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27. Mai 2019, 06:54 Uhr

Ferrari beim Großen Preis von Monaco

Kleinlaute Freude über Platz zwei

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Vor der Formel-1-Saison galt Ferrari als Favorit - endlich sollte wieder ein Titel her. Sechs Rennen später ist der Rennstall desillusioniert. Schon die schwachen Leistungen der Piloten Vettel und Leclerc werden gefeiert.

Bei Ferrari sind sie in diesen Tagen seltsam kleinlaut. "Es war ein tolles Ergebnis für uns", sagte Sebastian Vettel. Wohlgemerkt nach einem zweiten Platz beim Großen Preis von Monaco, den der 31-Jährige nur erreichte, weil der eigentlich als Zweiter ins Ziel gekommene Red-Bull-Pilot Max Verstappen durch eine Fünf-Sekunden-Strafe zwei Plätze nach hinten versetzt wurde.

So erscheint das Ergebnis von Vettel besser, als das Rennen für den Ferrari-Piloten tatsächlich war. Während Weltmeister Lewis Hamilton im letzten Renndrittel auf vier verschlissenen Gummiringen fuhr und sein Team anflehte, doch bitte die Reifen seines Boliden zu wechseln, griff Verstappen, wohlwissend um seine Zeitstrafe, den Führenden an. Und Vettel? Machte es sich auf Platz drei gemütlich.

Es ist die Diskrepanz zwischen dem Anspruch des italienischen Rennstalls vor der Saison und den Leistungen bisher, einschließlich des Rennens in Monaco. "Mit dem zweiten Platz konnten wir nicht rechnen. Wir haben hauptsächlich von den Fehlern der anderen profitiert", sagte Vettel.

Wie Blei auf den Schultern

Die Einschätzung des Deutschen folgte auf Rundenzeiten, die aus Ferrari-Sicht erschütternd sind. Im ersten Training auf dem engen Straßenkurs hatte Vettel 0,763 Sekunden Rückstand auf Hamilton, im Qualifying sogar 0,781 Sekunden.

Dabei hatte Ferrari seinen Fahrern das neue Saisonmantra auf den Rücken gekleistert: "Mission Win Now" steht direkt neben dem Ferrari-Wappen auf den Rennanzügen. Nicht ganz zu Unrecht, auch viele Experten vermuteten die Scuderia ganz vorne. Nun lastet dieses Mantra aber schwer auf den Schultern der Fahrer und des gesamten Teams.

Im Qualifying auf dem engen Straßenkurs von Monaco hatte sich Ferrari derart verzockt, dass Vettels Teamkollege, der junge Charles Leclerc, von Platz 16 ins Rennen starten musste. Sein Team hatte ihn im ersten Abschnitt nicht mehr auf die Strecke geschickt, weil man davon ausging, dass seine Zeit auch so für das Q2 reichen würde. Eine Fehlentscheidung, nach der Leclerc nur schwer an sich halten konnte: "Wir hatten genug Zeit, noch einmal rauszufahren. Wir hatten genug Treibstoff. Ich verlange Erklärungen", sagte er im Interview mit RTL.

Noch im Rennen schien die Wut beim Monegassen mitzufahren. Nach nur zehn Runden versuchte er, sich zwischen den Renault von Nico Hülkenberg und die Streckenbegrenzung zu quetschen und riss sich den rechten Hinterreifen auf. Es folgte ein Bild, das einerseits die Aufopferung Leclercs aufzeigte, seinen Heim-Grand-Prix irgendwie zu Ende zu fahren, auf der anderen aber auch die Verzweiflung, die den gesamten Ferrari-Rennstall umgibt. Mit dem zerfetzten Reifen rettete er sich in die Box, hinterließ auf der Strecke aber ein Trümmerfeld. Kurze Zeit später musste er seinen Wagen ganz abstellen.

Leclercs Fahrt im Dreirad bescherte seinem Teamkollegen Vettel immerhin den zweiten Platz - zumindest indirekt. In der Safety-Car-Phase handelte sich Max Verstappen eine Fünf-Sekunden-Strafe ein, weil er in der Boxengasse in den Mercedes von Valtteri Bottas fuhr.

Nicht auszudenken, hätte Verstappen in der letzten Runde voller Übermut Hamilton aus dem Rennen geworfen, als er sich in einer Schikane verbremste und den Reifen des amtierenden Weltmeisters touchierte. Vettel hätte plötzlich eine weitere Stufe auf dem Treppchen nach oben gemacht - ohne auch nur im Geringsten etwas dafür zu können.

Es hätte zu diesem Großen Preis von Monaco gepasst.

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