Großer Preis von Ungarn Die Doppelorder

Wenig löst in der Formel 1 so viel Empörung aus wie eine Teamorder. Bei Sebastian Vettels Sieg in Ungarn stand sie wieder mal im Mittelpunkt. Das Ungewöhnliche: Diesmal herrschte weitestgehend Einigkeit.
Valtteri Bottas (l.), Lewis Hamilton

Valtteri Bottas (l.), Lewis Hamilton

Foto: PETER KOHALMI/ AFP

Teamorder. Ein reichlich verpöntes Wort. Und eines, das immer wieder Stoff für hitzige Diskussionen in der Formel 1 sorgt. Umso erstaunlicher ist es, wenn eine Teamorder ein ganzes Rennen bestimmt, am Ende aber trotzdem weitestgehend Einigkeit herrscht - so wie nach dem Großen Preis von Ungarn.

Selbst durchaus kritische Experten wie Marc Surer und Damon Hill, die in ihren Ansichten nicht immer übereinstimmen, waren sich nach dem Rennen und Sebastian Vettels Sieg in Budapest einig, dass eigentlich alle alles richtig gemacht hätten. Und auch in den sozialen Netzwerken brach nicht gleich die übliche große Empörung los - und das, obwohl gleich beide Top-Teams betroffen waren.

Denn nach den Boxenstopps ergab sich eine brisante Konstellation: Bei Ferrari kämpfte der WM-Spitzenreiter Sebastian Vettel in Führung liegend mit einem angeschlagenen Auto in Form einer schief stehenden Lenkung. Dahinter lag sein Teamkollege Kimi Räikkönen, der deutlich schneller hätte fahren können, während von hinten Gefahr durch die näher kommenden Silberpfeile drohte.

Und bei der Mercedes-Jagd auf Ferrari lag erst einmal Valtteri Bottas vor Lewis Hamilton. Der Finne war allerdings in dieser Rennphase der Langsamere der beiden und liegt in der WM-Wertung hinter seinem deutlich etablierteren Teamkollegen. Ein wichtiger Unterschied zwischen Ferrari und Mercedes: Bottas hat einen Rückstand von weniger als 25 Punkten auf Hamilton, schon ein einziges Rennen könnte teamintern ganz neue Verhältnisse schaffen. Und so ist Bottas' Situation gegenüber Hamilton nicht so chancenlos wie die von Räikkönen gegenüber Vettel.

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Vettels Sieg in Ungarn: Doppelsieg und Doppelorder

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Es war ein Szenario für ein spannendes Drama auf einer ganz besonderen Bühne: Der Hungaroring mit seiner speziellen Streckencharakteristik macht es fast unmöglich, zu überholen, ganz ähnlich wie in Monaco. Die Strategen an der Boxenmauer bezogen das natürlich in ihre Kalkulation mit ein.

So musste man bei Ferrari gar keine Teamorder ausgeben, um Sebastian Vettel, der trotz der Probleme ein starkes und absolut fehlerfreies Rennen fuhr, an der Spitze zu halten. Es reichte, die Beschwerden von Räikkönen zu ignorieren und Vettel eben keine Anweisung zu geben, seinen Teamkollegen vorbeizulassen. Aus eigener Kraft zu überholen, das wäre ihm kaum möglich gewesen, gab der Finne zu, "zumindest nicht mit dem unter Teamkollegen für so einen Fall angemessenen Risiko".

Ferrari vermied es auf diesem Weg, dass Vettel unter den direkten Druck der Mercedes-Piloten geriet. Hamilton und Bottas hätten womöglich deutlich kompromissloser attackiert. Mit einem Vorbeiwinken von Räikkönen hätte man bei Ferrari riskiert, dass Vettel mit seinem angeschlagenen Auto mehr als nur einen Platz verliert. Es war ein Plan, der aus Sicht des einen oder anderen Kritikers durchaus einen Sieg riskierte. Aber der italienische Rennstall baute bei seiner Entscheidung auf den Faktor, den auch Hamilton anerkennen musste: Wenn der Vordermann keinen Fehler macht, dann geht nichts.

Das merkte Hamilton schnell - kurz nachdem die Mercedes-Box den Briten an Bottas vorbei geholt hatte, damit Hamilton seinen Angriff auf Ferrari starten konnte. Der Deal, von Hamilton von Anfang an so akzeptiert, hieß: Er bekam die Chance, die Ferrari zu knacken. Schafft Hamilton das nicht, würde er Bottas den Platz zurückgeben. Eine Strategie, die zumindest nach außen von allen bei Mercedes, auch von Niki Lauda, voll mitgetragen wurde. Auch wenn es intern durchaus Diskussionen gab, wie Teamchef Toto Wolff verriet.

Hamilton: "Hätte einige Gründe gegeben, meine Position einfach zu behalten"

Vor allem ganz am Ende wurde es dann aber schwierig. Denn inzwischen hatte Bottas sieben Sekunden auf Hamilton verloren und Max Verstappen rückte auf frischeren Reifen dicht heran - das Risiko, dass der Niederländer bei einem Platztausch noch beide Silberpfeile einkassieren würde, war groß.

Auch Hamilton fing an, zu überlegen: "Es hätte vom Verstand her einige Gründe gegeben, meine Position einfach zu behalten: die Gefahr, dass die Aktion schiefgeht, dass ich dann nur Fünfter werde, noch zwei Punkte mehr verliere", sagte er. "Außerdem war ich ja heute definitiv schneller als Valtteri." Am Ende aber erfüllte er den Deal: "Ich hoffe, dass ich damit gezeigt habe, dass ich ein Mann bin, der zu seinen Entscheidungen steht - und ein Teamplayer", sagte der Brite. Er könne nur hoffen, dass ihm am Ende nicht genau diese drei Punkte zum WM-Titel fehlen würden: "Was ich dann denken würde, weiß ich nicht. Aber ich habe immer gesagt, dass ich die WM auf die richtige, saubere Art gewinnen möchte."

Auch für Wolff war die Situation sehr kompliziert: "Ich fühle mich nicht besonders gut, denn es war schwierig, diese Entscheidung zu treffen", sagte der Motorsportchef: "Aber sie entspricht den Werten unseres Teams, mit denen wir bisher sechs Titel, drei Fahrer- und drei Konstrukteurs-Weltmeisterschaften, gewonnen haben." Die Gefahr, dass die Aktion weitreichende Folgen haben könnte, sieht auch Wolff: "Sollte Lewis am Ende den Titel um genau diese drei Punkte verlieren, dann werden uns alle für dumm erklären. Ich hoffe einfach mal, dass das nicht passiert."

Wenn es nach Lewis Hamilton geht, dann sollte es ohnehin so etwas wie Karma geben: "Ich glaube daran, dass, wenn man etwas Gutes und Richtiges tut, man dann auch etwas Gutes und Richtiges zurückbekommt."

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