Fotostrecke

Bernie Ecclestone: Wortkarg und steinreich

Foto: Bodo Müller/ dpa

F1-Boss Ecclestone "Die Formel 1 darf niemals politisch sein"

Für Bernie Ecclestone ist Sebastian Vettel auch in diesem Jahr der große Favorit auf den Titel. Der Formel1-Boss spricht im SPIEGEL-ONLINE-Interview über die Absage des Grand Prix in Bahrain, künstlichen Regen zur Steigerung der Spannung - und eine Frau als Nachfolgerin.

Bernie Ecclestone erscheint pünktlich. Das so genannte Interviewzimmer in seinem Büro im Londoner Stadtteil Kensington ist schlicht. Ein großer, ovaler Glastisch mit zehn Stühlen füllt den Raum. Der Chefvermarkter der Formel 1 hat ausreichend Zeit für das Interview mit SPIEGEL ONLINE eingeplant. "Wir können über alles reden. Nur nicht über die Sache mit CVC in München. Die Anwälte haben mir geraten, keinen Kommentar abzugeben", sagt der 80-Jährige über die staatsanwaltlichen Ermittlungen wegen angeblicher Millionen-Zahlungen der BayernLB an Ecclestone und eine ihm nahestehende Firma.

SPIEGEL ONLINE: Herr Ecclestone, die Absage des Großen Preises von Bahrain hat für Schlagzeilen gesorgt. Gibt es Pläne, das Rennen nachzuholen?

Fia

von Bahrain

Jean Todt

Bernie Ecclestone: Dafür muss die erstmal den Rennkalender ändern. Das ist wiederum Sache des Fia-World Councils, der mit seinen Delegierten Mitte März das nächste Mal zusammentrifft. Die Veranstalter müssten dazu noch den entsprechenden Antrag stellen. Ich habe mit Fia-Präsident darüber gesprochen. Wir müssten also im Fall der Fälle eine entsprechende Terminlücke finden. Eine Entscheidung muss aber auf jeden Fall vor Saisonstart fallen.

SPIEGEL ONLINE: Hätte der Bahrain GP früher abgesagt werden müssen?

Ecclestone: Nein, das war nicht möglich. Kurz vor der Krise war der Kronprinz noch mit mir zusammen. Er sprühte vor Ideen über die Zukunft. Und dann, schnapp, ging alles plötzlich los. Es war kaum Zeit zu reagieren. Natürlich brauchten wir um den 21. Februar herum eine Entscheidung. Das sagte ich ihm auch. Er fragte mich daher, was ich an seiner Stelle tun würde: Ich antwortete ihm: "Du bist im Land. Wir sind hier in Europa nicht in der Situation, die Dinge beurteilen zu können. Du musst entscheiden, was Du verantworten kannst, was jetzt das Wichtigste ist für euer Land." Deshalb entschied er dann, das Rennen erst mal abzusagen.

Formel

SPIEGEL ONLINE: Kritiker sagen, die -1-Verantwortlichen, auch die Motorsportbehörde Fia ist damit gemeint, habe sich nicht klar zu den politischen Zuständen in Bahrain geäußert. Wie politisch darf die Formel 1 in Ihren Augen sein?

Ecclestone: Sie darf niemals politisch sein. Besonders dann nicht, wenn es dazu noch um religiöse Konflikte geht. Man muss das so sehen: Meine Aufgabe ist es, für das gesamte Paket Formel 1 die besten Deals auszuhandeln und damit auch Arbeitsplätze zu sichern. Mehr als 5000 Leute haben Jobs, die mittelbar oder unmittelbar mit der Formel 1 zu tun haben. Meine Aufgabe ist es aber nicht, Politik zu machen. Dafür haben wir Politiker.

SPIEGEL ONLINE: Die Teammanager, die für die Logistik verantwortlich sind, halten ein Ersatzrennen für Bahrain aus organisatorischen Gründen nur in Europa für möglich.

Ecclestone: Es ist ganz einfach: Wir brauchen weder ein zusätzliches Rennen in Europa noch sonstwo. Wir brauchen ein Rennen in Bahrain. Wenn der Kronprinz der Meinung ist, dass sein Land wieder in der Lage ist, den Grand Prix auszutragen, wenn also keine Gefahr mehr darstellt, dorthin zu reisen, dann werden wir nach Bahrain zurückkehren.

Michael Schumacher

SPIEGEL ONLINE: Kommen wir zu den sportlichen Aspekten: Eine Frage, die fast jeder gerne beantwortet hätte: Kann wieder Rennen und den Titel gewinnen?

Ecclestone: Daran habe ich keine Zweifel. Wenn er ein konkurrenzfähiges Auto hat, wird er ein Titelanwärter sein.

Niki Lauda

SPIEGEL ONLINE: Es gab in der Geschichte der Formel 1 mit und Alain Prost aber nur zwei Weltmeister, die nach einem Rücktritt fähig waren, die WM nochmal zu gewinnen.

McLaren

Williams

Ecclestone: Da sehe ich aber Unterschiede. Niki gewann zwei Titel, bevor er zurücktrat, Alain Prost drei. Michael trat aber als siebenmaliger Weltmeister ab. Dazu kommt: Beide, Lauda mit und Prost mit , starteten ihr Comeback mit absoluten Topteams. Das war bei Mercedes in der vergangenen Saison nicht der Fall. Michael ist körperlich topfit und motiviert bis in die Haarspitzen. Wenn du mit ihm redest, spürst du das. Er will den Sieg mehr als alles andere. Wenn Mercedes ihm also ein Toppauto baut, kann er wieder gewinnen.

Vettel

Alonso

Hamilton

Button

SPIEGEL ONLINE: Kann es nicht sein, dass die Konkurrenz heute für Schumacher viel größer ist? Lauda und Prost hatten keinen , , oder , gegen die sie fahren mussten.

Robert Kubica

Ecclestone: Da stimme ich zu. Früher gab es nicht so viele so genannte "First Class Guys". Da konnten maximal drei Piloten die WM gewinnen, verteilt auf zwei Teams. Heute haben wir vier oder sogar fünf Teams, die Rennen gewinnen können. Das heißt, es gibt acht oder neun Fahrer, die die Möglichkeit haben. Einer davon liegt leider im Moment im Krankenhaus. Denn zähle ich zu den Toppiloten.

Mark Webber

SPIEGEL ONLINE: Der Pole verunglückte vor kurzem im Rallyeauto. Andere, wie oder Michael Schumacher, hatten schwere Unfälle auf dem Fahrrad beziehungsweise Motorrad. Müssen Formel-1-Teams nicht langsam ihren Stars verbieten, andere gefährlichen Sportarten auszuüben?

Ecclestone: Eins vorneweg - gerade Kubicas Unfall zeigt doch: Wenn einer sich aussuchen könnte, mit welchem Auto er einen Unfall hat, würde er einen Formel-1-Wagen nehmen. Kubicas Unfall in Kanada 2007 sah ja wirklich schlimm aus. Aber er stieg danach aus mit einer leichten Gehirnerschütterung und einem verstauchten Knöchel. Das zeigt: Die Formel 1 ist sicher wie nie. Fahrern irgendwelche Sachen zu verbieten bringt doch gar nichts. Soll ich ihnen den Geheimdienst auf den Hals hetzen, um sie immer zu kontrollieren?

Ecclestone über künstlichen Regen bei der Formel 1 - und die Qualitäten von Frauen

SPIEGEL ONLINE: Welchen Eindruck haben Sie nach den Testfahrten?

Red Bull

Ecclestone: Es sieht so aus als habe im Moment wieder das beste Auto. Die anderen müssen den Vorsprung bis zum Saisonstart noch aufholen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn die anderen den Red-Bull-Vorsprung nicht aufholen können, wer ist dann bei Red Bull Ihr Favorit: Sebastian Vettel oder Mark Webber?

Ecclestone: Ganz klar: Sebastian.

SPIEGEL ONLINE: Er steht ja mit seinen 23 Jahren noch mehr oder weniger am Anfang seiner Karriere. Wie lang wird er noch bei Red Bull fahren?

Ferrari

Ecclestone: Im Moment gibt es keinen Grund für ihn, das Team zu wechseln. Aber irgendwann sehe ich ihn bei . Machen wir uns nichts vor: Jeder Formel-1-Fahrer hat den Wunsch, irgendwann für Ferrari zu fahren.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Ihnen noch ein Team gehören würde: Welche Fahrer würden Sie nehmen, welches Team würden Sie gern führen, für welchen Teamchef würden Sie sich entscheiden und welchen Testfahrer würden Sie nehmen?

Ecclestone: Sebastian Vettel und Fernando Alonso. Teamchef wäre ich selbst, weil ich sonst niemandem zutrauen würde, die beiden richtig zu behandeln. Gerade Alonso gilt ja als etwas schwieriger Charakter, was ich noch nicht mal glaube. Aber andere sind ja schon an ihm gescheitert. Das Team könnte nur Ferrari sein. Wegen des Mythos', weil ich den alten Enzo gekannt habe und weil Ferrari ganz einfach speziell ist. Der Testfahrer wäre entweder ein Fahrer, der viel Geld hat oder Nico Hülkenberg. Der Junge ist gut und hat Perspektive.

SPIEGEL ONLINE: Vettel hat zuletzt die "immer radikaleren" Wege in der Formel 1 kritisiert. Er bezieht sich besonders auf den verstellbaren Heckflügel, der seiner Meinung nur gebaut wurde, um die Fernsehzuschauer zufrieden zu stellen. Können Sie seine Kritik nachvollziehen?

Ecclestone: Er hat Recht. Die Sache ist nur sehr schwer von den Rennkommissaren zu kontrollieren, weil das Fenster, in dem du das System aktivieren darfst, sehr klein ist. Es könnte eine Menge Proteste deswegen geben. Und das System erscheint mir auch sehr gefährlich zu sein. Was ist, wenn der Flügel vor der Kurve nicht rechtzeitig wieder hochkommt und so der Fahrer nicht den Abtrieb hat, den er braucht? Das könnte Unfälle geben. Wir müssen das genau beobachten.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie andere Ideen, wie man das Spektakel sinnvoll verbessern kann?

Ecclestone: Ich bleibe dabei: Lasst uns statt Punkte Medaillen verteilen, wie bei den Olympischen Spielen. Die Fahrer fahren doch, um Rennen zu gewinnen, nicht um Zweiter, Dritter oder Vierter zu werden. Also müssen wir ein System finden, bei dem Siege zählen. In der vergangenen Saison hätte das schon prima funktioniert. Vettel und Alonso wären nach dem letzten Rennen gleichauf gewesen mit jeweils fünf Siegen beziehungsweise Goldmedaillen und derselben Anzahl von Silber -und Bronzemedaillen. Vettel wäre am Ende Weltmeister geworden, weil er mehr vierte Plätze gehabt hätte. Das nenne ich doch superspannend.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es noch andere Ideen?

Ecclestone: Ja. Schauen wir uns die Rennen von heute doch mal an: Überholen ist nahezu unmöglich, weil es im Trockenen nur eine Linie gibt, auf der man den maximalen Speed fahren kann. Das hängt mit dem Reifenabrieb zusammen, der auf der Strecke liegt. Neben der Linie mit dem abgefahrenen Gummi hast du doch keine Chance, überhaupt in die richtige Position zu kommen. Ganz anders ist es im Regen. Da gibt es viele verschiedene Linien, wir erlebten die spannendsten Rennen. Da könnte man ja mal nachhelfen…

SPIEGEL ONLINE: Nachhelfen?

Ecclestone: Ja. Es gibt doch heute schon Rennstrecken, die man künstlich benetzen kann. Es wäre leicht, solche Systeme auf jeder Rennstrecke zu haben. Warum können wir es nicht mitten in einem Rennen künstlich "regnen" lassen. Für 20 Minuten oder für die letzten zehn Runden? Vielleicht mit einer Vorwarnung von zwei Minuten. Da wäre Spannung garantiert und es wäre am Ende für alle gleich.

SPIEGEL ONLINE: Wie fair ist die Formel 1? Teams mit geringen Budgets können doch kaum noch aufs Podium fahren.

Ecclestone: Es ist nicht fair, wenn ein Team mit einem Budget von 60 Millionen Euro gegen ein Team fahren muss, dem 300 Millionen zur Verfügung stehen. Aber das ist eben so. Im Fußball gibt es diese Art von "Unfairness" auch. Da gibt es Mannschaften wie Real Madrid oder Bayern München, die können locker 60 Millionen für neue Spieler ausgeben. Andere können das nicht. Das Leben an sich ist nicht fair.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem: Die Binsenweisheit "Geld regiert die Welt" trifft also doch zu?

Ecclestone: Sex und Geld regieren die Welt. Ich bin ziemlich sicher, in nicht mehr all zu langer Zeit werden Frauen deshalb zu 50 Prozent die wichtigsten Entscheidungsträger in Wirtschaft und Politik sein. Und dieses Mal ganz offiziell. Denn machen wir uns nichts vor: Frauen mischten im Hintergrund schon immer kräftig mit. Sie hatten immer schon einen mächtigen Einfluss.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt ja fast so, dass Sie sich durchaus eine Frau als Ihren Nachfolger vorstellen können?

Ecclestone: Absolut. Vielleicht schon in drei oder fünf Jahren.

Das Interview führte Ralf Bach