-Saison erzielt. Wie hat er das geschafft?

Moussa Marega: "Es ist erstaunlich, dass ich dieses Niveau erreicht habe"
PATRICIA DE MELO MOREIRA / AFP

Moussa Marega: "Es ist erstaunlich, dass ich dieses Niveau erreicht habe"

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Es gibt das manchmal, dass etwas sehr kitschig ist und trotzdem schön. So wie Anfang März, als Moussa Marega, ein in Deutschland bis zu dieser Saison nahezu unbekannter Stürmer, 24 Kinder aus dem französischen Städtchen Évry zu seinem FC Porto einlud.

Sie durften das Rückspiel im Champions-League-Achtelfinale gegen den AS Rom sehen. Porto gewann 3:1 in der Verlängerung und steht im Viertelfinale, wo die Portugiesen im Hinspiel an diesem Dienstag beim FC Liverpool antreten (21 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: DAZN).

Für Marega war die Partie gegen Rom der bisher größte Moment seiner Karriere. Dass die Kinder aus Évry live dabei zusahen, dürfte den malischen Nationalstürmer daran erinnert haben, wie weit doch sein Weg gewesen ist.

Denn bis er 21 war, spielte Marega noch für den Évry FC in der sechsten französischen Liga. Sechs Jahre später erzielte er gegen Rom sein sechstes Tor in dieser Champions-League-Saison. Damit liegt er hinter Lionel Messi und Robert Lewandowski (je acht) auf Platz drei in der Torschützenliste. "Wenn ich zurückschaue auf meine Karriere, ist es erstaunlich, dass ich dieses Niveau erreicht habe", sagt der 27-Jährige in einem Interview mit SFR Sport.

Der Sohn malischer Einwanderer wuchs unweit von Évry auf, in der Pariser Banlieue Les Ulis, wo es viel Armut gibt und der Fußball eine Exit-Strategie ist. Thierry Henry hat es von dort nach oben geschafft.

Der junge Marega war nicht so elegant wie Henry. Er war kräftig, ein bisschen ungelenk, aber schnell - und er besaß eine besondere Lernfähigkeit. Das hat ihm zu einer Karriere verholfen, die im modernen Fußball selten geworden ist.

In Tunesien wäre seine Laufbahn fast versandet

"Moussa ist die Ausnahme von der Regel. Man muss lange suchen, um einen zweiten Fall wie ihn zu finden", sagt Sancho Freitas dem SPIEGEL. Freitas ist ein portugiesischer Spielerberater. Einst arbeitete er als Finanzchef beim Erstligisten Marítimo Funchal. Zu dieser Zeit holte Marítimo Marega von der Tribüne des tunesischen Rekordmeisters Espérance Tunis nach Portugal. In Tunesien drohte seine Karriere zu versanden.

Von Évry war Marega 2012 nach Le Poiré-sur-Vie in die fünfte französische Liga wechselte. Von dort ging er zum Drittligisten SC Amiens. Mit 22, einem Alter, in dem man heute schon fast als gescheitert gilt, wenn man es noch nicht in die erste Etage geschafft hat, spielte Marega zum ersten Mal Profifußball. 2014 wechselte er nach Tunis. Aber weil der Klub zu viele Ausländer im Kader hatte, bekam Marega keine Spielerlaubnis. "Damals hat ihn sein Berater bei unserem Präsidenten angeboten", erzählt Freitas, "und wir haben sein Potenzial erkannt."

Marítimo verpflichtete Marega im Winter für nur 75.000 Euro, und er traf. In 16 Pflichtspielen in der Rückrunde erzielte er acht Tore und bereitete drei vor. Wegen seiner wuchtigen Spielweise nannten sie ihn schon in Frankreich "Terminator". In Portugal überzeugte er nun als Mittel- ebenso wie als Außenstürmer.

Wer keinen Hund hat, der jagt mit einer Katze

Der FC Porto kaufte ihn 2016. Und was danach passierte, zeigt, dass es sich bei Marega nicht um eine dieser typischen portugiesischen Transfer-Erfolgsgeschichten handelt, bei der ein Spieler an einem exotischen Ort gescoutet wird und später für eine exorbitante Summe ins Ausland wechselt. So war es einst bei James Rodríguez, Hulk oder Falcao. Marega musste sich langsam zu einem Stürmer von Format entwickeln.

Denn in Porto spielte er unter dem Trainer Nuno Espírito Santo zunächst nicht. "Die ersten vier Monate war ich angewidert vom Fußball. Ich war der kleine Spieler, über den alle lachten", sagt Marega. Porto lieh ihn an Vitória Guimarães aus, dort traf er unter Pedro Martins in 25 Ligaspielen 13-mal und bereitete sieben Treffer vor.

Der Schlüssel bei Marega waren die Trainer. Es gebe in Portugal eine Redensart, sagt Berater Freitas: "Wenn du keinen Hund hast, jagst du eben mit einer Katze." Viele portugiesische Trainer seien gut darin, aus ihren Spielern mehr herauszuholen, als sie auf den ersten Blick zu leisten im Stande sind. So sei es auch bei Sérgio Conceição. Der ehemalige portugiesische Nationalspieler beorderte Marega nach einem Jahr in Guimarães zurück nach Porto, wo Conceição nun Trainer war. Und er gab seinem Stürmer Selbstsicherheit: "Ich verdanke ihm sehr viel", sagt Marega.

2018 führte er den FC Porto mit 22 Treffern und fünf Vorlagen zur Meisterschaft. Er war nun ein Spieler, für den ausländische Klubs viel Geld zahlen wollten. West Ham United buhlte um ihn, auch Everton soll interessiert gewesen sein. Aber Porto tat, wofür portugiesische Klubs bekannt sind: hart verhandeln. 40 Millionen Euro hatte Porto in Maregas Vertrag als feste Ablöse geschrieben. Zu viel.

Das führte fast zum Bruch. Weil Marega seinen Wechsel erzwingen wollte, suspendierte ihn Porto zu Saisonbeginn für zwei Spiele. Am Ende stand ein neuer Vertrag für Marega zu verbesserten Bezügen und die Streichung der Ausstiegsklausel.

Nur 13 Versuche für sechs Tore

Neben den sechs Treffern in der Champions League hat Marega auch einen Rekord eingestellt: Er hat nun in sechs Spielen in Serie jeweils ein Tor erzielt, was vor ihm nur fünf Spielern in der Königsklasse gelungen ist - darunter Cristiano Ronaldo und Ruud van Nistelrooy. Erneut sollen englische Klubs interessiert sein. Und Marega zieht es in die Premier League: "Schon als Kind habe ich davon geträumt", sagt er.

Mit Porto kann er nun in Liverpool vorspielen, wo er für das Team von Trainer Jürgen Klopp gefährlich werden könnte. Vor allem seine Effizienz vor dem Tor ist außergewöhnlich: Für seine sechs Treffer benötigte Marega nur 13 Versuche, Messi und Lewandowski brauchten für ihre je acht Treffer deutlich mehr (36 und 26).

"Wenn ein Klub Marega im Sommer kaufen will, dann wird das teuer", glaubt deshalb der Transfermarkt-Experte Freitas. Aber vielleicht lohnt es sich. Der neue Verein bekäme ja nicht nur einen guten Stürmer, sondern auch eine ziemlich gute Geschichte.

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