Formel 1 am Persischen Golf Perle im Premium-Emirat

Mit dem Yas Marina Circuit von Abu Dhabi wurde der Grand-Prix-Zirkus um eine große Attraktion bereichert: den spektakulärsten, teuersten und modernsten Kurs der Formel 1. Sebastian Vettel feierte die Premiere in der Wüste des Emirats mit Rang eins, Red Bull mit einem Doppelsieg.

Getty Images

Aus Abu Dhabi berichtet Hartmut Lehbrink


Schon bei der Anreise auf der E11 aus Richtung Dubai wird der Grand-Prix-Pilger auf riesigen Tafeln am Wegesrand mit Parolen eingestimmt, die selbst einen ermatteten Alt-Achtundsechziger nachhaltig vergrämen würden: "Du bist ein Kapitalist - schlage Kapital daraus", heißt es da ermunternd. Oder: "Lang lebe die Ambition." Oder: "Das Leben ist eine Auster. Knack' die Schale und hol' dir die Perle heraus." Beglaubigt werden sie mit Konterfeis von Scheichs mit visionärem Adlerblick, manchmal auf griechische Säulen gelagert.

Zugleich nimmt die Dichte an Moscheen zu, filigrane Gotteshäuser, die ihre schlanken Minarette durch bräunlich-gelblichen Sanddunst in den blassblauen Himmel stechen. Und schließlich, inmitten eines Meeres von Beton, dieser Formel-1-Kurs. Nach dem gefühlten Finale vierzehn Tage zuvor in den Randbezirken des Molochs São Paulo gönnt sich die Formel 1 den Yas Marina Circuit als weitere Perle in der Schmuck-Schatulle des Emirats Abu Dhabi. Die "geilste Schau der Erde" (Formel-1-Boss Bernie Ecclestone) ist zu Gast an einem einzigartigen Schauplatz - zwei Superlative treffen aufeinander.

Der Formula 1 Etihad Airways Abu Dhabi Grand Prix ist gleichwohl Regietheater: Vor der Majestät von Inszenierung, Kulisse und Requisite verblassen das Stück selbst und seine Protagonisten. Vorbei sind die Zeiten, als Pisten wie Spa oder der alte Nürburgring aus dem finsteren Tann von Eifel und Ardennen gehauen wurden. Strukturfördernde Maßnahmen sehen heute so aus wie am Golf, vor allem wenn sie vom großen Geld gepowert werden. "Das ist halt so, und es ist auch gut so", sagt Jackie Stewart, Weltmeister von 1969, 1971 und 1973, ohne Nostalgie. "Wir leben heute und nicht in der Vergangenheit." Allerdings: "Ein Sieg auf dem 'Ring' war damals so etwas wie ein Ritterschlag. Mit diesen neuen Strecken ist eine große Beliebigkeit eingekehrt."

"Jungfernfahrt unter Volllast"

Architekt Hermann Tilke räumt freimütig ein, er sei noch immer ziemlich aufgeregt, wenn eine neue Strecke gebaut werde. Da könne so vieles schief gehen, vor allem scheinbare Kleinigkeiten wie der Wasserdruck, ein geplatztes Rohr oder die Klimaanlage, in einem so gigantischen und komplexen Umfeld. "Wir machen hier so etwas wie eine Jungfernfahrt unter Volllast. Das ist schon spannend", sagt er. Marc Surer, ehemaliger Formel-1-Pilot und nun TV-Kommentator, wählt im Vorfeld mit Bedacht ein Bild aus einem anderen Lebensbereich. Auf eine brandneue Rennstrecke hinauszufahren, das sei wie die Begegnung mit einer neuen Frau: "Man betastet einander, und erst nach ein paar Erfahrungen weiß man, ob's was taugt."

Im Falle des Yas Marina Circuit taugt's was - ohne Zweifel ein großer Wurf. Enthusiastisch fallen denn auch die Rückmeldungen aus: "perfekt","unglaublich", "phantastisch", "absolut traumhaft". Die Anlage biete den Teams ein einmaliges Forum, sich zu präsentieren, lobt Renault-Teamchef Bob Bell. Mario Theissen, sein Kollege bei BMW, zeigt sich sehr angetan von den geradezu luxuriösen Arbeitsbedingungen. Das Rennen habe das Zeug zum Klassiker - im Unterschied zum scheidenden eigenen Rennstall. "Ich finde einfach nichts, woran ich etwas aussetzen könnte", sagt Force-India-Pilot Adrian Sutil.

Vom grandiosen Stil des Wüsten-Spektakels zeugt allein schon der Aufwand, der am Donnerstag bei einem VIP-Empfang betrieben wurde: Eine halbe Stunde vor Beginn wird eine schneeweiße Sitzlandschaft aus rund 20 Sofas unweit des Hafens in die wohlige Wärme des Abends entladen. Anschließend gibt es Champagner und erlesene Häppchen aus dem Fundus des sündhaft teuren Paddock Club. Aus der Ferne hämmert der Beat eines Beyoncé-Knowles-Konzerts herüber.

Ein Formel-Rennen im Grenzbereich

Ross Brawn zollt vor allem Formel-1-Impresario Ecclestone Lob: "Der lässt sich immer wieder etwas einfallen, um die Aufmerksamkeit der Welt auf unseren Sport zu ziehen." In der Tat: Bei allen Anklängen an bereits real existierende Kurse wie Monte Carlo, Valencia oder Paul Ricard zeichnet sich das Milliarden-Projekt am persischen Golf neben seiner Opulenz durch eine Reihe von Premieren aus - ein Formel-Rennen im Grenzbereich zwischen dem Untergehen einer am Ende milchig in den Horizont abtauchenden Sonne und blaugoldener Mondnacht. Das sei, weiß Tilke, ein toller Einfall von Ecclestone und Chaldun al-Mubarak, dem Vorsitzenden des Abu Dhabi Motorsports Management ADMM.

Nachts erglühen die 5000 gläsernen Facetten eines über dem Kurs gespannten gigantischen stilisierten Fischernetzes in magischem Licht, gespendet von einem raffinierten LED-System. Nur hier zu finden: der Tunnel am Ende der Boxengasse, der Hamilton, Vettel und Co. zurück auf die Rennstrecke spuckt. Ein weiteres Novum: Dächer über sämtlichen Tribünen spenden willkommenen Schatten.

Doch das Idyll ist bedroht, unübersehbar die Präsenz von Polizei und handverlesenen Security-Kräften. Überall werden Autos gefilzt und Teilnehmer, Tross und Zuschauer durch piepsende Schleusen gefiltert wie vor dem Betreten des Flugsteigs. Wo so viel Macht und Marmor entfaltet werden, ist allemal Wachsamkeit angesagt.

insgesamt 74 Beiträge
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Seite 1
derpolokolop 18.10.2009
1.
Ach je, jetzt gehts los... Ja, er hats verdient. Er hat die meisten Punkte gesammelt.
averell 18.10.2009
2. ...
weltmeister ist, wer am ende die meisten punkte hat. und wer die meisten punkte hat, hat es verdient. und nächste saison starten alle bei null punkten und haben die gleichen chancen. :P
jackweil 18.10.2009
3.
Zitat von sysopJenson Button darf sich nach einer fulminanten Saison Formel-1-Weltmeister nennen. Hat der Brite den Titel verdient? Wird er ihn gar verteidigen können? Oder ist Sebastian Vettel der Fahrer der Zukunft?
Gratulation an Jenson Button! Ja, sicher hat er es verdient. Gratulation aber auch an R. Brawn, erste Saison und gleich Fahrer- und Konstrukteursweltmeister. Hut ab. Eine Anmerkung noch. S. Vettel ist von RTL als der Konkurrent von Button hoch stilisiert worden, dabei war der ärgste Konkurrent Rubens Barrichello und nicht S. Vettel. Vettel wird ganz sicher seine Karriere in der F1 machen und im richtigen Team hoffentlich auch Weltmeister werden.
Realisti 19.10.2009
4. Dumme Frage
Natürlich, Jenson Button ist ein würdiger Weltmeister!! (Warum sollter er es nicht sein??) Was das Brawn-Team diese Saison abgeliefert hat ist sensationell! Da haben die anderen Teams, vor allem anfangs Saison ganz alt ausgesehen. BMW hat sogar die Nerven verloren und den Bettel hingeschmissen. Das grosse Ferrari-Team hat die Weiterentwicklung des 2009er Autos eingestellt.... zu grosser Rückstand.... Herzliche Gratulation ans gesamte Brawn-Team und die Fahrer Jenson Button und Rubens Barrichello. Das war Spitze!!
Terrorkater 19.10.2009
5. Ja
Natürlich hat er es verdient. Gutes Team, anfänglich weit besseres, später besseres Auto, wenig Fehler in den Rennen. Gratuliere!
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