Die Formel 1 nach Bernie Ecclestone Beerdigung zweiter Klasse

40 Jahre beherrschte Bernie Ecclestone die Formel 1. Er hielt sich für unantastbar, aber im Winter wurde der Brite entmachtet. Der Rennserie steht ein tiefer Wandel bevor.
Bernie Ecclestone (rechts) mit Chase Carey

Bernie Ecclestone (rechts) mit Chase Carey

Foto: imago/ LAT Photographic

Sein Abgang aus der Formel 1 sollte mit nichts Geringerem als dem Tode einhergehen. "Mein Job endet, wenn sie mich im Sarg hinaustragen", sagte Bernie Ecclestone einmal. "Und dann sollten sie sicherstellen, dass der Deckel vernagelt ist."

Mittlerweile ist Ecclestone 86 Jahre alt, den Job als Geschäftsführer hat er verloren. Der neue Besitzer der Grand-Prix-Serie, der US-Medienkonzern Liberty, hat ihn Ende Januar entlassen, nur fünf Tage nachdem die Übernahme vollzogen war. Ecclestone beherrschte mehr als 40 Jahre lang die Formel 1, er hielt sich für unverzichtbar, über Lebzeiten hinaus. Liberty dagegen speist ihn mit einer Art Ehrenpräsidentschaft ab, einem Titel, mit dem Ecclestone nichts anzufangen weiß: "Ich führe ihn, ohne zu wissen, was er bedeutet." Für Ecclestone fühlt sich das an wie eine Beerdigung zweiter Klasse.

Die Formel 1 geht in eine neue Ära, aber die Trauer über die Entmachtung des Patrons hält sich in dem Rennzirkus in Grenzen. Die Beteiligten sprachen ihre warmen Abschiedsworte hörbar aufatmend aus, überfällig sei der Wechsel, twitterte der zurückgetretene Weltmeister Nico Rosberg und sprach damit für viele.

Probleme jahrelang ignoriert

Zu groß sind die Probleme, die Ecclestone ignorierte: Die Zuschauerzahlen schrumpfen, sowohl an den Strecken als auch vor den Fernsehern. Die Kosten für Entwicklung und Einsatz der Autos sind zu hoch und killen den Wettbewerb. Die Einnahmen werden ungleich verteilt, was dazu führt, dass immer die Gleichen gewinnen. Mercedes siegte in 51 der vergangenen 59 Grand Prix. Den Teams am Ende des Felds droht die Pleite. Dabei machte es lange den Reiz aus, dass auch Verlierer ihr Auskommen haben und die Chance sahen, zu Gewinnern aufzusteigen.

Chase Carey bekommt also viel zu tun.

Der Amerikaner leitet jetzt im Auftrag von Liberty das Formel-1-Management. Carey, 63, hat in Harvard studiert, machte Karriere in Rupert Murdochs Medienimperium, bevor er zu Liberty wechselte. Carey ist Sportfan, kann süffisant lächeln. Von seinem ondulierten Schnurrbart sollte man sich nicht täuschen lassen: Den trägt er, weil er die Narbe eines Autounfalls überdeckt. Er fackelt nicht lange, wenn es - wie bei der Formel 1 - darum geht, ein Investment von acht Milliarden Dollar in einen Erfolg umzuwandeln.

Carey kannte die Formel 1 bislang nur aus der Ferne, derzeit beschäftigt er sich damit, sie näher kennenzulernen. Er hat mit allen Teamchefs gesprochen, und die nahmen ihn als selbstbewusst und neugierig wahr. Sie loben seinen vorwärtsgewandten Ansatz, sein Wissen um die Chancen der digitalen Technik, etwa des Livestreamings. Ecclestone setzte auf das klassische Rechtegeschäft mit den Fernsehsendern und verstand es nie, dass soziale Medien wertvoll sind, wenn man sie als Marketinginstrument einsetzt.

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Vor einigen Tagen haben Carey und Ecclestone jeweils ein Interview gegeben, und sie verdeutlichen, wie sich die Verhältnisse verschoben haben. Während Carey ausführlich in der englischen "Times" sprach, ließ sich Ecclestone vom Boulevardblatt "Mail on Sunday" vernehmen. Carey redete seelenruhig über den Abschied von Ecclestone, über den neuen Führungsstil und über seine Absichten. Ecclestone dagegen wirkte beleidigt und trat nach. "Ich kann gar nichts tun. Sogar den Mitarbeitern haben sie gesagt, sie sollten nicht mehr mit mir reden."

Ecclestone habe die Formel 1 über Jahrzehnte als "Ein-Mann-Show geführt", sagte Carey. "Ich habe gesehen, wie er jede Entscheidung kontrollierte, bis runter zu den Pässen für das Fahrerlager. Wir wollen den Kurs nicht um zehn Grad korrigieren. Wir wollen das Geschäft auf eine andere Art führen und eine neue Kultur erschaffen."

Ein Trio leitet jetzt die Formel 1, mit klar verteilten Aufgaben. Zu Carey stieß der Amerikaner Sean Bratches, ein langjähriger Manager des US-Sportsenders ESPN, er soll eine bessere Vermarktung vorantreiben. Und um den Sport kümmert sich der Engländer Ross Brawn. Der einstige Chef von Michael Schumacher bringt reichlich Erfahrung als Technikdirektor von Benetton und Ferrari mit. Er gewann mit einem eigenen Rennstall die Weltmeisterschaft, verkaufte danach an Mercedes und leitete das Team weiter. Brawn? Der sei fast überall bloß "ein Helfer von vielen" gewesen, nörgelt Ecclestone.

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Carey lässt keinen Zweifel daran, dass ihm vieles nicht passt. Die Rennen müssten aufregender werden und weniger vorhersehbar enden, die Regeln seien zu kompliziert, die Ingenieure seien wichtiger als die Rennfahrer geworden, bemängelt er.

Er will Antworten auf Fragen für die Zukunft finden, Ecclestone dachte nicht viel weiter als bis zum nächsten Deal. Wenn Streckenbetreiber in Europa nicht mehr die horrenden Startgelder aufzubringen vermochten, dann fanden die Rennen eben in Baku oder Yeongam statt. Er konnte sich nicht vorstellen, dass jemand seinen Rennzirkus nicht als einzigartig betrachtet.

Carey wundert sich, wie wenig Ecclestone über das Publikum wissen mochte. Dass in dessen Büro zwar Finanzfachleute und Juristen saßen, aber niemand Marktforschung betrieb. Dass es keinen interessierte, ob es jüngere Zuschauer auch noch toll finden, mehrere Hundert Euro für ein Tribünenticket auszugeben, um gelegentlich Rennautos vorbeifahren zu sehen.

Ob Ecclestone noch bei Rennen auftauchen wird, ist fraglich. Den Saisonauftakt in Melbourne lässt er schon mal aus. Dafür saß er kürzlich in London in einem japanischen Edelrestaurant, umgeben von 100 Freunden und Weggefährten. Nichts ahnend war er hergelockt worden, sah sich Menschen gegenüber, die alle Pappmasken mit Ecclestones Konterfei trugen. Beim Abnehmen entpuppten sie sich als Fürsten, Prinzen, Unternehmer, Funktionäre, Teambesitzer und Ex-Fahrer. Überwiegend waren es ältere Männer. Die Stimmung war heiter, reich an Anekdoten und nicht frei von Melancholie.

Ecclestone soll gerührt gewesen sein.

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