Zukunft der Formel 1 Die Großen haben zu viel Macht

Die neuen Regeln zur Saison 2021 müssten längst feststehen. Doch die Formel 1 tut sich schwer, für mehr Spannung bei den Rennen zu sorgen. Die Budgets bevorteilen die Topteams.

Lewis Hamilton führt die WM-Wertung an, bemängelt aber selbst den fehlenden Wettbewerb
Mark Thompson/ Getty Images

Lewis Hamilton führt die WM-Wertung an, bemängelt aber selbst den fehlenden Wettbewerb

Von Karin Sturm


Die Formel 1 beendet am Sonntag ihre Sommerpause mit dem Rennen in Spa (15.10 Uhr Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: RTL und Sky). In der Gegenwart spricht sehr viel für den sechsten WM-Titel von Lewis Hamilton. Was die Formel 1 für die Zukunft will, ist auch klar: Spannende Rennen, ein ausgeglichenes Feld - und trotzdem zeitgemäße Technologie, die auch in Zeiten von Umwelt- und Klimadebatte ihre Berechtigung hat.

Wie das zu erreichen ist, darüber streiten die Verantwortlichen der Motorsport-Königsklasse seit Monaten. Eigentlich sollte das neue Reglement für die Saison 2021 bereits Ende Juni feststehen. Doch die Verabschiedung wurde verschoben, weil in vielen Punkten weiterhin keine Einigkeit besteht.

Was bereits feststeht

Die Budgetdeckelung wird kommen. Kleinere Teams sollten so wettbewerbsfähiger werden, doch dieses Ziel wurde verfehlt. Das maximale Budget wird 175 Millionen Dollar pro Jahr betragen - allerdings mit Ausnahmen. Fahrergehälter und PR-Ausgaben sind in der Summe nicht enthalten und können diese auf bis zu 250 Millionen Dollar ansteigen lassen. Im Moment geben die Topteams deutlich mehr als 300 Millionen Dollar aus. "Das neue Budget ist viel zu hoch angesetzt, das bringt so nicht viel, nicht einmal uns als Werksteam", sagt Renault-Teamchef Cyril Abiteboul. Auch Fia-Präsident Jean Todt gibt zu, dass ihm eine niedrigere Zahl lieber gewesen wäre:

"Jetzt sind nur drei Teams davon betroffen, die sich einschränken müssen", sagte der ehemalige Ferrari-Teamchef beim Rennen am Hockenheimring zu SPIEGEL ONLINE. Kürzertreten müssen so nur Mercedes, Ferrari und Red Bull, der Vorsprung gegenüber Teams wie Williams oder Racing Point bleibt aber gewaltig. "Besser wäre eine Grenze, die alle Teams betrifft und die damit allen die gleiche Chance gibt. Das war aber nicht durchsetzbar." Diese Budgetdeckelung sei aber besser als gar keine. "Vielleicht können wir ja in einem zweiten Schritt die Summe runter setzen", sagte Todt.

Die Probleme beim technischen Reglement

Die Formel 1 der Gegenwart ist zu langweilig, das beweist Hamiltons derzeitiger 62-Punkte-Vorsprung auf Teamkollege Valtteri Bottas. Die neuen Regeln sollen mehr Spannung und mehr Überholmanöver bringen, gleichzeitig durch Einheitsteile die Kosten senken. Gerade über Letzteres streiten die Ingenieure, sie fürchten eine "Einheitsformel", die sie in ihrer Arbeit zu sehr einschränke. Und ob 2021 wirklich mehrere Teams um die Weltmeisterschaft fahren werden? Schließlich wurde in den vergangenen Jahren schon häufiger mehr Spannung versprochen - ohne allzu großen Erfolg.

Mercedes dominiert die Formel 1 seit Jahren
Albert Gea/ REUTERS

Mercedes dominiert die Formel 1 seit Jahren

Todt setzt auf eine Expertenkommission, die schon seit mehr als eineinhalb Jahren an dem Projekt arbeitet. "Wir wissen, dass wir vor allem im Aerodynamikbereich der Autos ansetzen müssen", sagte der 73 Jahre alte Franzose. "Ich habe volles Vertrauen, dass die uns gute Lösungen bringen werden." Konkreter wurde er dabei nicht. Experten zweifeln an einer Lösung, die mehr Überholmanöver garantiert.

Was wollen die Fahrer?

Den Fahrern um Hamilton und WM-Herausforderer Sebastian Vettel sind vier Punkte besonders wichtig:

  • Reifen: Die sollen nicht gleich überhitzen, wenn das Auto rutscht. Es soll leichter werden, die Reifen in den Idealzustand zu bekommen und dieses temperaturabhängige Arbeitsfenster länger zu halten.
  • Aerodynamik: In direkten Duellen soll das nachfolgende Auto durch die sogenannte dirty air des Vordermanns nicht mehr so viel Anpressdruck verlieren wie im Moment.
  • Leichtere Autos: Dass die Rennwagen im Moment derzeit von Jahr zu Jahr schwerer werden, ist allen ein Dorn im Auge, "weil dadurch das Handling so schwerfällig wird", wie Hamilton und Vettel immer wieder betonen.
  • Sportlicher Wettkampf: Ein ausgewogenes Kräfteverhältnis durch eine gerechtere Geldverteilung und eine Kürzung der Ausgaben. "Auch wenn mein Chef Toto Wolff das wahrscheinlich nicht so gerne hört", wie Hamilton schon mal angemerkt hat.

Deshalb gibt es bei der Technik keinen Schritt zurück

Formel-1-Puristen wünschen sich die Rückkehr der lauten Acht- oder gar Zwölfzylinder-Verbrennungsmotoren, Fans hoffen auf eine leicht verständliche Technik. Mercedes-Teamchef Wolff erteilt diesen Forderungen eine Absage: "Die Formel 1 ist nun mal die Spitze des Motorsports, und da kann man technisch nicht zurückgehen auf ein Niveau wie vor 30 Jahren." Gerade die Motoren mit der Hybridtechnologie seien wegen der thermischen Effizienz wichtig. Sonst wäre "heute wohl mit Sicherheit kein großer Hersteller mehr dabei".

Im neuen Reglement soll dann auch die Nutzung von E-Fuels Pflicht werden, sprich Kraftstoff, der zumindest teilweise mittels Strom aus erneuerbaren Energien hergestellt wird. Derzeit ist die Rede von einem Anteil zwischen 20 und 25 Prozent. Wolff und Todt sind da auf einer Linie. "Hybridtechnologie, Energieeffizienz, immer geringerer Benzinverbrauch - das sind die wichtigen Faktoren für die Zukunft", sagte Todt. Die Formel E fährt noch im Schatten der Formel 1, dort sind allerdings bereits sechs bedeutende Automobilhersteller vertreten.

Einmal im Monat treffen sich im Moment Vertreter der Fia, des F1-Managements von Liberty Media, die Teamchefs und zuletzt eben auch jeweils zwei Vertreter der Fahrergewerkschaft GPDA, um weiter über die neuen Regeln zu beratschlagen. Für Vettel liegt aber auch genau da ein entscheidendes Problem: "Wenn wir weiter nur debattieren, wird nicht viel dabei rauskommen. Irgendwann müssen Taten folgen. Das geht aber nicht, wenn alle mitbestimmen dürfen. Einer muss jetzt das Heft in die Hand nehmen und sagen: So ist es!"

Derzeit spricht viel dafür, dass die Formel 1 aus sportlicher Sicht keine Fortschritte machen wird.



insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
watcher57 31.08.2019
1.
Fakt ist und bleibt : Wer in so was wie Formel 1, Fußball, etc die meiste Kohle pumpen kann wird letztendlich damit auch die meiste Kohle scheffeln. Der ganze Schmodder hat mit Sport schon lange nichts mehr zu tun.
marclarsen 31.08.2019
2.
alle, die ich kenne...privat oder vom job.....f1 interessiert seit einigen jahren keinen mehr. mich übrigens auch nicht. sollen die machen, was sie wollen....
Charlie Whiting 31.08.2019
3. Erlaubt...
...das Nachtanken wieder. Ist zwar aufwendig, bringt aber mehr Boxenstopps und mehr Spannung. Dazu schmalere Reifen die in Kurven mehr vom Fahrer verlangen.
next 31.08.2019
4.
Zitat von watcher57Fakt ist und bleibt : Wer in so was wie Formel 1, Fußball, etc die meiste Kohle pumpen kann wird letztendlich damit auch die meiste Kohle scheffeln. Der ganze Schmodder hat mit Sport schon lange nichts mehr zu tun.
Fakt ist und bleibt? Nö! Mit Geld alleine erreicht man in der F1 auf Dauer [!] nicht viel, siehe - BMW - Toyota - Honda - Ford - Jaguar - BAR - LOTUS Das who-is-who der Automobilindustrie der Welt hat sich schon in der F1 versucht. Trotz hoher Personalstärke und großen Budgets sind sie heute Geschichte.
Interzoni 31.08.2019
5. Thrill is gone
F1 ist so langweilig geworden wie Sportwagen mit Automatik und ESP. Die letzten echten Rennfahrer sind bei Rallyes und Moto GP zu sehen, dagegen ist F1 ein verschnarchtes Kaffeekränzchen.
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