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29. März 2009, 15:28 Uhr

Formel-1-Chaos

Mit Vollgas in den Regel-Dschungel

Von Frieder Schilling

Regelfragen, Proteste, Vorwürfe: Der überraschende Triumph des Brawn-GP-Teams in Melbourne hat die Unruhe in der Formel 1 noch gesteigert. Eine Entscheidung gibt es womöglich zwar schon Mitte April - ein Ende der gegenseitigen Attacken in dem Machtkampf ist jedoch noch lange nicht in Sicht.

Während der Siegerehrung schallte "God Save the Queen" aus den Boxen - eine in den vergangenen Jahren oft gehörte Hymne in der Formel 1. Bis vor wenigen Wochen hätte dazu jeder in der Mitte des Podests einen strahlenden Lewis Hamilton erwartet, unter dem Balkon die dazugehörige jubelnde Mercedes-Masse, gierig wartend auf die überdimensionierte Champagnerflasche. Doch der Australien-GP 2009 bot ein anderes Motiv: Nicht der Weltmeister durfte feiern, sondern sein Landsmann Jenson Button. Neben ihm, als Zweiter, Teamkollege Rubens Barrichello. Beide im Rennanzug des Brawn-GP-Teams. Nach den Tests und Trainingseindrücken keine Sensation, aber doch eine riesige Überraschung.

Im letzten Moment gerettet aus der Konkursmasse des ehemaligen Honda-Teams, erst wenige Stunden vor dem Qualifying mit dem Virgin-Imperium des Milliardärs Richard Branson den ersten Sponsor präsentiert und dann zur Premiere gleich ein Doppelsieg. Passend zum Sponsor ist dieser Triumph wie die Jungfrau zum Kinde gekommen. Mit Honda-Motor unter der Karbonverkleidung hatte man drei Jahre lang die Ziele verfehlt, jetzt plötzlich das überlegene Auto. Dem Brasilianer Barrichello fiel so beim gemeinsamen Umarmen mit Button und Teamchef Ross Brawn auch nicht viel mehr ein als ein ungläubiges: "Was für ein Auto". Eine Liebeserklärung an seinen Boliden vom mit 269 absolvierten Grand Prix erfahrensten Piloten im Feld.

Doch die Begeisterung könnte bald von einigen Nebenbuhlern gestört werden: Am 14. April verhandelt das Berufungsgericht des Weltautomobilverbandes Fia den Einspruch einiger Teams gegen ein Bauteil am Brawn-Renner, das auch an den Toyotas sowie bei Williams zu finden ist. Es geht um den wild diskutierten Diffusor am Unterboden der Hightech-Geschosse, um den das Brawn-Team ein siegfähiges Fahrzeug konstruiert hat. Verantwortlich für möglichst viel Abtrieb und somit Bodenhaftung, ist die Aerodynamik-Hilfe laut Testzeiten und Rennergebnis extrem wirksam.

Nicht regelkonform sagen die Beschwerdeführer - den Vorgaben entsprechend, entschieden die drei Rennkommissare in Melbourne. Resultat: Große Unsicherheit bis nach dem zweiten Rennen in Malaysia, das bereits kommenden Sonntag ausgetragen wird.

Unsicherheit auch deshalb, da es mehrere Entscheidungsszenarien gibt, auf die sich die Teams einstellen müssen. Zwei Wochen sind, speziell zu Beginn einer Saison, in der das Reglement Testfahrten verbietet und Zeiten im Windkanal streng reglementiert, eine lange Zeit.

Befindet die Fia-Instanz den Diffusor für regelwidrig, müssen Brawn GP, Williams und Toyota ihre Boliden umbauen. Bestätigt sie die Entscheidung der Rennkommissare in Australien, werden die anderen sieben Teams nicht umhin kommen, ihren Unterboden anzupassen. Bleibt die Frage der in den ersten zwei Rennen gewonnen Punkte. Ein Abzug erscheint unwahrscheinlich, die Tatsachenentscheidung vor Ort dürfte den Ausschlag geben.

Bei einer Prognose ist immer die Natur des Fia-Gerichts zu beachten. Es ist keine unabhängige Instanz, in der unabhängige Entscheidungsträger sitzen, sondern Teil der Fia, also eine sportinterne Einrichtung. In den vergangenen Jahren hat es häufig im Sinne der großen Teams entschieden. Äußerst selten jedoch bekamen bei Berufungsverhandlungen die klagenden Rennställe Recht: "Irgendjemand hat ausgerechnet, dass nur vier Prozent der Fälle beim Fia-Berufungsgericht gewonnen wurden", sagte Mercedes-Sportchef Norbert Haug dem Sport-Informations-Dienst sid.

Ein Votum für die Regelinterpretation der Beklagten würde einen enormen finanziellen Aufwand für die sieben verbleibenden Teams bedeuten. Ein Argument, dass bei der kostenreduzierenden Fia sicherlich Gehör findet. BMW-Pilot Nick Heidfeld bezweifelte sogar, dass sein Team den Diffusor in dieser Form während der laufenden Saison nachbauen könnte. Immerhin könne man "nicht alles an unserem Auto so kurzfristig ändern".

Unabhängig davon wie die Entscheidung ausfällt - die Unruhe in der Formel 1 wird bleiben. Und die Unsicherheit, die Teile des neuen Reglements mit sich bringen. Toyota wurde nach dem Qualifying von Melbourne aus den Ergebnislisten gestrichen, die Fia monierte einen zu flexiblen Heckflügel. Williams klagte gegen Ferrari und Red Bull. Deren Autos seien "illegal", hieß es in der diffusen Begründung. Bevor genaueres bekannt wurde, zog der Rennstall den Protest zurück. Eine Retourkutsche? Der Stimmung unter den Teams war das sicherlich nicht förderlich.

Verständlich aber ist die Verteidigungshaltung von Williams, Toyota und Brawn GP. Früh fingen die Teams in der vergangen Saison an, ihre Boliden für 2009 zu konzipieren. Sie gaben das Jahr 2008 praktisch auf, interpretierten die Regularien möglicherweise ein bisschen mutiger als die anderen und sind von der Legalität ihrer Idee aber zweifellos überzeugt. Es ist unwahrscheinlich, dass gleich drei Teams bewusst das Risiko eingehen sollten, die Regeln zu brechen. Denn auch sie wissen: In der Formel 1 belauern sich die Teams gegenseitig, Geheimnisse bleiben nur selten ungelüftet.

Es sieht also aus, als sei Ross Brawn mal wieder ein Geniestreich gelungen. Der gern als "Superhirn" titulierte Brite hatte ja schon große Anteile an der Ferrari-Dominanz unter Rekordweltmeister Michael Schumacher zu Beginn des Jahrtausends. Nun könnte er ein neues Kapitel Formel-1-Geschichte schreiben und seinen Stempel der Königsklasse des Motorsports noch sichtbarer aufdrücken. Jenson Button hat dies nach jahrelangem Hinterherfahren auch vor. Seine Prognose kurz nach der Zieldurchfahrt: "Das wird ein großartiges Jahr."

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