Formel-1-Chaos Mit Vollgas in den Regel-Dschungel

Regelfragen, Proteste, Vorwürfe: Der überraschende Triumph des Brawn-GP-Teams in Melbourne hat die Unruhe in der Formel 1 noch gesteigert. Eine Entscheidung gibt es womöglich zwar schon Mitte April - ein Ende der gegenseitigen Attacken in dem Machtkampf ist jedoch noch lange nicht in Sicht.

Von Frieder Schilling


Während der Siegerehrung schallte "God Save the Queen" aus den Boxen - eine in den vergangenen Jahren oft gehörte Hymne in der Formel 1. Bis vor wenigen Wochen hätte dazu jeder in der Mitte des Podests einen strahlenden Lewis Hamilton erwartet, unter dem Balkon die dazugehörige jubelnde Mercedes-Masse, gierig wartend auf die überdimensionierte Champagnerflasche. Doch der Australien-GP 2009 bot ein anderes Motiv: Nicht der Weltmeister durfte feiern, sondern sein Landsmann Jenson Button. Neben ihm, als Zweiter, Teamkollege Rubens Barrichello. Beide im Rennanzug des Brawn-GP-Teams. Nach den Tests und Trainingseindrücken keine Sensation, aber doch eine riesige Überraschung.

Im letzten Moment gerettet aus der Konkursmasse des ehemaligen Honda-Teams, erst wenige Stunden vor dem Qualifying mit dem Virgin-Imperium des Milliardärs Richard Branson den ersten Sponsor präsentiert und dann zur Premiere gleich ein Doppelsieg. Passend zum Sponsor ist dieser Triumph wie die Jungfrau zum Kinde gekommen. Mit Honda-Motor unter der Karbonverkleidung hatte man drei Jahre lang die Ziele verfehlt, jetzt plötzlich das überlegene Auto. Dem Brasilianer Barrichello fiel so beim gemeinsamen Umarmen mit Button und Teamchef Ross Brawn auch nicht viel mehr ein als ein ungläubiges: "Was für ein Auto". Eine Liebeserklärung an seinen Boliden vom mit 269 absolvierten Grand Prix erfahrensten Piloten im Feld.

Doch die Begeisterung könnte bald von einigen Nebenbuhlern gestört werden: Am 14. April verhandelt das Berufungsgericht des Weltautomobilverbandes Fia den Einspruch einiger Teams gegen ein Bauteil am Brawn-Renner, das auch an den Toyotas sowie bei Williams zu finden ist. Es geht um den wild diskutierten Diffusor am Unterboden der Hightech-Geschosse, um den das Brawn-Team ein siegfähiges Fahrzeug konstruiert hat. Verantwortlich für möglichst viel Abtrieb und somit Bodenhaftung, ist die Aerodynamik-Hilfe laut Testzeiten und Rennergebnis extrem wirksam.

Nicht regelkonform sagen die Beschwerdeführer - den Vorgaben entsprechend, entschieden die drei Rennkommissare in Melbourne. Resultat: Große Unsicherheit bis nach dem zweiten Rennen in Malaysia, das bereits kommenden Sonntag ausgetragen wird.

Unsicherheit auch deshalb, da es mehrere Entscheidungsszenarien gibt, auf die sich die Teams einstellen müssen. Zwei Wochen sind, speziell zu Beginn einer Saison, in der das Reglement Testfahrten verbietet und Zeiten im Windkanal streng reglementiert, eine lange Zeit.

Befindet die Fia-Instanz den Diffusor für regelwidrig, müssen Brawn GP, Williams und Toyota ihre Boliden umbauen. Bestätigt sie die Entscheidung der Rennkommissare in Australien, werden die anderen sieben Teams nicht umhin kommen, ihren Unterboden anzupassen. Bleibt die Frage der in den ersten zwei Rennen gewonnen Punkte. Ein Abzug erscheint unwahrscheinlich, die Tatsachenentscheidung vor Ort dürfte den Ausschlag geben.

Bei einer Prognose ist immer die Natur des Fia-Gerichts zu beachten. Es ist keine unabhängige Instanz, in der unabhängige Entscheidungsträger sitzen, sondern Teil der Fia, also eine sportinterne Einrichtung. In den vergangenen Jahren hat es häufig im Sinne der großen Teams entschieden. Äußerst selten jedoch bekamen bei Berufungsverhandlungen die klagenden Rennställe Recht: "Irgendjemand hat ausgerechnet, dass nur vier Prozent der Fälle beim Fia-Berufungsgericht gewonnen wurden", sagte Mercedes-Sportchef Norbert Haug dem Sport-Informations-Dienst sid.

Ein Votum für die Regelinterpretation der Beklagten würde einen enormen finanziellen Aufwand für die sieben verbleibenden Teams bedeuten. Ein Argument, dass bei der kostenreduzierenden Fia sicherlich Gehör findet. BMW-Pilot Nick Heidfeld bezweifelte sogar, dass sein Team den Diffusor in dieser Form während der laufenden Saison nachbauen könnte. Immerhin könne man "nicht alles an unserem Auto so kurzfristig ändern".

Unabhängig davon wie die Entscheidung ausfällt - die Unruhe in der Formel 1 wird bleiben. Und die Unsicherheit, die Teile des neuen Reglements mit sich bringen. Toyota wurde nach dem Qualifying von Melbourne aus den Ergebnislisten gestrichen, die Fia monierte einen zu flexiblen Heckflügel. Williams klagte gegen Ferrari und Red Bull. Deren Autos seien "illegal", hieß es in der diffusen Begründung. Bevor genaueres bekannt wurde, zog der Rennstall den Protest zurück. Eine Retourkutsche? Der Stimmung unter den Teams war das sicherlich nicht förderlich.

Verständlich aber ist die Verteidigungshaltung von Williams, Toyota und Brawn GP. Früh fingen die Teams in der vergangen Saison an, ihre Boliden für 2009 zu konzipieren. Sie gaben das Jahr 2008 praktisch auf, interpretierten die Regularien möglicherweise ein bisschen mutiger als die anderen und sind von der Legalität ihrer Idee aber zweifellos überzeugt. Es ist unwahrscheinlich, dass gleich drei Teams bewusst das Risiko eingehen sollten, die Regeln zu brechen. Denn auch sie wissen: In der Formel 1 belauern sich die Teams gegenseitig, Geheimnisse bleiben nur selten ungelüftet.

Es sieht also aus, als sei Ross Brawn mal wieder ein Geniestreich gelungen. Der gern als "Superhirn" titulierte Brite hatte ja schon große Anteile an der Ferrari-Dominanz unter Rekordweltmeister Michael Schumacher zu Beginn des Jahrtausends. Nun könnte er ein neues Kapitel Formel-1-Geschichte schreiben und seinen Stempel der Königsklasse des Motorsports noch sichtbarer aufdrücken. Jenson Button hat dies nach jahrelangem Hinterherfahren auch vor. Seine Prognose kurz nach der Zieldurchfahrt: "Das wird ein großartiges Jahr."



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Michael KaiRo 16.01.2009
1.
Zitat von sysopNeue Autos, neue Regeln, neue Technik: Die Formel 1 sieht 2009 ganz anders aus. Doch ändern sich damit auch die Kräfteverhältnisse? Wer ist Ihr Titelfavorit, was halten Sie von den Neuerungen in der Königsklasse?
Die Regeländerungen sehe ich weitgehendst positiv - diese dummen zigfachen Flaps sahen sowieso eher müllig aus. Hätte aber noch das "Umkleiden" der Rückspiegel wie es Ferrari jetzt getan hat, verboten - die waren wohl clever und fanden ne Lücke ;-) Die Kräfteverhältnisse dürften sich wohl eher marginal verschieben. Da bleibe ich Realist. Vor allem wünsche ich mir, dass mehr Entscheidungen auf der Rennstrecke fallen als am grünen Tisch. Aber das dürfte wohl Wunschdenken bleiben. Die Meisterschaft wird immer (nach Möglichkeit) bis zum letzten Rennen offen gehalten werden, egal ob Regelkonfrom oder nicht. Ansonsten: Schade, dass es die Sportwagen-WM der Prototypen nicht mehr gibt :-(
Cholerix, 16.01.2009
2.
Zitat von Michael KaiRoDie Regeländerungen sehe ich weitgehendst positiv - diese dummen zigfachen Flaps sahen sowieso eher müllig aus. Hätte aber noch das "Umkleiden" der Rückspiegel wie es Ferrari jetzt getan hat, verboten - die waren wohl clever und fanden ne Lücke ;-) Die Kräfteverhältnisse dürften sich wohl eher marginal verschieben. Da bleibe ich Realist. Vor allem wünsche ich mir, dass mehr Entscheidungen auf der Rennstrecke fallen als am grünen Tisch. Aber das dürfte wohl Wunschdenken bleiben. Die Meisterschaft wird immer (nach Möglichkeit) bis zum letzten Rennen offen gehalten werden, egal ob Regelkonfrom oder nicht. Ansonsten: Schade, dass es die Sportwagen-WM der Prototypen nicht mehr gibt :-(
Dem würde ich mich nachdrücklich anschlieesen wollen ! Was die 2009er F1 anbelangt: Potthäääässlich. Bislang hatten Autorennen auch stets ein ästhetisches Element. Das Thema ist in der F1 nun aber durch. Bedingt durch die Regeländerungen ist da nun was entstanden, was noch grauenhafter aussieht als in den Vorjahren diese ganzen angepappten aerodynamischen Hilfkonstruktionen. Ich fürchte, das könnte mein verbliebenes Interesse an der F1 beenden. Ich hätte zudem eine Rückbesinnung auf die "Bastelstuben" früherer Jahre bevorzugt. Die Konzerne haben letztlich noch jede gute Motorsportserie mit Geld kaputtbekommen. Gerade auch Mercedes (u.a. FIA GT97 und Gruppe C)
lynx2 16.01.2009
3. Geld kaputt machen?
Zitat von CholerixDem würde ich mich nachdrücklich anschlieesen wollen ! Was die 2009er F1 anbelangt: Potthäääässlich. Bislang hatten Autorennen auch stets ein ästhetisches Element. Das Thema ist in der F1 nun aber durch. Bedingt durch die Regeländerungen ist da nun was entstanden, was noch grauenhafter aussieht als in den Vorjahren diese ganzen angepappten aerodynamischen Hilfkonstruktionen. Ich fürchte, das könnte mein verbliebenes Interesse an der F1 beenden. Ich hätte zudem eine Rückbesinnung auf die "Bastelstuben" früherer Jahre bevorzugt. Die Konzerne haben letztlich noch jede gute Motorsportserie mit Geld kaputtbekommen. Gerade auch Mercedes (u.a. FIA GT97 und Gruppe C)
Wieso? Mercedes hat's doch! Wenn Chrysler abschmiert müssen sie nochmals eine schlappe Mrd. nachschießen. Für F1 reicht es noch dicke. Das zeigt nur, daß die Autohersteller immer noch genügend Geld haben für diesen Firlefanz. Wo ist da eine Autokrise? Daimler kann über seine Autofinanzierungstochter ja eine 100 Mio oder mehr einsacken an Staatsknete und damit weiter auch F1 finanzieren. Ist doch schön!
myspace 16.01.2009
4. .
Einheitsreifen, keine Schlupfkontrolle mehr - diese Jahr kommt es wieder auf das fahrerische Können an. Plus: Durch die neuen Aerodynamikregeln wird der Abtrieb deutlich gesenkt, gut möglich, daß es wieder ein bißchen Action mit richtige Überholmanövern gibt.
metbaer 17.01.2009
5.
Ich bin gespannt, was die neuen Regeln bringen. Vielleicht schaue ich die Formel 1 dann auch wieder mit etwas mehr Freude... die letzten Jahre machte die NASCAR- Serie in den USA dann doch mehr Spaß. Warum? Weniger Aerodynamik, weniger Elektronik, weniger Schnickschnack und einfach mehr fahrerisches Können.
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