Ferrari in der Formel 1 Plötzlich Gute-Laune-Rennstall

Der neue Ferrari ist schnell, das haben die ersten Testfahrten gezeigt. Noch beunruhigender für Konkurrent Mercedes: Die Atmosphäre beim lange zerstrittenen Team aus Italien hat sich verändert.
Sebastian Vettel

Sebastian Vettel

Foto: ALEJANDRO GARCIA/EPA-EFE/REX

Was die überraschend schnellen Rundenzeiten von Ferrari in der ersten Formel-1-Testwoche von Barcelona wirklich wert sind, steht erst nach dem Saisonauftakt in Australien (17. März) fest. Die Konkurrenz nahm den laut Sebastian Vettel "vielleicht besten Trainingsauftakt überhaupt" zur Kenntnis: "Gut für ihn", sagte Lewis Hamilton und schob nach, Ferrari sei ja auch bei den Testfahrten der vergangenen Jahre sehr stark gewesen. Weltmeister wurde aber er, der Mercedes-Pilot.

Darauf hoffen die Silberpfeile auch 2019, Ziel ist der sechste WM-Titel in Serie. Dauersieger Mercedes könnte jedoch einem runderneuerten Gegner gegenüberstehen: Denn bei Ferrari scheint durch den Führungswechsel, Maurizio Arrivabene wurde durch den bisherigen Technikchef Mattia Binotto ersetzt, ein grundlegender Wandel stattgefunden zu haben. Das Team ist in den ersten Tagen nicht mehr mit dem der vergangenen Saison zu vergleichen.

Das fängt bei Kleinigkeiten an: "Man fühlt sich auf einmal willkommen", sagt Peter Bürger, seit vielen Jahren für Vettels Helm verantwortlich. "Wenn man etwas im Ferrari-Motorhome zu tun hat, wird man freundlich begrüßt, bekommt einen Kaffee angeboten." Früher sei man sich laut Bürger eher wie ein Störenfried vorgekommen. Auch die Pressearbeit hat sich mit der von McLaren gekommenen Pressechefin Silvia Hoffer Frangipane verbessert.

Sebastian Vettel

Sebastian Vettel

Foto: ALBERT GEA/ REUTERS

Eine weitere Veränderung ist bei den Mechanikern und bei Binotto selbst zu beobachten. Anders als in der zweiten Saisonhälfte 2018, als Vettel seinen Acht-Punkte-Vorsprung nach zehn Rennen durch eigene Fehler, aber auch dank fehlender Weiterentwicklung durch Binottos Technikabteilung vergab, herrscht im Ferrari-Lager eine positive Grundstimmung. Der Machtkampf zwischen Arrivabene und Binotto ist vorbei, der 49 Jahre alte neue Teamchef strahlt im Fahrerlager ein neues Selbstbewusstsein aus.

Alles wird dem ersten WM-Titel seit 2007 untergeordnet, das spürt auch Vettel. Dabei hilft, dass er von Anfang an "ein sehr gutes Gefühl" hatte. Ein Eindruck, der sich schon am ersten Testtag bestätigte: Der in ungewohnt mattem Rot daherkommende Ferrari SF90 ist nicht nur schnell sondern auch sehr zuverlässig. Vettel und sein neuer Teamkollege Charles Leclerc konnten das angepeilte Programm durchziehen, nach vier Tagen kam Ferrari auf 598 Runden.

"Das Auto macht, was ich will", sagte Vettel. "Ich kann es überall hinwerfen, wieder richtig damit spielen." So positiv äußerte er sich zuletzt 2013 über den Red Bull, sein letztes Weltmeister-Auto. Noch fehlen die Vergleichswerte: Die Teams machen beispielsweise keine Angaben über Benzinmengen, es wird auf unterschiedlichen Reifen gefahren, die Asphalttemperaturen waren sehr unterschiedlich.

Charles Leclerc

Charles Leclerc

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"Wenn ein Auto vom ersten Moment an gut liegt, gleich sehr gut ausbalanciert ist, dann ist das ein sehr gutes Zeichen", sagt der ehemalige Rennfahrer und langjährige TV-Experte Marc Surer. "Und das, was ich da draußen auf der Strecke gesehen habe, sah schon mal sehr gut aus." In Mercedes- und Red-Bull-Kreisen wird gemutmaßt, Ferrari könne zum Saisonstart etwa eine halbe Sekunde voraus sein. Solche Berechnungen sind jedoch mit Vorsicht zu genießen.

Für Vettel ist ohnehin etwas anderes wichtiger: Die neue Ferrari-Führung stellt sich deutlicher hinter ihn, als das zuletzt mit Kimi Räikkönen an seiner Seite der Fall war. Leclerc wird im Kampf um Siege im Zweifelsfall erst einmal zurückstecken müssen. So, wie das ja bei Mercedes zwischen Hamilton und Valtteri Bottas in den allermeisten Fällen auch läuft - und auch bei Ferrari früher immer lief, ob zu Schumacher- oder Alonso-Zeiten, unter den Teamchefs Jean Todt oder Stefano Domenicali.

"Wenn es in den ersten Rennen zu kritischen Situationen kommen sollte, dann hat Sebastian Priorität", sagte Binotto bei der Präsentation des neuen Autos. "Das ist ganz normal. Sebastian soll uns zum Titel führen. Er muss nichts mehr beweisen. Charles muss noch viel lernen, das sagt er selber. Das ist also keine Benachteiligung von Leclerc, das ist Chancenoptimierung für Ferrari."

Gute Laune allein wird die Scuderia nicht zum WM-Titel führen.