Krach in der Formel 1 Ferrari trickst, der Verband schweigt, die Konkurrenz schäumt

Schon vor dem Saisonstart ist das Klima in der Formel 1 vergiftet: Dass der Motorsportverband Fia technische Schummeleien von Ferrari unter den Tisch kehrt, bringt die Konkurrenz auf.
Ferrari kommt glimpflich davon - das will die Konkurrenz nicht hinnehmen

Ferrari kommt glimpflich davon - das will die Konkurrenz nicht hinnehmen

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Die Testfahrten in Barcelona waren so gut wie beendet, die Formel 1 schickte sich an, in die Ruhepause vor den ersten Rennen zu gehen, da schreckte der Motorsport-Dachverband Fia die Branche nachdrücklich auf. Zehn Minuten vor Ende der Testfahrten schickte der Verband ein Statement an die Öffentlichkeit, in dem es hieß: "Die Fia kündigt an, dass sie nach einer gründlichen technischen Untersuchung ihre Analyse über den Betrieb der Ferrari-Antriebseinheit abgeschlossen hat und mit dem Team zu einer Einigung gekommen ist. Über Einzelheiten dieses Abkommens wurde Stillschweigen vereinbart. Die Fia und Ferrari haben sich darüber hinaus auf eine Zahl von technischen Verpflichtungen verständigt, die das Überwachen aller Antriebseinheiten in der Formel 1 verbessern."

Für alle, die auch nur ein bisschen zwischen den Zeilen lesen können, hieß das: Es gab in der Vergangenheit offensichtlich deutliche Unregelmäßigkeiten und Tricksereien beim Ferrari-Motor – sonst müsste man nicht zu einer "Einigung" kommen, sondern hätte einfach sagen können, dass alles in Ordnung gewesen sei. Die Konkurrenz hatte schon seit Monaten argwöhnisch Richtung Ferrari geschaut und dem Rennstall von Sebastian Vettel Schummelei vorgeworfen.

Warum also dieses Statement zu einem Zeitpunkt, als die meisten Teamchefs das Fahrerlager bereits verlassen hatten, die Medien mit der Zusammenfassung der Testbilanzen beschäftigt waren, die Frage der Auswirkungen von Corona auf den Saisonstart vieles überdeckte? Der Verdacht lag nahe: Hier wurde versucht, eine eigentlich große Sache so klein wie möglich zu halten. Die Formel 1, in Zeiten von Nachhaltigkeits- und Klimadebatten ohnehin von vielen Seiten in der Kritik, kann keine weiteren Negativschlagzeilen brauchen.

Konkurrenz behält sich rechtliche Schritte vor

Doch die Rechnung ging nicht auf: Die anderen Teams ließen sich diesen Kuhhandel nicht gefallen. Mercedes-Sportchef Toto Wolff findet: "Die ganze Sache ist eine Riesensauerei. Es ist nicht in Ordnung, was Ferrari gemacht hat, aber noch weniger, wie die Fia das behandelt. Alle anderen Teams sind aufgebracht." Er übernahm die Führungsrolle, brachte alle sieben Teams, die Ferrari nicht verbunden sind, jetzt zu einer gemeinsamen Erklärung, in der sie sich "schockiert" über das Vorgehen der Fia zeigten: "Nach monatelangen Untersuchungen, die von der Fia nur nach Anfragen anderer Teams durchgeführt wurden, lehnen wir es nachdrücklich ab, dass die Fia eine vertrauliche Vergleichsvereinbarung mit Ferrari trifft, um diese Angelegenheit abzuschließen", heißt es da.  Und man macht auch klar, dass das Thema noch lange nicht beendet ist: "Darüber hinaus behalten wir uns das Recht vor, im Rahmen des ordnungsgemäßen Verfahrens der Fia und vor den zuständigen Gerichten Rechtsmittel einzulegen."

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Formel-1-Saison 2020: Das sind die neuen Autos

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Für die Teams, die 2019 in der Konstrukteurs-WM hinter Ferrari lagen, also alle außer Mercedes, geht es vor allem um eine Menge Geld. Eine Disqualifikation der Roten würde sie alle um einen Platz aufrücken lassen, das kann massive Unterschiede im Preisgeld ausmachen. Weshalb einige Teamverantwortliche unter der Hand schon flüsterten: "Wenn die Fia schon alles unter der Decke halten wollte, im Interesse des "Großen Ganzen", warum dann keine Absprache mit allen Teams, eine neue Preisgeldverteilung unter der Hand – da hätten wahrscheinlich die meisten mitgemacht." Red-Bull-Motorsportkoordinator Helmut Marko sagt: "Das Verhalten der Fia ist der eigentliche Skandal. Wir müssten eigentlich Red Bull Racing-Teamchef Christian Horner anweisen, auf 24 Millionen Dollar Preisgelder zu klagen, die uns für Platz zwei in der Konstrukteurswertung zugestanden wären, hätte man Ferrari entsprechend bestraft." 

Es geht um zu hohe Einspritzmengen

Die Gerüchte um mögliche illegale Methoden zur Leistungssteigerung der Ferrari-Motoren hatten in der ganzen zweiten Saisonhälfte die Runde gemacht. Vor allem ging es dabei um zu hohe Benzin-Einspritzmengen, möglich gemacht durch Umgehung oder eventuell sogar Manipulation eines Mess-Sensors. Als der Ferrari-Vorteil nach zwei neuen "technischen Direktiven" der Fia dann beim Großen Preis der USA auf einmal nicht mehr vorhanden war, versuchte Ferrari-Teamchef Mattia Binotto, den plötzlichen Unterschied mit "einer anderen Abstimmung mit deutlich mehr Abtrieb" zu erklären.

Mit einem ähnlichen Argument, mit "generell viel mehr Abtrieb des neuen Autos" versuchte er ja jetzt noch bei den Testfahrten in Barcelona, den eklatanten Leistungsmangel des diesjährigen  Ferrari-Antriebs zu verschleiern.  Die Untersuchung der Fia über den kompletten Winter, angestoßen, wie man inzwischen weiß, auch durch Whistleblower aus Ferrari-Kreisen, sorgte aber in der Realität wohl dafür, dass Ferrari gravierende Änderungen am Motor vornehmen musste – und deshalb im Moment nicht mehr konkurrenzfähig ist.

Dass sich diese Whistleblower allerdings bei Konkurrenzteams und nicht direkt bei der Sportbehörde meldeten, könnte ein rechtliches Problem für die Fia werden, sollte es tatsächlich zu offiziellen Verfahren etwa vor dem Sportgerichtshof Cas kommen und um die Verwertbarkeit von Zeugenaussagen gehen. Auch dies ist einer der Gründe, warum man bei der Fia lieber auf ein "Agreement" setzten wollte. Was jetzt nicht mehr funktioniert. Der ehemalige Formel-1-Pilot und jetzige TV-Experte Martin Brundle ist überzeugt: "Das Thema wird die Formel 1 noch eine ganze Weile beschäftigen."

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