SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

07. Juli 2017, 13:38 Uhr

Folgen des Vettel-Remplers

Lewis Hamilton gefällt das

Von Karin Sturm

Sebastian Vettel muss nach seinem Rempler gegen Lewis Hamilton aufpassen, sonst droht eine Rennsperre. Der Brite weiß, wie er das nutzen kann - doch auch seine Rolle sorgt weiter für Diskussionen.

Fast zwei Wochen ist das bisher verrückteste Rennen der Formel-1-Saison her, am Wochenende treten die Fahrer schon wieder gegeneinander an - beim Großen Preis von Österreich (Rennen am Sonntag, 14 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Doch noch immer beschäftigt das Rennen von Baku die Experten, Teams und auch die Fahrer.

Die beiden Hauptprotagonisten, Sebastian Vettel und Lewis Hamilton, saßen am Donnerstag bei der Pressekonferenz in Österreich nebeneinander auf dem Podium, dazwischen hatte der Däne Kevin Magnussen vom Rennstall Haas F1 Platz genommen. Als Puffer? Oder ist alles wieder gut zwischen den beiden Stars?

Vettel wollte nicht mehr viel zu dem Vorfall sagen, er habe in der Hitze des Augenblicks eine andere Sicht auf die Dinge gehabt als "mit einem gewissen Abstand". Noch in Baku habe er "kurz mit Lewis gesprochen, aber ich glaube es ist unser Recht, dass das unter uns bleibt". Auch Hamilton betrachtet die Sache damit als erledigt, allerdings war er nicht bereit, in Baku geäußerte heftige Vorwürfe gegen Vettel wirklich zurückzunehmen. Doch, doch, der Respekt sei nach wie vor da.

Noch mal zur Erinnerung: Vettel war während einer Safety-Car-Phase beim Großen Preis von Aserbaidschan von hinten auf den führenden Hamilton aufgefahren, weil dieser seiner Meinung nach unnötig gebremst hatte. Anschließend fuhr Vettel neben Hamilton und rempelte ihn von der Seite an. Dafür bekam er neben den drei Strafpunkten eine Zehn-Sekunden-Zeitstrafe. Im Rennen belegte Vettel Platz vier, Hamilton wurde Fünfter. Insgesamt hat Vettel nun neun Strafpunkte, bei weiteren drei Strafpunkten müsste er ein Rennen aussetzen.

Für Vettel ist die Situation im Moment nicht einfach, er steht unter besonderer Beobachtung, darf sich derzeit nichts mehr leisten. Es gehört zum Handwerkzeug der Formel-1-Konkurrenz, solche Chancen zu erkennen und zu nutzen - zum Beispiel via Social Media. Hamiltons offizieller Twitteraccount klickte bei einem Fan-Tweet, der der Fia den Verlust jeder Glaubwürdigkeit vorwarf, weil man keine zusätzliche Strafe gegen Vettel ausgesprochen habe, und der Sportbehörde vorwarf, immer nur zugunsten von Ferrari zu urteilen, auf das kleine Herz unter dem Beitrag. Heißt: Lewis Hamilton gefällt das.

Gut möglich, dass Hamilton oder andere Fahrer Vettel auch auf der Strecke zu provozieren versuchen. Auch das gehört in der Rennserie zu den gängigen Tricks, wenn bekannt ist, dass jemand bei allem, was er tut, sehr vorsichtig sein muss, um nicht wieder ins Visier der Aufpasser zu geraten.

"Mindestens 100 Zwischenfälle auf der Strecke, die gefährlicher waren"

Hamilton kann sich derzeit entspannt zurücklehnen als der Sieger der Baku-Affäre, obwohl er nur Fünfter wurde. Viele ehemalige Piloten sind hingegen der Meinung, die ganze Sache sei übertrieben dargestellt worden. Martin Brundle, Ex-Teamkollege von Michael Schumacher bei Benetton und heute als Experte für Sky England unterwegs, sagt: "Es gab in der Vergangenheit mindestens 100 Zwischenfälle auf der Strecke, die viel größere Konsequenzen hatten und gefährlicher waren als dieses Manöver von Sebastian - und für die sich nie jemand interessiert hat. Vettel hat seine Strafe ja bekommen, hat dadurch das Rennen verloren - damit sollte es dann aber auch gut sein."

Die Datenanalyse der Fia bei Hamilton hatte ergeben, dass der Brite nicht gebremst hat und auch nicht komplett vom Gas gegangen war. Nicht komplett, aber ein bisschen eben schon, am Kurvenausgang, wo eher mit einem Beschleunigen zu rechnen ist. Insofern ist Vettels Einschätzung vom "Braketest" nicht völlig abwegig, auch wenn Hamilton betont, keinerlei solche Absichten gehabt zu haben.

Überhaupt Formulierungen: Im Reglement steht auch, dass der Führende bei einem Neustart das Tempo vorgibt. Allerdings auch, dass er nicht "erratisch" fahren und so andere in Gefahr bringen dürfe. ORF-Experte Alexander Wurz, der schon während der Liveübertragung anhand einer Displayeinblendung erkannt haben will, dass Hamilton die Bremse zumindest angetippt habe, sagt: "Vielleicht hätte man gleich sagen sollen, dass Lewis gebremst hat, aber eben nicht 'erratisch'. Sebastian war halt sehr dicht dran und hätte angesichts der besonderen Streckenverhältnisse von Baku wohl damit rechnen müssen." Felipe Massa, der hinter Vettel und Hamilton fuhr, formulierte es so: "Sebastian hat durch seine Überreaktion die Chance vergeben, dass Hamilton vielleicht für zu starkes Verlangsamen bestraft worden wäre."

Ob die Regel, was bei einem Re-Start erlaubt ist und was nicht, präzisiert werden muss, wird im Fahrerlager viel diskutiert. Massa hält das zumindest für eine Überlegung wert. Zum Beispiel durch einen festgelegten Punkt am letzten Kurvenausgang vor dem Neustart, nach dem zumindest eine konstante Geschwindigkeit beibehalten werden muss. "Der, der vorne liegt, wird immer versuchen, die Situation für sich zu nutzen", sagt Pascal Wehrlein. Der Deutsche sieht aber auch die Schwierigkeit neuer Bestimmungen: "Man müsste das dann auf jeder Strecke anders regeln, das kommt ja auch immer darauf an, wie die letzte Kurvenkombination aussieht, wie lang die nächste Gerade ist."

Eigentlich wollte die Formel 1 in Zukunft ja eher mit weniger als mit noch mehr Reglementierungen auskommen. Bis dahin ist es aber wohl noch ein langer Weg.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung