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20. Oktober 2018, 08:21 Uhr

Formel 1

Was Ferrari jetzt tun muss, um 2019 vorn zu sein

Von Karin Sturm

Ferrari bleibt wohl auch in dieser Saison nur der zweite WM-Platz. Die Italiener wiederholen Fehler aus dem Vorjahr - genau wie Pilot Sebastian Vettel. Doch es besteht Hoffnung für die kommende Saison.

Hoffnung. Das ist es, was Sebastian Vettel noch bleibt. Und das ist es, was der Ferrari-Pilot vor dem Großen Preis der USA auszustrahlen versucht. Er macht sich selbst Mut, versucht, sein Team noch mal einzuschwören. "Wir werden weiterhin alles geben, der Spirit ist ungebrochen", sagt der Deutsche vor dem Rennen in den USA am Wochenende.

In Wahrheit aber ist alles, was in diesem Jahr noch passiert: Schadensbegrenzung. Ergebniskosmetik. Zumindest, was das Geschehen auf der Strecke angeht. Denn beim Rennen in Austin am Sonntag (20.10 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: RTL) hat Lewis Hamilton (Mercedes) bereits gute Chancen, wie schon im Vorjahr Weltmeister zu werden. Was aber aktuell bei Ferrari hinter den Kulissen passiert, das ist für die Zukunft des Rennstalls schon jetzt extrem wichtig.

Schnellstens müssen die Weichen gestellt werden für die kommende Saison. Dann sollen nämlich nicht die gleichen Fehler passieren wie 2017 und 2018; zweimal hat Ferrari seine WM-Chancen weggeworfen. Das Team fiel jeweils in der entscheidenden Phase unter Druck auseinander. Unsicherheit, Hektik und Panik führten zu Fehlern. Gegen eine ruhig, sicher und geschlossen auftretende Mercedes-Mannschaft mit Toto Wolff und Lewis Hamilton an der Spitze hat die Scuderia so keine Chance.

Nur wenn Ferrari das jetzt erkennt und richtig reagiert, besteht für Vettel die Chance, 2019 in seinem fünften Jahr bei Ferrari doch endlich in Rot Weltmeister zu werden. So wie einst Michael Schumacher. Obwohl der heutige Rekordweltmeister mit Jean Todt und Ross Brawn hinter sich bessere Voraussetzungen als nun Vettel genoss, dauerte es auch für Schumacher fünf Jahre bis zum ersten Titelgewinn mit Ferrari.

Vettels Fehler sind eine Folge der Unruhe

Dass auch Vettel zuletzt Fehler machte, sei kein Wunder, sagen Beobachter, die Einblick in die Ferrari-Situation haben. Der Fahrer selbst stellt sich bisher nicht öffentlich gegen die Führung seines Rennstalls. Aber Timo Glock beispielsweise, RTL-Experte und ein guter Freund des viermaligen Weltmeisters, deutete an, dass Vettel nicht zufrieden sein könne: "Sebastian hat bei Ferrari noch nicht die Strukturen einführen können, wie sie Michael Schumacher hatte."

Als Nummer-eins-Fahrer und Führungspersönlichkeit muss der Ferrari-Pilot jetzt Veränderungen fordern. Sein Ansprechpartner in dieser Sache kann eigentlich nur einer sein. Der Mann, der nach Sergio Marchionnes Tod im Sommer an der Spitze von Ferrari steht: John Elkann. Als Enkel des früheren Fiat-Chefs Gianni Agnelli ist er auch im Gesamtkonzern entsprechend vernetzt und einflussreich - und muss dafür sorgen, dass neue, klare Führungsstrukturen geschaffen werden.

Bisher aber scheint sich Elkann genauso wie der als Ferrari-CEO eingesetzte Louis Cammileri nur wenig um die Vorgänge im Formel-1-Team gekümmert zu haben. Wie notwendig das ist - davon muss ihn auch Vettel überzeugen. Elkann könnte dann derjenige werden, der Ferrari wieder in die Spur bringt - und damit Geschichte schreiben.

Arrivabene versus Binotto

Vor allem gilt es, den internen Machtkampf zwischen Teamchef Maurizio Arrivabene und Technikchef Mattia Binotto zu beenden. Denn diese Auseinandersetzung ist zum großen Teil für die internen Probleme verantwortlich. Die Lösung erscheint einfach. Arrivabenes Vertrag läuft wohl zum Jahresende aus. Und Binottos Beförderung zum Teamchef war von Marchionne ohnehin schon lange für nach der Saison geplant.

Schon bei der Verpflichtung von Charles Leclerc als zweitem Fahrer und Ersatz für Kimi Räikkönen folgte Elkann den bekannten Wünschen und Vorgaben Marchionnes. "Aus Respekt", wie es offiziell hieß.

Aber auch inhaltlich wäre die Beförderung Binottos ein logischer Schritt. Dann stünde wieder ein Mann an der Spitze, der den Rennsport bis ins Detail kennt. Seit 1997 gehört Binotto zu Ferrari, er arbeitete für Rubens Barrichello schon als Renningenieur.

Der aktuelle Ferrari-CEO Cammileri hingegen ist ein ehemaliger Marketingexperte des Tabakkonzerns Philip Morris. Für ihn scheinen auch heute noch Banalitäten wie die bei offiziellen Events zu tragende Kleidung seiner Mitarbeiter oder die Termine seiner Medienabteilung von hoher Bedeutung zu sein. Bei wirklich wichtigen Themen wie Stallorder oder klare Hierarchien bei Strategieentscheidungen fehlen aber eindeutige Richtlinien durch Cammileri.

Eine Teamführung, in der "Politik keine Rolle spielt"

Gleichzeitig gibt der CEO seinem Team aktuell keine Sicherheit. Er bewirkt gar das Gegenteil. Als Ferrari in Japan das Qualifying verpatzte, kamen von Cammileri öffentliche Schuldzuweisungen. Er zog über seine Technikabteilung her, drohte "personelle Konsequenzen" an.

"Geht gar nicht", sagt der heutige Formel-1-Sportchef Brawn: "Aus meiner Zeit bei Ferrari weiß ich, dass es in solchen Situationen wichtig ist zusammenzuhalten. Fahrer, Ingenieure und Management gewinnen und verlieren zusammen. Das ist ein ungeschriebenes Gesetz in diesem Sport."

Aus Sicht des Ex-McLaren-Piloten und aktuellen britischen TV-Experten David Coulthard braucht Vettel eine Teamführung, in der "Politik keine Rolle spielt." Das erscheint im Moment allerdings schwierig bei Ferrari. Und weil eine Verstärkung "von außen" mangels geeigneter Bewerber kaum möglich erscheint, wäre ein ruhiger, sachlicher Techniker wie Binotto aktuell wohl die beste Alternative.

Ein Assistent, der dem 48-Jährigen Organisations- und Verwaltungsarbeit abnimmt, sollte sich auch noch finden lassen. Dann könnte Binotto sich auf seine Hauptaufgaben konzentrieren, ohne dass die Technikabteilung durch seinen Aufstieg leidet.

Und Ferrari könnte gut gerüstet und geschlossen in die neue Saison starten.

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