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16. April 2009, 14:06 Uhr

Formel 1

Dennis zieht sich zurück, Kanada hofft auf Comeback

Der Zeitpunkt sei "purer Zufall": McLaren-Boss Ron Dennis hat alle Verantwortung für den Formel-1-Rennstall abgegeben. Vermarkter Ecclestone verhandelt mit den Organisatoren des kanadischen Grand Prix um eine Wiederaufnahme in den Rennzirkus. Die Piloten reagieren auf das Diffusor-Urteil.

Hamburg - Das Team um Weltmeister Lewis Hamilton kommt nicht zur Ruhe: McLaren-Präsident Ron Dennis zieht sich mit sofortiger Wirkung aus dem Formel-1-Geschäft zurück. Das gab der Rennstall am Donnerstag bekannt. Teamchef Martin Whitmarsch übernimmt von Dennis, der künftig die ausgegliederte Sportwagen-Sparte "McLaren automotive" leitet, die Gesamtverantwortung bei McLaren.

McLaren-Boss Dennis (r.) mit Weltmeister Hamilton: Rückzug aus der F1
DPA

McLaren-Boss Dennis (r.) mit Weltmeister Hamilton: Rückzug aus der F1

Britische Zeitungen hatten spekuliert, Dennis sei wegen seiner angeblichen Verwicklung in die Lügen-Affäre um Weltmeister Lewis Hamilton und das McLaren-Mercedes-Team zu dem Schritt gezwungen. Hamilton und der inzwischen entlassene Sportdirektor Dave Ryan waren beim Saisonstart in Australien der Falschaussage überführt worden. Dennis, der bis März Teamchef war, soll dort Einfluss auf Ryan genommen haben.

Der 61-Jährige, der insgesamt 28 Jahre das britische Formel-1-Team geführt hatte, bezeichnete den Zeitpunkt seines Rückzugs als "puren Zufall". McLaren-Mercedes muss sich wegen der Lügen-Vorwürfe am 29. April vor dem Weltrat des Internationalen Automobilverbands Fia verantworten. Schon wegen seiner Rolle in der Spionageaffäre um Datenklau bei Ferrari, die 2007 in eine Rekord-Geldstrafe von hundert Millionen Dollar und den Abzug aller Konstrukteurspunkte mündete, war Dennis erheblich in die Kritik geraten.

"Für einige ist der WM-Zug abgefahren"

Nach der Legalisierung des "Doppel-Diffusors" durch die Fia fällt die Reaktion der Fahrer unterschiedlich aus. "Das kann die Entscheidung des Jahres sein", urteilte Nick Heidfeld, dessen BMW-Sauber-Team neben Ferrari, Renault und Red Bull den am Mittwoch abgeschmetterten Protest gegen den Unterboden von Brawn GP, Toyota und Williams eingelegt hatte. "Für einige ist der WM-Zug abgefahren", prognostiziert Heidfeld. Williams-Pilot Nico Rosberg rechnet beispielsweise damit, dass McLaren-Mercedes mit Weltmeister Lewis Hamilton nicht mehr um den Titel fahren kann. Ferrari und BMW dagegen traut der 23-jährige Williams-Pilot zu, noch in die WM-Entscheidung einzugreifen.

Heidfeld sagte in Shanghai, er habe mit der Legalisierung des Doppel-Diffusors gerechnet, aber "das hat mich natürlich geärgert". Die Absegnung dieses Unterboden bringe sein Team "in eine schwierige Situation im WM-Kampf". Um auf Augenhöhe mit Brawn GP, Toyota und Williams fahren zu können, reiche es nicht, den Doppel-Diffusor einfach zu kopieren.

Heidfelds Einschätzung teilt Sebastian Vettel: "Diese Nachrüstung ist keine einfache Aufgabe. Das ist komplexer, als man sich vorstellt." Trotz dieses enormen Nachteils bleibt der Red-Bull-Pilot gelassen: "Es sind noch viele Rennen. Für Brawn GP ist noch nichts gewonnen, für die anderen noch nichts verloren."

Auch Rosberg geht davon aus, dass die anderen Teams einige Zeit benötigen, um den technischen Rückstand wettmachen zu können: "Man kann den Diffusor ja nicht einfach ranschrauben. Zudem entwickeln wir auch weiter", so der Williams-Pilot. Der zweimalige Weltmeister Fernando Alonso aus Spanien rechnet mit "mehreren Monaten und erheblichen Kosten", bis der Rest des Feldes zu den drei Teams aufschließen könne. Sein Renault-Rennstall und McLaren-Mercedes werden am Sonntag beim Großen Preis von China in Shanghai (9 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) wohl schon mit einer ersten Variante des "Doppel-Diffusors" antreten.

Grand Prix in Montreal 2010 wieder im Renn-Kalender?

Unterdessen steht das Formel-1-Rennen in Montreal vor einer Rückkehr in den WM-Kalender. Promotor Bernie Ecclestone verhandelt mit den kanadischen Organisatoren über einen neuen Vertrag ab 2010. Nach der Streichung von Indianapolis und Montreal findet derzeit kein Grand Prix in Nordamerika statt. 2009 fehlt das Rennen auf dem Circuit Gilles Villeneuve in Montreal, weil sich die beiden Parteien nicht über einen neuen Vertrag einigen konnten.

Montreal hatte zwischen 1978 und 2008 mit einer Ausnahme immer im Formel-1-Kalender gestanden. "Ecclestone hat uns ein Angebot gemacht. Wir haben dieses Angebot kommentiert, und jetzt denkt er darüber nach", sagte der Finanzminister der kanadischen Provinz Quebec, Raymond Bachand. Montreal will einen Fünfjahresvertrag, nachdem wegen des gestrichenen Rennens in diesem Jahr Millioneneinnahmen in der Kasse fehlen. Zuletzt forderte Ecclestone für einen Fünfjahresvertrag etwa 175 Millionen Euro Gebühren, Kanada wollte aber nur 110 Millionen Euro zahlen.

fsc/sid/dpa

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